Schäferhund fletscht die Zähne

Von Stada bis Bayer Aktivisten auf dem Vormarsch in Deutschland

von Notker Blechner

Stand: 17.07.2019, 16:30 Uhr

In den USA haben sie schon viele Konzernen umgekrempelt, nun drängen sie zunehmend nach Europa: die aktivistischen Investoren. Auch immer mehr deutsche Firmen geraten ins Visier von Elliott, Cevian & Co. Warum bloß?

Sie haben Stada zum Verkauf gezwungen, Thyssenkrupp zur Aufspaltung getrieben und dem SAP-Vorstand Beine gemacht. Aktivistische Fonds, die meist als Hedgefonds auftreten, haben Deutschland als neue Spielwiese entdeckt. Von 2016 bis 2018 zählte die Unternehmensberatung Alix hierzulande 26 aktivistische Kampagnen. Tendenz steigend.

Paul Singer

Paul Singer. | Bildquelle: World Economic Forum.swiss-image.ch/Photo Remy Steinegger

Zuletzt geriet auch Bayer ins Visier der aktivistischen Investoren. Elliott, der 35 Milliarden Dollar schwere Fonds von Paul Singer, machte seinen Einstieg beim von der Glyphosat-Klagewelle gebeutelten Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern öffentlich.

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Börse 14.00 Uhr: Investor Singer treibt Bayer vor sich her

Elliott am aktivsten hierzulande

Niemand unter den Aktivisten ist aktiver in Deutschland bisher als Elliott. Der Hedgefonds stand im vergangenen Jahr hinter vier von zehn aktivistischen Kampagnen. Der Investor hält nicht nur Anteile an Bayer, sondern auch an SAP, Thyssenkrupp, Uniper, Gea und SLM Solutions.

Neben Elliott mischt Cevian in Deutschland kräftig mit - zum Beispiel bei Thyssenkrupp und beim Baudienstleister Bilfinger. Andere Namen wie Value-Act, Trian oder Third Point sind dagegen weniger bekannt. Sie spielen in den USA eine wichtige Rolle, haben sich in Deutschland aber bislang noch zurückgehalten. Das könnte sich bald ändern, meinen Experten. "Die aktivistischen Hedgefonds sind in Wartestellung", meint Andreas Martin von Roland Berger.

Immer mehr Vorstände suchen Hilfe

Richard Thomas von der Investmentbank Lazard spricht von einem "dramatischen Wandel". Vor zwei Jahren noch hätten sich deutsche Konzerne keine Gedanken über aktivistische Anleger gemacht. "Jetzt bekommen wir immer mehr Anrufe von Vorständen und Aufsichtsräten" aus deutschen Konzernen. "Die deutschen Großkonzerne haben komplexe Strukturen, und einige haben mit dem Umbau gezögert", sagt der Lazard-Berater. Das biete Aktivisten jede Menge Chancen.

Der nach dem Ende der "Deutschland AG" geringe Anteil von Familien- und Staatsbeteiligungen mache deutsche Unternehmen verwundbar, meint Thomas. Hinzu komme die Konjunkturabschwächung, die deutsche Firmen noch angreifbarer macht. Viele von ihnen litten auch unter einer negativen Kursentwicklung und seien für Investoren attraktiv bewertet.

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Börse 14.00 Uhr Die Aktivisten kommen!

Knapp die Hälfte der Firmen auf Aktivisten vorbereitet

Nur knapp die Hälfte der deutschen Unternehmen sei auf die engagierten Aktionäre vorbereitet, warnte Roland-Berger-Experte Martin bei einem Vortrag jüngst auf der Jahreskonferenz des Deutschen-Investor-Relations-Kreises (DIRK). Die meisten Firmen hierzulande zeigten erhebliche Schwächen - in puncto Corporate Governance, ESG, Performance, Sentiment und Bewertung. Roland Berger hat untersucht, welche Firmen am besten und welche am schlechtesten auf die Aktivisten gerüstet sind. Demnach steht MTU bislang als am besten gerüstetes deutsches Unternehmen da.

Laut der Unternehmensberatung Alix sind typische Schwachpunkte, die Aktivisten anlocken, komplexe Firmenstrukturen, Konglomerate, Firmen, die im Vergleich zu ihren Konkurrenten niedrig bewertet werden, sowie schlechte Unternehmensführung (Governance). Unternehmen sollten sich überlegen, wie sie Forderungen von Aktivisten vorgreifen können.

Aufspalten und Börsenwert steigern

Die Aktivisten sind der Vorstandsschreck. Ihr Ziel ist ein Verkauf oder eine Aufspaltung des Unternehmens. Oder mitunter auch nur ein Aktienrückkauf. Damit soll der Börsenwert gesteigert werden.

Laut einer aktuellen Erhebung von Lazard hielten die zehn größten aktivistischen Investoren Ende Juni Aktien im Wert von 82,2 Milliarden Dollar an Unternehmen. Das sind 6,7 Milliarden Dollar mehr als drei Monate zuvor. 45 Prozent des investierten Kapitals flossen im ersten Halbjahr auf Ziele außerhalb der USA. Ein Jahr zuvor waren es erst 37 Prozent.

So viele Firmen wie nie angegriffen

2018 wurden 226 Unternehmen weltweit zum Ziel von aktivistischen Investoren - so viel nie. Allein in Europa wurden 56 Konzerne ins Visier genommen. Laut Daten von Refinitiv ist das die größte Anzahl seit der Finanzkrise.

Und "das ist erst der Anfang", meint Philipp Beck, verantwortlich für das M&A-Geschäft im deutschsprachigen Raum bei der UBS. Er geht davon aus, dass sich die US-Aktivisten weiter breit machen werden auf dem Kontinent, Neben der Schweiz seien Großbritannien und Deutschland besonders attraktiv.

Wer kommt als nächster dran?

Für Privatanleger könnte es sich lohnen, in Aktien von Firmen zu investieren, die bald ins Visier der Aktivisten geraten. Als mögliche Kandidaten gelten neben Bayer momentan Daimler und BASF. Siemens dagegen hat sich mit seinen radikalen Zerschlagungsstrategien vor möglichen aktivistischen Angriffen geschützt. Investmentbanker spotten schon, Siemens-Chef Joe Kaeser sei im Grunde der prominenteste aller Aktivisten in Deutschland.

Noch sind hierzulande Aktivisten durchaus willkommen. In Frankreich hingegen ist es für Hedgefonds zunehmend schwierigerer, sich an großen Konzernen zu beteiligen. Nach der Kampagne von Elliott bei Pernod Ricard schritt das Finanzministerium ein und will künftig den Einfluss aktivistischer Investoren beschränken.