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Briefkasten bleibt leer
FTD: Die große Klappe muss schweigen
von Lothar Gries
Die "Financial Times Deutschland" erscheint an diesem Freitag zum letzten Mal. Das Aus der seit fast 13 Jahren erschienenen Wirtschaftszeitung stellt die Leser und Fans nun vor die Frage: "Was soll ich denn jetzt lesen?"
Der kompetente Finanzjournalismus ist um eine Facette ärmer
Die Frage lässt sich nicht einfach beantworten. Findet sich doch in der Szene der überregionalen Blätter in Deutschland keine andere Zeitung, die sich an ein Fachpublikum wendet und es schafft, dröge Wirtschaftsmeldungen nicht nur lesbar, sondern auch unterhaltsam rüberzubringen. Und dabei nicht selten ihre Leser mit einer originellen und vom Mainstream abweichenden Perspektive überrascht.
Die Macher der "FTD" hatten nämlich eine Freude daran, festgefahrene Meinungen zu erschüttern und über Jahre hinweg unbeirrbar an ihren Positionen festzuhalten. So haben sie bereits bei der Eurokrise 2009 ein beherztes Eingreifen der Politik und der EZB gefordert, weil in der Eurozone nun mal alle Länder in einem Boot sitzen und kein Land allein das rettende Ufer erreichen kann - schon gar ein so schwaches Mitglied wie Griechenland.
Erfrischend andere Position
Auch hat die rosa Zeitung nicht davor zurückgescheut, als einziges überregionales Blatt dieses Landes, von Anfang an die Politik der Europäischen Zentralbank und ihren Chef Mario Draghi zu verteidigen. Vor allem bei dem hierzulande umstrittenen Kauf von Staatsanleihen der Schuldnerländer hatte die "FTD" für alle, die über den Tellerrand des eigenen Landes hinausblicken, eine erfrischend andere Position.
Zurecht, wie sich im Nachhinein zeigt: die Zinsaufschläge der hochverschuldeten Länder Spanien und Italien, auch Frankreichs, im Vergleich zu den deutschen, sind drastisch gesunken. Ein erster Erfolg, den auch die erbittertsten Gegner Draghis aus der Bundesbank nicht leugnen können.
Natürlich lag auch die "FTD" mit ihrer Meinung manchmal daneben. Es ist ihr jedoch gelungen, komplexe betriebswirtschaftliche Zusammenhänge stets klug und mit Esprit zu vermitteln. Ich hatte oft viel Spaß bei der Lektüre. Das gilt auch für die letzte Ausgabe, in der die Redakteure noch einmal mit der ihnen eigenen Ironie die letzten 13 Jahre Revue passieren lassen, und auch einen Blick in die Zukunft wagen.
Selbstbewusst und ironisch
Typisch "FTD" ist dabei die Schlussseite, wo die versammelte und mit dem Kopf nach vorn gebeugte Mannschaft den Verlag, die Kunden, Pressesprecher und Kollegen um Entschuldigung bitten für das viele Geld, das sie verbrannt haben und die freche Klappe, die die Zeitung nun einmal hatte. Doch bis zum bitteren Ende bleiben die Redakteure selbstbewusst und ironisch, behaupten sie doch unisono, dass sie es alle jederzeit wieder genauso machen würden, wenn sie noch einmal von vorn anfangen könnten.
Einige haben ihr dafür bereits verziehen. Obwohl die Zeitung nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass sie die Existenz von Landesbanken für überflüssig hält, bedankt sich die Hessische Landesbank Helaba in der letzten Ausgabe für zwölf Jahre "exzellenten Journalismus".
Es gibt durchaus Alternativen
Genutzt hat das alles nichts. Weil die Zeitung seit ihrer Gründung rote Zahlen schreibt, wird sie nun abgewickelt. Das Traditionsmagazin "Capital" soll von Hamburg nach Berlin umziehen, ebenso das halbjährliche Heft "Business Punk". Für die beiden Magazine "Impulse" und "Börse Online" wird derzeit ein Management-Buy-Out - also die Übernahme durch verlagsinterne Manager - und ein Verkauf geprüft.
Ach ja, und was sollen die Leser der "FTD" nun lesen? Der frühere Chefredakteur Wolfgang Münchau empfiehlt ausgerechnet die stocksteife und völlig humorfreie "Börsen-Zeitung". Der Journalismus dort sei solide, die Kommentierung aber wenig originell und man zahle ordentlich.
Wer sich für Kapitalmärkte interessiert, kann jederzeit auch eine Onlinealternative zur gedruckten Zeitung nutzen, in dem er auf die Seite von boerse.ARD.de klickt.
Stand: 07.12.2012, 11:17 Uhr