Mann vor Fernglas

Wochenausblick Alle Augen auf neue Konjunkturdaten

von Robert Minde

Stand: 30.08.2020, 08:15 Uhr

Die Anleger blicken kommende Woche mit Spannung auf zahlreiche neue Makro-Daten aus den großen Volkswirtschaften. Es könnte eine wegweisende Woche werden.

Denn die hohen Kurse an den Aktienmärkten bilden bisher die Erwartung der Marktteilnehmer ab, dass sich die Wirtschaft nach der Corona-Krise wieder erholt - und zwar schnell, also V-förmig. In der kommenden Woche erwarten die Marktteilnehmer eine ganze Fülle neuer Konjunkturdaten, die weiteren Aufschluss darüber geben dürften, ob dieses Szenario realistisch ist.

Die Messlatte liegt hoch

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
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Die Börsen jedenfalls haben bereits reichlich Vorschusslorbeeren verteilt und stehen an oder auf neuen Rekordhöhen. Dem Dax fehlen zum Allzeithoch vom 17. Februar bei 13.795 Punkten noch gut 750 Punkte oder 5,8 Prozent. In einer guten Börsenwoche kann dieses Ziel durchaus in Reichweite kommen.

In Amerika werden die Indizes von den Technologieaktien angetrieben, die hierzulande in dieser Dichte auf dem Kurszettel fehlen. Die Techwerte gelten spätestens nach den jüngsten Geschäftszahlen als klarer Gewinner der Krise. Entsprechend sind die Nasdaq-Indizes, aber auch der S&P-500-Index auf Rekordkurs, der Leitindex Dow Jones aber bleibt knapp darunter.

Denn was ist mit der "Old Economy", was ist mit der Industrie, den Banken, den stationären Einzelhändlern oder der ganzen Freizeitbranche? Hier sind die Nachrichten sehr viel differenzierter und meist weit weniger euphorisch als bei Amazon & Co. Eine flächendeckende Erholung aber, bei der zahlreiche Branchen teilweise ums Überleben kämpfen, dürfte insgesamt auf tönernen Füßen stehen.

Arbeitsmarktdaten im Blick

Um dies zu vermeiden, ist für die USA die Rechnung relativ einfach: Eine Erholung des Arbeitsmarktes ist zwingende Voraussetzung dafür, dass sich die größte Konsumökonomie der Welt wieder erholt. Am Freitag kommt deshalb den Arbeitsmarktdaten aus dem August besondere Bedeutung zu.

Viele Ökonomen rechnen damit, dass die Erholung in den USA anhält, wenn auch mit etwas schwächerer Dynamik. Bereits im Juli hatte der von der Corona-Krise arg gebeutelte US-Arbeitsmarkt zwar weiter Boden gutgemacht, aber es wurden nicht so viele Stellen aufgebaut wie in den beiden Vormonaten. Experten rechnen für August im Schnitt mit 1,55 Millionen geschaffenen Stellen außerhalb der Landwirtschaft nach zuletzt 1,763 Millionen.

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
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Wie wichtig das Thema Arbeitsplätze ist, zeigt auch der jüngste Strategieschwenk der US-Notenbank um Bankchef Jerome Powell. Diese will sogar beim Inflationsziel etwas großzügiger werden, wenn dafür wieder mehr Menschen in Lohn und Brot kommen. Tendenziell wird dadurch auch der Dollar weiter geschwächt, denn ein Ende der Nullzinsen ist nun in noch weiterer Entfernung als ohnehin schon.

Und auch für den auf der Ziellinie stehenden US-Wahlkampf wird es sicher wichtig sein, ob und wie stark die Erholung einsetzt. Präsident Trump ist durch Corona jedenfalls in die Defensive geraten. "Für die von einer ultraexpansiven Geldpolitik und billionenschweren Konjunkturstimuli getriebenen Börsen wird die US-Wahl aber nicht zu einem Game-Changer werden", sagt Eckhard Schulte, Chef des Vermögensverwalters MainSky Asset Management.

Viele weitere Makro-Daten

Präsident der Federal Reserve Jerome Powell

Präsident der Federal Reserve Jerome Powell. | Bildquelle: picture alliance / CNP

Nicht nur in Amerika, auch in Europa werden zahlreiche neue Kojunkturdaten erwartet. "Die Vielzahl der Makrodaten wird zeigen, wie die Ausgangsposition für eine weitere Konjunkturerholung im Herbst wirklich ist", äußert Robert Greil, Chefstratege von Merck Finck.

In den USA werden am Dienstag und Donnerstag die ISM-Indizes für die Industrie und die Dienstleistungen erwartet. An den selben Tagen stehen die finalen entsprechenden Indizes des Londoner Anbieters Markit für Europa und die USA auf der Agenda.

Zum Wochenstart kommen zudem aus Deutschland Verbraucherpreisdaten und zum Wochenschluss Industrie-Auftragseingänge. "Die Auftragseingänge der deutschen Industrie dürften im Juli erneut deutlich zugelegt haben, und die Kernteuerungsrate im Euroraum ist im August voraussichtlich merklich gefallen."

Zu beachten bleiben auch die Daten aus dem US-Hausmarkt und der Bauwirtschaft. Denn die Nullzinsen beginnen anscheinend zu wirken. Die Zahlen steigen deutlich, was bekanntlich zum Ende der vergangenen Dekade schnurstracks in die Finanzkrise geführt hat. US-Bauinvestitionen werden am Dienstag erwartet.

Am Mittwoch ab 20:00 Uhr MEZ gibt es dann noch den Konjunkturausblick der Fed, das Beige Book. Auch aus China und Japan gibt es kommende Woche weitere Makro-Daten. Für China unter anderem den August-PMI für das verarbeitende Gewerbe und die Dienste gleich am Montag.

Über allem schwebt Corona

Fast schon überflüssig zu erwähnen: Die Entwicklung der Corona-Epidemie lastet natürlich weiterhin wie ein Damoklesschwert über den Märkten (zur Erinnerung: deren Überwindung ist bereits eingepreist). Auch die US-Notenbank hat zuletzt keine Zweifel daran gelassen, dass der Fortgang der wirtschaftlichen Erholung maßgeblich von der Krise bestimmt werden wird.

Fakt ist: Die Infektionszahlen an sich rechtfertigen keine Entwarnung, im Gegenteil. In Europa steigen die Zahlen, es gibt weitere Reisewarnungen. In den USA gehen sie zwar zurück, bleiben aber auf verheerendem Niveau.

Ein wirklicher Game-Changer an der Börse wird erst die Zulassung eines Impfstoffs oder eines wirksamen Medikaments sein. Hier geht das milliardenschwere Rennen der forschenden Unternehmen um CureVac & Co. in eine neue Woche. Neue Nachrichten in Sachen Impfstoff führen dabei stets dazu, alles andere liegen und stehen zu lassen. Ansonsten stehen aus dem Unternehmenssektor nur wenige Zahlen aus der zweiten Reihe auf der Agenda.

Am Donnerstag überprüft die Deutsche Börse nach dem Rauswurf von Wirecard aus dem Dax noch ihre Index-Zusammensetzungen und auch in den USA gibt es zum Monatsende ein Stühlerücken im Leitindex Dow Jones. Denn Indexmitglied Apple führt einen 1:4-Split durch, was den Index kräftig durchschüttelt. Am Montag ist die Londoner Börse wegen eines Feiertages geschlossen.