Aktienhändler mit Kurs auf Notebook

Ist der Ofen aus? Aktienrückkäufe: Vom Heilsbringer zum Rohrkrepierer?

Stand: 12.06.2020, 13:29 Uhr

Jahrelang trieben die Aktienrückkäufe von Unternehmen die Börsen an. Angesichts der derzeitigen Krise droht der stete Geldstrom zu versiegen, mit schlechten Aussichten für Aktien. Oder etwa doch nicht?

S&P 500 (Indikation): Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum 10 Jahre
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Aktienrückkäufe waren in den vergangenen Jahren bildlich gesprochen eine eierlegende Wollmilchsau für die internationalen und speziell die amerikanischen Aktienmärkte. Sie trieben die Märkte gleich in zweierlei Hinsicht an. Auf der einen Seiten sorgten sie für eine zunehmende Nachfrage nach Aktien, was für steigende Aktienkurse sorgte.

Auf der anderen Seite zogen die Unternehmen einen Großteil der gekauften Aktien gleich wieder ein und vernichteten sie. Der Gewinn verteilte sich automatisch auf weniger Anteilsscheine. Dadurch legte der Gewinn je Aktie zu, das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) fiel. Die Aktien waren damit niedriger bewertet. Das wiederum ließ Aktien wiederum billiger erscheinen und zog neue Käufe nach sich.

Die Auswirkungen waren deutlich an der Börse zu spüren. Laut Morgan Stanley entwickelten sich die Aktienkurse von Unternehmen nach der Bekanntgabe von Aktienrückkäufen innerhalb eines Jahres um 13 Prozent besser als der Gesamtmarkt.

Diese Maßnahmen wurden insbesondere in Zeiten sinkender Zinsen immer attraktiver. Denn frühere Alternativen, wie das Geld bei Banken auf die hohe Kante zu legen, ist immer unattraktiver geworden. Zumindest im Euroraum müssen mittlerweile immer mehr Unternehmen Strafzinsen für Bankguthaben bezahlen.

Vier Billionen Dollar für Aktienrückkäufe

Allein im vergangenen Jahr sollen amerikanische Unternehmen für rund 730 Milliarden Dollar eigene Aktien zurückgekauft haben, seit dem Ende der Finanzkrise sogar für insgesamt rund vier Billionen Dollar.

Die Quellen für das dabei eingesetzte Kapital waren und sind dabei höchst unterschiedlich. Idealerweise erwirtschaften Unternehmen einen freien Cashflow. Das ist die Differenz zwischen Bargeldzufluss aus dem operativen Geschäft und den Ausgaben für Investitionen. Über diesen freien Cashflow können die Unternehmen frei verfügen. Sie können damit beispielsweise Dividenden ausschütten oder eben eigene Aktien zurückkaufen - ohne an die Substanz zu gehen.

Und dann gibt es Unternehmen, die keinen oder zu wenig freien Cashflow erwirtschaften, um eigene Aktien zurückzukaufen. Doch auch diesen Unternehmen wurde in der Vergangenheit gerne geholfen - nämlich mit Kredit.

JPMorgan Chase hat einmal genau nachgerechnet. Bis zu 30 Prozent der Aktienrückkäufe der Vergangenheit wurden durch die Ausgabe von Anleihen finanziert. In diesem Fall ging die Investition in eigene Aktien mit einer steigenden Verschuldung einher.

Barmittel werden knapp

Angesichts des weltweiten Konjunktureinbruchs dürften in nächster Zeit nur wenige Unternehmen über genügend Barmittel verfügen, um Geld in Aktienrückäufe zu stecken. Auch die Politik hat etwas dagegen: In den USA wird Staatshilfe nur gewährt, wenn die Unternehmen für mindestens zwölf Monate auf Dividenden und Aktienrückkäufe verzichten.

Zu den wenigen Ausnahmen dürfte Apple gehören. Das wertvollste amerikanische Unternehmen hatte bereits in der Vergangenheit mehr als zehn Milliarden Dollar pro Quartal in eigene Papiere investiert. Angesichts eines gigantischen freien Cashflows und eines Ratings der Verbindlichkeiten - deutlich besser als die Kreditwürdigkeit vieler Staaten mit hunderten von Millionen Einwohnern - auch kein Wunder.

Die Fed gibt alles

Aber auch sonst spricht eine Menge dafür, dass sich die Auswirkungen eines deutlich niedrigeren Aktienrückkauf-Volumens auf die Kurse in Grenzen halten werden. Denn allein in den USA ist die Bilanzsumme der Fed seit März von 4,2 auf 7,1 Billionen Dollar geklettert. Die amerikanische Notenbank hat in nur wenigen Monaten fast 3.000 Milliarden Dollar an zusätzlicher Liquidität zur Verfügung gestellt und damit ein Vielfaches des Volumens der Aktienrückkäufe des vergangenen Jahres.

An Geld mangelt es nun wahrlich nicht - wahrscheinlich werden die Notenbanken künftig noch mehr Heilsbringer der Aktienmärkte sein.

ME