Etsy: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum 2 Jahre

Aktie des Tages Etsy, die 200-Prozent-Aktie

Stand: 31.08.2018, 13:18 Uhr

Dawanda, der Online-Marktplatz für Kreative, hat dicht gemacht. Mangels Wachstum. Der amerikanische Rivale Etsy springt in die Lücke. Ein wahrer Überflieger - auch an der Börse.

Etsy ist um Längen größer Dawanda. Während auf der deutschen Plattform, die in der Nacht zum Freitag nach rund zwölf Jahren geschlossen hat, zuletzt 70.000 Händler ihre Waren anboten, sind es bei Etsy zwei Millionen, fast 30 Mal so viel. Etsy hat das frischere, coolere Image, während Dawanda selbst bei den eigenen Händlern eher wie eine "selbstgehäkelte Hausfrauenseite" daher kam.

2005 gegründet, wuchs Etsy in einem atemberaubenden Tempo. Schon im Jahr 2011 waren 800.000 Verkäufer aktiv und 12.000 Käufer registriert. Angeboten werden handgemachte Produkte, allerdings weniger Häkelware und Schnullerkette, dafür mehr Kunst, Fotografie, Mode, Schmuck, Kosmetikprodukte und Spielzeug. Und auch „Vintage“, dazu müssen die angebotene Artikel mindestens 20 Jahre alt sein.

Den deutschen Markt eroberte Etsy im Nu, 2010 wurde eine Niederlassung in Berlin eröffnet, um Dawanda und ezebee.com Konkurrenz zu machen. Seit Oktober 2012 ist die iPhone-App auch in Deutsch erhältlich.

Ein Konkurrent weniger

Dawanda konnte da nicht mithalten, zumal auch Amazon seit 2016 in dem Do-it-yourself- Segment mitmischt. Nach den USA öffnete Amazon Handmade seine Verkaufskanäle in Europa für Kunsthandwerker und ihre selbstgefertigten Produkte. Dawanda-Gründerin und Geschäftsführerin Claudia Helming gibt nun auf. Die Konkurrenz schien dem Unternehmen zu stark, das Risiko weiterzumachen zu groß. "Wir mussten uns in den letzten Jahren zunehmend eingestehen, dass es uns alleine nicht gelingen wird, das Wachstum weiter voranzutreiben." Dawanda sei nicht insolvent, aber man habe handeln müssen, um den Verkäufern langfristig das Bestehen ihrer Unternehmen, ihre Einkommen und weiteres Wachstum zu sichern. Dabei hatte Dawanda es sogar in die Gewinnzone geschafft, im Herbst 2017 schrieb die Firma erstmals schwarze Zahlen.

Der Dawanda-Etsy-Deal

"Ich denke, wir hätten früher verkaufen können, sollen und müssen", sagte sie dem "Tagesspiegel" (Donnerstag). Den richtigen Zeitpunkt dafür habe sie verpasst, und nun sei es für einen "klassischen Unternehmensverkauf" zu spät. So sei es zu der Vereinbarung mit Etsy gekommen. Der Deal mit Etsy sieht vor, dass die Dawanda-Verkäufer mit ihrem Shop einfach zu Etsy umziehen. Für den Umzug wurde eigens ein Tool entwickelt.

Ob Etsy für die Übernahme der Verkäufer von Dawanda zahlt, da hält sich Etsy bedeckt. Helming sagte dem "Tagesspiegel": "In gewisser Weise ja. Ich kann aber zu den Summen nichts sagen."

Etsy-Aktie auf Raketenflug

Das Dawanda-Aus dürfte für Etsy die Chance auf einen kräftigen Wachstumsschub eröffnen. Dabei kann sich das Unternehmen über Wachstum wirklich nicht beklagen. Ende 2017 hatte die Plattform knapp 20 Millionen aktive Käufer.

Auch die Aktie kann sich sehen lassen. Sie legte in den letzten zwölf Monaten 200 Prozent zu, hat sich also verdreifacht. Die letzten Quartalszahlen und die Prognoseanhebung Anfang August gaben der Aktie einen extra Schub von fast 20 Prozent. Etsy verbuchte im zweiten Quartal 3,4 Millionen Dollar Gewinn. Der Umsatz kletterte um 30 Prozent auf 130 Millionen Dollar, im Gesamtjahr sollen es 587 bis 596 Millionen werden.

Fulminanter Börsengang

Schon der Börsengang war ein Riesenerfolg. Die New Yorker Firma nahm durch die Ausgabe von 16,7 Millionen Aktien 267 Millionen Dollar ein. Der erste Kurs war doppelt so hoch wie der Ausgabepreis von 16 Dollar, ein Preis am oberen Ende der angekündigten Preisspanne. Damit erreichte Etsy zum Börsenstart eine Marktbewertung von etwa 1,8 Milliarden Dollar. Zwar ging es danach erst einmal deutlich abwärts, aber seit Anfang 2016 startet die Aktie durch, der Kurs knackte jüngst die 50-Dollar-Marke.

Ob Dawanda aber tatsächlich so viel Schub bringt, ist nicht raus. Dawanda-Verkäufe sind noch skeptisch in puncto Rechtssicherheit. Das deutsche Widerrufsrecht auf Etsy etwa ist noch nicht korrekt eingebaut, und auch mit der Datenschutzgrundverordnung habe Etsy Probleme. Zudem ist die Größe der Plattform abschreckend, da gehen kleine Anbieter schnell unter.

Insider verkaufen Etsy

Kritik gibt es auch an der zunehmenden Kommerzialisierung. Inzwischen erlaubt Etsy auch Massenware. In den Anfangszeiten war das undenkbar. Deshalb sagen Kritiker, die Firma entferne sich von ihren Idealen. "Kauf gute Sachen von echten Leuten" - das Motto von Etsy passt da nicht mehr recht.

Die Aktie könnte zudem einen Dämpfer bekommen, da es zuletzt vermehrt zu Insider-Verkäufen gekommen ist. So stieß Etsy-Direktor M. Michele Burns Anfang August 50.000 Aktien ab. Insiderkäufe werden an der Börse als eine Art Warnsignal gewertet.

Zu hoch geschossen?

Analysten heben zwar die Daumen, allerdings sind sie damit noch nicht in der neuen Etsy-Kurswelt angekommen. Morgan Stanley etwa erhöhte das Kursziel jüngst von 23 auf 36 Dollar, die Investmentfirma Stifel Nicolaus von 30 auf 37 Dollar. Gut denkbar, dass die Aktie mit einem Kurs von 50 Dollar einfach schon zu hoch geschossen ist. Auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von über 100 ist ambitioniert, zeigt es damit doch eine vergleichbare Bewertung wie etwa Amazon.

bs

Dieses Thema im Programm:

MDR AKTUELL RADIO | 03. Juli 2018 | 06:53 Uhr