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Poco-Mutter in der Krise Steinhoff-Ausverkauf geht weiter

Stand: 07.12.2017, 09:27 Uhr

Der Möbelkonzern versucht, die Anleger zu beruhigen. Verkäufe sollen frisches Geld in die Kasse bringen. Aber die Investoren wollen davon nichts wissen, der Ausverkauf geht an der Börse ohne Pause weiter.

Zur Eröffnung am Donnerstag verliert die im MDax notierte Steinhoff-Aktie in der Spitze mehr als ein Drittel ihres Wertes auf den bisherigen Tiefstwert von 0,72 Euro. Bei hoher Volatilität notiert das Papier aktuell um die Marke von 0,77 Euro. Der gnadenlose Ausverkauf geht damit ungebremst weiter.

Nach der Meldung, dass Firmenchef Markus Jooste seinen Hut genommen hat, kannten die Anleger bereits am Vortag kein Halten mehr. Das Papier wurde panikartig aus den Depots geworfen, am Ende stand ein dramatischer Tagesverlust von mehr als 63 Prozent auf 1,10 Euro.

An der südafrikanischen Börse fiel der Kurs in ähnlicher Größenordnung. Auch die vier ausstehenden Wandelanleihen stürzen entsprechend ab. Das Management versucht derweil, die Gemüter zu beruhigen.

Neues Geld in Sicht

Der Konzern habe Interessensbekundungen für den Verkauf von Randgeschäften erhalten, was die Kassenlage aufbessern könnte, teilte der im MDax notierte Mutterkonzern des Möbeldiscounters Poco am Mittwochabend mit. Entsprechende Verkäufe könnten die Liquidität um rund eine Milliarde Euro aufpolstern, hieß es. Die afrikanische Tochter Star werde ihre Schulden beim Mutterkonzern refinanzieren, was die zusätzlichen Finanzmittel auf rund zwei Milliarden Euro aufstocken könnte. Anleger sollten aber vorsichtig beim Handel mit Wertpapieren des Konzerns sein, warnte Steinhoff erneut.

Finanzvorstand bleibt vorerst im Amt

Ex-Steinhoff-CEO Markus Jooste

Ex-Steinhoff-CEO Markus Jooste. | Bildquelle: Steinhoff International

Für den Konzern bedeutet das weitere Nachforschungen - die Vorlage der Jahreszahlen, die für den Mittwochmorgen angesetzt war, wurde verschoben. Betroffen sind auch die Bilanzen vergangener Jahre.

Entgegen anders lautender Meldungen versicherte das Unternehmen am Abend, dass der Finanzvorstand und Chef des südafrikanischen Tochterkonzerns "Star", Ben la Grange, im Amt bleibt.

Nur die Spitze des Eisbergs?

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Börse 16.00 Uhr: EZB von Kurseinbruch bei Steinhoff betroffen

Die Prüfungsgesellschaft PwC soll die Vorkommnisse beim Poco-Mutterkonzern nun untersuchen. Es geht um mutmaßlich überhöht ausgewiesene Umsätze in der Bilanz in dreistelliger Millionenhöhe. Dabei sind Verkäufe vom immateriellen Werten oder Gesellschafteranteile an vermeintlich fremde Käufer im Visier. Diese sollen aber tatsächlich dem Konzern nahegestanden haben.

Spekulationen auf mögliche Unregelmäßigkeiten in der Bilanz waren bereits im Sommer aufgetaucht. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt seit August wegen möglicher Bilanzfälschung gegen aktuelle und ehemalige Verantwortliche des Konzerns. Steinhoff hatte die Vorwürfe zurückgewiesen.

Analystenstimmen

Klar ist, dass auch die Analysten in der Luft hängen. Denn sie müssen die zukünftigen Gewinne des Unternehmens schätzen und daraus ihre Handlungsempfehlung ableiten. Stephen Carrott von JPMorgan betonte, seine Schätzungen stünden auf tönernen Füßen.

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Ärger bei Poco

Das Analysehaus Kepler Cheuvreux hat seine Bewertung zunächst eingestellt. Der Ausgang der eingeleiteten Untersuchung der Bilanzen der vergangenen Jahre sei völlig unklar, schrieb Analyst Jürgen Kolb in einer Studie.

Commerzbank-Analyst Andreas Riemann rät den Anlegern derweil, die Finger von der Aktie zu lassen. Er sprach von einem großen Fragezeichen, das hinter den Ergebnissen der vergangenen Jahre stehe.

Dem Konzern droht weiteres Ungemach

Erst im September war der Konzern, dem noch viele weitere europäische Möbelhändler gehören, mit seiner Südafrika-Tochter "Star" an der Börse in Johannesburg gestartet. Das Unternehmen verkauft Möbel, Kleidung, Haushaltswaren und Baumaterial und führt eine Autoreparaturkette - rund 4,5 Milliarden Euro soll die Handelskette insgesamt wert sein.

Doch auch am Kap der guten Hoffnung sieht es für den deutschen Konzern mit Sitz in Amsterdam alles andere als rosig aus: Die Börsenaufsicht in Südafrika ermittelt wegen Insiderhandel mit Steinhoff-Papieren. Der Billigmöbelhändler wird dieses Mal wohl nicht so billig davon kommen.

rm/jz

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