Britische Flaggen und Exit-Schild
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Warnung vor "hartem Brexit" Airbus droht mit Rückzug aus Großbritannien

Stand: 22.06.2018, 12:17 Uhr

Immer mehr deutsche Konzernchefs rechnen mit einem "harten Brexit". Besonders beunruhigt ist Airbus. Der Flugzeugbauer will seine Investitionen auf der Insel überdenken, falls Großbritannien ohne Deal aus der EU aussteigt.

Der Countdown läuft: Bis zum Jahresende muss es einen Austrittsvertrag zwischen Großbritannien und der EU geben. Ansonsten scheiden die Briten zum offiziellen Austrittstermin am 29. März 2019 ohne Abkommen aus der EU aus. Das wäre der "harte Brexit".

Ein solches Szenario halten inzwischen viele Wirtschaftsakteure für möglich. Vor allem deutsche Manager stellen sich darauf ein. So erwartet der Chef der Deutschen Börse, Theodor Weimer, einen harten Schnitt zwischen Großbritannien und den übrigen EU-Staaten Ende März des kommenden Jahres. "Wir müssen wohl oder übel davon ausgehen, dass es einen harten Brexit gibt", sagte er in dieser Woche in Frankfurt.

Schwere Produktionsstörung wäre die Folge

Welche negative Folgen dies hätte, skizziert Airbus in einem am Donnerstagabend vorgelegten Memorandum. "Einfach ausgedrückt gefährdet ein Szenario ohne Deal direkt die Zukunft von Airbus im Vereinigten Königkreich", erklärte Airbus-Chef Tom Enders in der Nacht zum Freitag. Falls das Land im März 2019 ohne Deal aus der EU aussteige und damit im kommenden Jahr Binnenmarkt und Zollunion sofort und ohne Übergangsphase verlasse, würde dies laut Airbus zu einer "schweren Störung und Unterbrechung" der Produktion führen. "Dieses Szenario würde Airbus dazu zwingen, seine Investitionen im Vereinigten Königreich und seinen langfristigen Fußabdruck im Land zu überdenken", warnte das Unternehmen.

Zudem sei die bisher angepeilte Übergangsfrist bis Ende 2020 zu kurz für den Konzern, um seine Lieferkette anzupassen. Bei diesem Zeitplan würde Airbus deshalb davon absehen, sein Zulieferer-Netz in Großbritannien noch auszubauen. In jedem Fall habe der Brexit negative Konsequenzen für die Luftfahrtindustrie im Vereinigten Königreich und für Airbus im Speziellen, sagte der Chef der Flugzeugsparte, Tom Williams.

Wird das Flügelfertigungswerk anderswohin verlagert?

Airbus beschäftigt nach eigenen Angaben 14.000 Mitarbeiter an 25 Standorten in Großbritannien. Gut 110.000 Jobs der britischen Zulieferer hängen an Airbus. In den britischen Werken Filton und Broughton werden alle Flügel der Airbus-Verkehrsflugzeuge entworfen und hergestellt. Ein Wegzug der Flügelfertigung aus Großbritannien wäre bei einem "harten Brexit" nicht ausgeschlossen.

Bereits vor dem Memorandum hatte Airbus-Boss Enders den Brexit als größte Gefahr gesehen. "Die Trümmer, die US-Präsident Donald Trump nach vier oder acht Jahren im Weißen Haus hinterlassen wird, könnten leichter zu reparieren sein als der britische Austritt aus der EU", sagte Enders kürzlich in London.

Bundesbank macht Geldhäusern Druck

Auch die Banken wären von einem "harten Brexit" betroffen. Eindringlich forderte in dieser Woche Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling von den Geldhäusern, für einen harten Brexit vorzusorgen. "Es beunruhigt uns Bankenaufseher sehr, dass einige Banken in ihren Anstrengungen nachgelassen haben", sagte Wuermeling vor dem Verband der Auslandsbanken in Deutschland. Banken, die bisher von London aus mit einer britischen Bank- oder Wertpapierhandelslizenz auf dem Kontinent Geschäft machen, könnten ab März 2019 EU-Pass dann nicht mehr nutzen. Die bisher von London aus tätigen Banken brauchen dann eine neue europäische Lizenz. Wer seinen Antrag erst nach Ende des aktuellen Quartals einreichen sollte, müsse mit beträchtlich sinkenden Chancen auf einen rechtzeitigen Abschluss des Lizenzierungsverfahrens rechnen, warnte Wuermeling.

Der Bundesbanker äußerte sich eher skeptisch, dass ein harter Brexit noch abgewendet werden kann. Kurz vor dem nächsten Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs sehe es nicht danach aus, als ob Lösungen für grundlegende Fragestellungen zur künftigen Partnerschaft schnell gefunden werden könnten. Die Nordirland-Grenze sei nur eines der heiklen Themen. "Insofern müsste der kommende Oktober-Gipfel ein riesiges Paket an Einigungen bringen", sagte Wuermeling.

Frankfurt als Brexit-Profiteur

Andererseits dürfte der "harte Brexit" zu einer massiven Verlagerung von Banken-Jobs von London auf den Kontinent führen. Vertreter der Auslandsbanken rechnen mit einer zweiten großen Umzugswelle in den nächsten Monaten. Als Profiteur sieht sich vor allem Frankfurt. Lobbyisten wie Sven Väth von Main Finance rechnen mit 10.000 neuen Jobs in der Main-Metropole. Bisher ist die Prognose (noch) nicht eingetreten. 22 Banken haben bisher angekündigt, Teile ihres Geschäfts von London aus nach Frankfurt zu verlagern. Zuletzt haben sich die chinesische Investmentbank Essence International und die Royal Bank of Canada für Frankfurt entschieden.

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Entscheidend wird sein, wohin das Euro-Clearing abwandert. Die Deutsche Börse hofft, dass sie ein großes Kuchenstück abbekommt. Die Politik wird in den nächsten Monaten entscheiden, wie diese Geschäfte nach dem Brexit beaufsichtigt werden und damit auch, ob London seine Vormachtstellung behalten wird. "Das Thema Clearing gehört nach Hessen", forderte Börsenchef Weimer.

Die Europäische Zentralbank (EZB) braucht nach Einschätzung von Notenbank-Direktor Yves Mersch neue geldpolitische Instrumente, um Clearing-Häuser geeignet kontrollieren zu können. Dies sei erforderlich, damit die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Rolle erfüllen könne, sagte Mersch jüngst in Frankfurt. Dafür müssten allerdings europäische Verträge angepasst werden.