Hochfrequenzhandel in den USA "Wir brauchen mehr Transparenz"

Stand: 19.09.2012, 17:09 Uhr

Der Hochfrequenzhandel verwandelt die Börse in ein Kasino. Diese These stellt Jim McTague in seinem Buch "Glücksspiel Börse" auf. Es erscheint Ende September.

Jim McTague, Autor von

Jim McTague Autor "Glücksspiel Börse" 1408.

boerse.ARD.de: Ähneln die Börsen in den USA tatsächlich immer mehr Casinos? Welche Veränderungen konnten Sie in den vergangenen Jahren beobachten?

Jim McTague: Ursprünglich waren die Aktienmärkte, auch in den USA, einmal dafür gedacht, dass Anleger langfristig in Unternehmen investieren können. Doch die Rechner haben auf dem Börsenparkett für immer mehr Volatilität gesorgt. Der Handel wird heute vor allem von technischen Faktoren wie Preisunterschieden bestimmt und nicht mehr so sehr von den zugrunde liegenden Unternehmenswerten. Mittlerweile bestimmten die Maschinen schon 70 Prozent des Handelsgeschäfts.

boerse.ARD.de: In Ihrem Buch "Glücksspiel Börse" beziehen Sie sich vor allem auf den "Flash-Crash" an den amerikanischen Aktienmärkten am 6. Mai 2010. Lässt sich der klar auf den Hochfrequenzhandel zurückführen?

McTague: Ich mache die Superrechner und ihre Betreiber dafür verantwortlich. Denn sie gaben sich als Market Maker aus. Aber durch einen Zufall haben sie am 6. Mai alle massiv Aktien abgestoßen. Das zog Liquidität aus allen größeren Aktienmärkten. In dieser Situation waren kaum noch Market Maker bereit, Aktien zu kaufen. Ein Teufelskreis.

boerse.ARD.de: Führt also der Hochfrequenzhandel zu immer mehr Volatilität?

Buchcover:

Buch Buchtitel Glücksspiel Börse 1408. | Quelle: Unternehmen

McTague: Zum Teil sind die Superrechner daran schuld, zum Teil die Aufsichtsbehörden, die diese vollautomatisierten Märkte begünstigen, weil sie davon ausgehen, dass Maschinen effizienter sind als Menschen. Außerdem werden die Marktstrukturen immer komplexer. Die Liquidität verteilt sich, die Preisfindung wird immer undurchsichtiger. Gleichzeitig wird immer schneller gehandelt. Das alles führt zu immer mehr Volatilität.

boerse.ARD.de: Welche Hauptprobleme bringt der Hochfrequenzhandel mit sich?

McTague: Niemand weiß genau, wer die Supercomputer besitzt und was sie im Schilde führen. Es gibt klare Anzeichen für Insidergeschäfte, dass diese Rechner Millisekunden vorher mit wichtigen Informationen gefüttert werden, also einen Vorsprung haben. Und sie können wohl auch die großen Auftrags-Volumen institutioneller Anleger ausspähen und ihre Schlüsse ziehen. Aber die Aufsichtsbehörden haben nicht das nötige Personal und die Technologie, um ihnen auf die Schliche zu kommen.

boerse.ARD.de: Sie schreiben, dass die Aufsichtsbehörden in den USA überfordert sind. Was sollten die Ihrer Meinung nach tun?

McTague: Sie sollten die Märkte am besten sich selbst überlassen. Es hat bereits eine Börse ein Geschwindigkeitslimit eingeführt. Ich würde die Regulierungsbehörden verkleinern und sie die markt-eigenen Aufsichtsbehörden anführen lassen, denn die stecken in der Materie.

boerse.ARD.de: Geht auch die amerikanische Justiz gegen den Hochfrequenzhandel vor?

McTague: Ja, aber das ist nicht sinnvoll. Wenn Sie etwas besteuern, zerrinnt es Ihnen. Das schadet den Märkten mehr als der Hochfrequenzhandel. Wir brauchen mehr Transparenz. Wer sind die Rechner und was tun sie? Manche könnten mit Viren ausgerüstete Streitkräfte sein, die den Weltmarkt zum Einsturz bringen wollen.

Das Interview führte Ursula Mayer.

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