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Marktbericht 20:10 Uhr

Marktbericht negativ

Dax verliert drei Prozent

Brexit und kein Ende

Stand: 27.06.2016, 20:10 Uhr

Das Thema Brexit hat auch den zweiten Handelstag in Folge die Börse beschäftigt und für schweren Flurschaden im Dax gesorgt. Die Börse ist jedenfalls hochpolitisch und das Thema überragt alles andere. Aber wie tief fällt das Messer noch?

Dax
Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Anleger haben zum Wochenstart in Scharen dem Aktienmarkt den Rücken gekehrt. Der deutsche Leitindex Dax litt den zweiten Handelstag in Folge deutlich unter den zunehmend als unkalkulierbar eingeschätzten Konsequenzen des Brexit-Referendums in Großbritannien. Am Abend entzog die Ratingagentur Standard & Poor`s dem Land die beste Bonitätsnote "AAA" und senkte auf "AA".

EuroStoxx 50: Kursverlauf am Börsenplatz DJ Stoxx für den Zeitraum Intraday
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3.015,13
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Am Ende gab der Index 3,02 Prozent auf 9.268 Punkte nach, ein Tagesverlust von immerhin 288 Punkten. Die extreme Nervosität der Anleger zeigte sich auch an der hohen Handelsbreite von 375 Punkten. Am Morgen hatte der Dax im Tageshoch bei 5.889 Punkten sogar noch leicht im Plus gelegen, das Tagestief lag bei 9.214 Zählern. Auch der europäische Auswahlindex Eurostoxx 50 kam kräftig unter die Räder. Der Index verlor 2,83 Prozent auf 2.697 Punkte.

Politische Kakophonie ist Gift für Aktien

"Die ungewisse Lage schreckt Investoren ab", sagte Niall Delventhal vom Brokerhaus FXCM zur Lage an Europas Börsen. "Dass der britische EU-Austritt noch nicht in trockenen Tüchern ist und dass London sich hierbei allen Anschein nach viel Zeit lassen könnte, wird nicht als ein Hoffnungsschimmer verstanden, sondern trägt einen faden Beigeschmack."

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Börse 19.00 Uhr

Damit deutet sich der erste Streitpunkt bei den Scheidungsverhandlungen zwischen der EU und Großbritannien bereits an. Denn die EU will einen zügigen Beginn der Austrittsverhandlungen. Die Bundesregierung betonte zwar, dass man London einen angemessenen Zeitraum für den Beginn des Austrittsprozesses gewähren müsse, will aber keine Hängepartie und schloss Sonderverhandlungen aus. In Berlin rechnet man mit dem Herbst als Beginn der Verhandlungen. Wer für Großbritannien in die Verhandlungen mit der EU gehen wird, ist angesichts des politischen Chaos in London noch offen.

Verluste in New York

An an der Wall Street stehen die Zeichen derzeit ebenfalls auf Minus, wenn auch nicht ganz so stark. Der Leitindex Dow Jones gibt derzeit "nur" 1,5 Prozent ab. Trotzdem, der zwischenzeitliche Fall des S&P-500-Index unter die psychologisch wichtige Marke von 2.000 Punkten drückt auf die Stimmung. Stärker bergab geht es an der Nasdaq, der Composite-Index verliert über zwei Prozent.

Das Marktgeschehen sei weiter geprägt von der Unsicherheit nach der Entscheidung der Briten für einen Ausstieg aus der Europäischen Union, hieß es aus dem Handel. Wie auch in Europa sind US-Staatsanleihen als sicherer Hafen gesucht. Zehnjährige Treasuries rentierten mit 1,47 Prozent. Das ist nicht viel mehr als das Mitte 2012 erreichte Rekordtief von 1,38 Prozent.

In den USA hat der Brexit und die von ihm ausgehende Unsicherheit vor allem Auswirkungen auf die erwartete Geldpolitik. Baldige Zinsanhebungen der Notenbank Fed werden an den Finanzmärkten kaum noch erwartet.

Dow Jones: Kursverlauf am Börsenplatz Dow Jones Indizes für den Zeitraum Intraday
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S&P 500: Kursverlauf am Börsenplatz S&P Indizes für den Zeitraum Intraday
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2.191,95
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Helle Aufregung am Devisenmarkt

Brexit und kein Ende hieß es heute auch am Devisenmarkt. Vor allem das britische Pfund ist unter Druck und fiel gegenüber dem US-Dollar auf den tiefsten Stand seit 31 Jahren. Im späten Geschäft wurden weniger als 1,32 Dollar für ein Pfund bezahlt. "Der Druck auf das britische Pfund bleibt hoch", sagte Ulrich Leuchtmann, Devisenexperte bei der Commerzbank. "Es ist noch nicht im Ansatz absehbar, welches Verhältnis Großbritannien künftig zur EU haben wird."

Zudem zeige sich, dass die Befürworter eines Austritts keinen Plan für die Zukunft hätten und viele Versprechen bereits einkassiert worden seien. Leuchtmann sprach von "Chaostagen" in der britischen Politik, die auch negative ökonomische Auswirkungen haben dürften.

Auch der Euro sackte auf unter 1,10 Dollar ab. Für die Gemeinschaftswährung ist der Experte aber mittelfristig wieder optimistischer. Das Wahlergebnis in Spanien spielte keine Rolle. Die Konservativen sind zwar erneut stärkste Kraft, für eine Regierungsbildung reicht es aber wieder nicht.

Bundeswertpapiere gefragt wie nie

Freuen kann sich einzig der Bundesfinanzminister - die Flucht in den sicheren Hafen der AAA-gerateten Bundeswertpapiere drückt deren Renditen immer weiter ins Minus und beschert dem Bundeshaushalt nicht nur Rekordeinsparungen, sondern sogar dicke Gewinne. Die Umlaufrendite fiel erneut auf ein neues Rekordtief von minus 0,23 Prozent. Zehnjährige Bundesanleihen rentierten mit minus 0,11 Prozent. Finanzminister Schäuble kassiert also kräftig Gebühren dafür, dass er das Geld der verunsicherten Investoren überhaupt noch entgegennimmt. Auch Gold behauptete sich auf hohem Niveau bei 1.319 Dollar je Unze.

Banken und Luftfahrt leiden besonders

Lufthansa: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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12,14
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Deutsche Bank und Lufthansa wechselten sich lange am Dax-Ende ab, wobei die Aktie der Kranichlinie am Ende Tagesverlierer war mit minus 8,26 Prozent. Auch Commerzbank, Bauwert HeidelbergCement (nach negativem Analystenkommentar) und Autozulieferer Continental gehörten zu den weiteren großen Verlieren.

Die Aktie der Deutschen Bank fiel im Tief bis auf 12,07 Euro – und lag damit nur einen Cent über ihrem Allzeittief aus dem Jahre 1992 bei 12,06 Euro. Aus dem Handel ging das Papier letztlich bei 12,54 Euro, ein Abschlag von 6,17 Prozent.

Der bekannte Analyst und Branchenexperte Kian Abouhossein von JPMorgan hat die Papiere des Finanzkonzerns von "Overweight" auf "Neutral" abgestuft. Damit hat einer der letzten Optimisten seine positive Einschätzung geändert. Abbouhossein stufte auch die Aktien der beiden Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse zurück, die ebenfalls deutlich verloren. Auch andere Analysehäuser wie Barclays verabschiedeten sich derweil von Bankaktien.

In London kamen Bankaktien im Leitindex FTSE 100 besonders unter die Räder. Barclays und Lloyds verloren prozentual zweistellig, die breiter aufgestellte HSBC kam hingegen besser weg. Der Eurostoxx-Bankenindex verlor nach dem Ausverkauf des Vortrages erneut über sechs Prozent.

Easyjet: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
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Zu den größten Brexit-Verlieren zählten auch die Luftfahrt-Aktien. Nicht nur Lufthansa, auch andere Fluglinien verloren deutlich. Noch härter traf es EasyJet: Die Aktie fiel rund 25 Prozent auf ein Drei-Jahres-Tief, nachdem der britische Billigflieger seine Prognosen zurechtgestutzt hat. Easyjet-Papiere erlitten damit den größten Tagesverlust seit 2004 zu.

Vonovia führt Gewinnerliste an

Mit Abstand größter Dax-Gewinner war hingegen die Vonovia-Aktie. Die Analysten von Morgan Stanley haben ihre Einschätzung für den Titel von "Equal-Weight" auf "Overweight" angehoben. Zudem spekulieren offenbar einige Investoren darauf, dass der Wohnungskonzern von einer stärkeren Immobiliennachfrage in Deutschland als Folge des Brexit profitieren könnte.

Widerstand gegen Fusion der Deutschen Börse wächst

"Die Führung der Deutschen Börse sollte ihre bisherigen Fusionspläne nochmals kritisch hinterfragen und massiv anpassen oder ganz begraben", sagte Klaus Nieding, Vizepräsident der Aktionärsvereinigung DSW. Unklar ist auch, ob die hessische Börsenaufsicht einer Verlagerung des Hauptsitzes nach London, dann also außerhalb der EU, zustimmen wird.

Andere Investoren zweifeln wegen des dramatischen Kurssturzes des Pfundes auch das Umtauschverhältnis an. Die Unternehmen hatten im Februar festgelegt, dass Deutsche-Börse-Aktionäre gut 54 Prozent am fusionierten Unternehmen halten sollen und LSE-Eigner knapp 46 Prozent. Die Fusion der beiden Börsenbetreiber scheint also noch lange nicht in trockenen Tüchern zu sein. Deutsche Börse-Papiere verloren in einem schwachen Gesamtmarkt 4,67 Prozent.

Fresenius-Chef geht zu Nestlé

Im Dax macht Fresenius mit einem überraschenden Chefwechsel auf sich aufmerksam. Finanzvorstand Stephan Sturm übernimmt zum 1. Juli 2016 die Leitung des Unternehmens. Der 52-Jährige folgt auf Ulf Schneider, der den Konzern Ende Juni auf eigenen Wunsch verlässt.

Nach Börsenschluss wurde dann bekannt, dass Schneider Anfang 2017 den Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé fühen soll. Der derzeitige Firmenchef Paul Bulcke trete Ende 2016 zurück und solle auf der Generalversammlung im Frühjahr 2017 zum Verwaltungsratschef gekürt werden.

HeidelbergCement mit doppeltem Analysten-Malus

Auch die Aktie von HeidelbergCement kam zu Wochenbeginn kräftig unter Druck und verlor rund acht Prozent. Sie gehörte damit zu den größten Verlierern im Dax. Schuld daran waren gleich zwei negative Analystenstimmen. So hat die US-Investmentbank Merrill Lynch den Baustoff-Titel von "Neutral" auf "Underperform" herabgestuft. Zugleich senkten die Kollegen von JPMorgan das Kursziel von 79 auf 77 Euro.

Schwarzer Tag für K+S

K+S
K+S: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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19,85
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Die Aktie des Düngemittelherstellers kam mit einem Minus von 12,4 Prozent schwer unter die Räder. Grund waren schwache Quartalszahlen, das Ebit sackte im Jahresvergleich von 179 auf zehn Millionen Euro ab. Die K+S-Aktie lag mit großem Abstand am MDax-Ende.

Stada hat neuen Ankeraktionär

Die Dinge beschleunigen sich bei MDax-Mitglied Stada, das ins Visier von Finanzinvestoren geraten ist. US-Investor Wyser-Pratte sagte dem "Handelsblatt" am Abend, er halte drei Prozent der Aktien. Er trete für eine Fusion der Hessen ein, die es versäumt hätten, international zu wachsen. Wyser-Pratte ist in Deutschland kein Unbekannter. 2003 war er bei der Kuka-Vorgängerfirma IWKA eingestiegen und setzte die Aufspaltung des Mischkonzerns durch. Am Ende wurde aus dem Aschenputtel der Börsen-Liebling Kuka, ein reiner Roboter-Hersteller, der derzeit im Visier des chinesischen Investors Midea ist

Derweil wollen der neue Stada-Chef Matthias Wiedenfels und Finanzvorstand Helmut Kraft größere Umwälzungen in Angriff nehmen. Ein Insider sprach davon, dass "kein Stein auf dem anderen bleiben werde".

Die Luft ist raus bei Wirecard

Wirecard-Papiere filen im TecDax wieder zurück. Dies, nachdem ein Sprecher der Alibaba-Tochter Alipay ein Engagement in Wirecard dementiert hatte. Der deutsche Zahlungsabwickler stand laut Medienberichten mit chinesischen Investoren in Gesprächen um eine Beteiligung. Dabei ging es um eine Beteiligung von bis zu 25 Prozent, berichtete die "Bild am Sonntag". Später sei auch eine noch höhere Beteiligung denkbar.

KTG verschiebt die Hauptversammlung

Das in Not geratenen Unternehmen hat sein für den 30. Juni geplantes Aktionärstreffen auf den 26. August verschoben. Man wolle den Aktionären ein Zukunftskonzept vorstellen, sagte Aufsichtsratschef Henning von Reden nach Börsenschluss. Zuletzt konnte KTG keine ausstehenden Zinszahlungen auf eine ausstehende Anleihe leisten.

rm

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 5. Dezember

Unternehmen:
Osram: Geschäftsbericht 2016
International Airlines Group (IAG): Verkehrszahlen 11/16
Legal & General: Capital Markets Day

Konjunktur:
Japan: Nikkei PMI Dienste, 01:30 Uhr
EU: PMI Dienste 11/16 (endgültig), 10:00 Uhr
EU: Einzelhandelsumsatz 10/16, 11:00 Uhr
USA: EPMI Dienste 11/16 (endgültig), 15:45 Uhr
USA: ISM Dienste 11/16, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Deutsche Börse: Überprüfung der Zusammensetzung der Aktienindizes, 20:00 Uhr

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