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Kartellamt ist besorgt Ist Amazon jetzt systemrelevant?

Stand: 20.04.2020, 09:38 Uhr

Während die Verteilerzentren von Amazon in Frankreich wegen mangelndem Schutz der Mitarbeiter geschlossen wurden, setzt Amazon an einigen Standorten Wärmebildkameras ein. Dem Kartellamt bereitet das Verhalten des Konzerns Sorgen.

Die Kartellwächter blicken dabei vor allem auf die Zunahme der Marktmacht des Versandriesen. "Wir beobachten das Verhalten des Unternehmens sehr eng", sagte Kartellamtspräsident Andreas Mundt gegenüber der Zeitung "Welt". "Ausgelöst durch die Corona-Krise erhalten wir derzeit vermehrt Beschwerden von Händlern", so der Behördenchef. Das habe das Amt zum Anlass genommen, Amazon zu einer Stellungnahme darüber aufzufordern, wie mit Lieferengpässen umgegangen werde und welche Lieferungen im Zweifel bevorzugt oder eben nachrangig behandelt würden.

Auch die EU-Kommission prüft bereits seit Monaten mögliche Kartellverstöße der Online-Plattform im Umgang mit Händlern. Die Pandemie habe den Weltmarktführer nun in Deutschland in eine neue Rolle gebracht, erklärte der Ökonom und Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein der "Welt".

"Auch wenn es vielen nicht gefällt und es Handelsexperten schon fast nicht auszusprechen wagen: Schon jetzt ist Amazon systemrelevant." Die Marktmacht des Konzerns sei in der Krise "auf ein besorgniserregendes Maß gestiegen", sagte Heinemann. Sie werde auch danach weiter zunehmen.

Schwere Vorwürfe in den USA und Frankreich

Derweil kämpft Amazon in den USA und in Frankreich mit dem Vorwurf mangelnder Vorsichtsmaßnahmen für die Mitarbeiter in Zeiten der Corona-Pandemie. An einigen Standorten will das Unternehmen nun Wärmebildkameras einsetzen. Um die Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter zu unterstützen, werde bereits täglich ihre Temperatur gemessen, erklärte Amazon-Sprecherin Kristen Kish am Samstag auf Anfrage. An einigen Standorten würden nun zusätzlich Wärmebildkameras eingesetzt, um die Maßnahme zu optimieren. An welchen Standorten die Wärmebildkameras eingesetzt werden, sagte die Sprecherin nicht.

Ausgangsbeschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie haben die Nachfrage nach Amazons Lieferdiensten in vielen US-Regionen regelrecht explodieren lassen. Das Unternehmen tut sich mit dem Ansturm schwer, viele Kunden müssen derzeit lange warten oder können gar keine Bestellungen aufgeben. Amazon wird zudem vorgeworfen, in der Corona-Krise nicht genug für den Schutz der Mitarbeiter zu unternehmen. Der Konzern hatte deshalb schon mit Protesten und Arbeitsniederlegungen zu kämpfen.

Verteilerzentren in Frankreich weiterhin geschlossen

So müssen die Logistikzentren in Frankreich nach einem Gerichtsurteil weiterhin geschlossen bleiben. Die Mitarbeiter würden sicher noch bis einschließlich Mittwoch zu Hause bleiben, sagte ein Amazon-Sprecher. Ein Gericht im Pariser Vorort Nanterre hatte vergangene Woche entschieden, dass die Mitarbeiter der Logistikzentren nicht ausreichend gegen Coronavirus-Gefahren geschützt seien.

Amazon müsse sich auf Bestellungen von Nahrungsmitteln sowie Hygiene- und Medizinartikeln beschränken, bis die Schutzmaßnahmen verbessert sind, entschieden die Richter in Nanterre. Angesichts der drohenden Strafe von einer Million Euro pro Verstoß entschloss sich das Unternehmen, die Logistikzentren vorübergehend zu schließen.

Das Gericht hatte Amazon auferlegt, in allen Lagern eine Risikobewertung durchzuführen und erforderliche Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Amazon hatte nach eigenen Angaben bereits investiert, um für die Sicherheit der Mitarbeiter zu sorgen. So seien in den vergangenen vier Wochen in die französischen Standorte 1,5 Millionen Schutzmasken und 27.000 Liter Hand-Desinfektionsmittel gebracht worden.

lg/dpa/rtr