Seitenueberschrift

Marktbericht 20:09 Uhr

Marktbericht Panik

Ausverkaufsstimmung an den Märkten

Anleger unter (Brexit-)Schock

Stand: 24.06.2016, 20:09 Uhr

Ein Hauch von "schwarzem Freitag" an den Börsen: Der Brexit sorgte zeitweise für Panik an den Finanzmärkten. Die Börsen in Madrid und Mailand erlitten den größten Tagesverlust ihrer Geschichte, der Dax sackte um sieben Prozent ab. Anleger flüchteten in Gold. Nun drohen weitere Turbulenzen.

Viele Anleger haben sich gnadenlos verzockt und mal wieder "Volkes Stimme" unterschätzt. Tagelang ignorierten sie die knappen Umfragen und verließen sich auf die Buchmacher, die ein Brexit für zunehmend unwahrscheinlich hielten. Um so größer war der Schock am Freitagmorgen über das Ergebnis der Volksabstimmung in Großbritannien. Zeitungen sprachen von der "Brexokalypse now" und dem Anfang vom Ende Europas. Das "Ja" der Briten zum Austritt aus der EU sorgte für ein wahres Kursbeben an den Märkten. Der EuroStoxx50 stürzte um 8,6 Prozent ab, der Pariser Cac40 gab um acht Prozent nach. Insgesamt hat der Crash gut fünf Billionen Dollar an Börsenwert vernichtet.

Dax verliert zeitweise 1.000 Punkte

Dax
Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 6 Monate
Kurs
10.197,13
Differenz absolut
49,67
Differenz relativ
+0,49%

Der Dax sackte zur Handelseröffnung um über zehn Prozent - rund 1.000 Punkte - ab - so stark wie seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr. Im Laufe des Tages legte sich aber die Panik etwas, und Schnäppchenjäger griffen zu. Zum Xetra-Schluss dämmte der deutsche Leitindex seine Verluste auf 6,8 Prozent ein. Damit endete die Börsenwoche doch noch relativ glimpflich. Auf Wochensicht büßte der Dax gerade mal 0,8 Prozent ein, da er im Vorfeld des Referendums stark gestiegen war.

US-Zinserhöhung rückt in weite Ferne

Etwas Unterstützung kam von der Wall Street. Der Dow verbuchte in den ersten vier Handelsstunden zwar deutliche, aber keine dramatischen Verluste von 2,8 Prozent. Vor allem US-Banken wie Citigroup, Bank of America, JP Morgan und Goldman Sachs wurden abgestoßen. Immerhin: Nach dem Brexit ist eine weitere Zinserhöhung der Fed wohl vorerst vom Tisch.

Goldman Sachs: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
146,19
Differenz absolut
-0,13
Differenz relativ
-0,09%

Nun richten sich die Blicke auf Spanien

Am heftigsten traf der Brexit-Schock, nicht die Londoner Börse, sondern die Aktienmärkte in Mailand und Madrid. Sie purzelten um jeweils zehn Prozent ab. Das ist der größte Tagesverlust in ihrer Geschichte. In Spanien wird am Sonntag ein neues Parlament gewählt. Dort könnte das EU-kritische Linksbündnis Podemos Zulauf bekommen und damit Spekulationen auf den Austritt weiterer Länder auslösen

FTSE 100 verliert nur drei Prozent

Audio allgemein - Startbild

Börse 20.15 Uhr

Vergleichsweise glimpflich davon kam der britische FTSE 100. Der britische Leitindex gab um lediglich rund drei Prozent nach, obwohl der Brexit vor allem der britischen Wirtschaft schadet. Der FTSE 100 profitierte von Kursgewinnen der Bergbau-Unternehmen Randgold Resources und Fresnillo. Zudem könnte das billigere Pfund die britischen Exporte beflügeln.

Pfund im freien Fall

Britisches Pfund in US-Dollar : Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
Kurs
1,31
Differenz absolut
0,00
Differenz relativ
+0,11%

Die britische Währung stürzte um bis zu elf Prozent ab. Mit 1,3232 Dollar erreichte sie den tiefsten Stand seit 1985. Das ist viel dramatischer als der Absturz des Pfunds um vier Prozent am "schwarzen Mittwoch", dem 16. September 1992, als Hedgefondsmanager George Soros erfolgreich gegen die Währung spekulierte. Soros hatte im Fall eines Brexit eine Talfahrt des Pfunds von mindestens 15 Prozent prophezeit.

Franken statt Euro

Der Euro litt ebenfalls unter dem Brexit-Schock. Die Gemeinschaftswährung sackte um bis zu fünf US-Cent auf 1,0914 Dollar ab, berappelte sich dann aber wieder etwas. Am Abend lag die Gemeinschaftswährung bei 1,11 Dollar. Manche Experten befürchten gar, dass der Euro die Parität zum Dollar bald wieder erreicht. Denn nach einem Votum der Briten gegen einen Verbleib in der EU droht ein "Domino-Effekt" in Europa. Andere Länder könnten dem Beispiel Großbritanniens folgen und ebenfalls Volksabstimmungen zum Verbleib in der EU oder Eurozone durchsetzen. Dagegen war der Franken heiß begehrt. Zeitweise war der Euro nur noch etwas mehr als 1,06 Franken wert. Dann intervierte die Schweizerische Nationalbank. Aktuell notiert der Euro bei knapp über 1,08 Franken. Auch der japanische Yen war gesucht.

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
1,0979
Differenz absolut
0,00
Differenz relativ
+0,05%
US-Dollar in Yen: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
106,09
Differenz absolut
-0,14
Differenz relativ
-0,14%

Europa in der Krise

"Für Kontinentaleuropa ist der Brexit ein Schock", sagte Björn Jensch, Fondsmanager von Union Investment. Neben den wirtschaftlichen Auswirkungen droher ein institutioneller Dammbruch, denn auch in anderen Ländern dürfte die Austritts-Diskussion an Fahrt gewinnen. Nach Einschätzung der Privatbank MM Warburg befinde sich Europa derzeit in einer ähnlich kritischen Situation wie zum Höhepunkt der Euro-Krise und der Griechenland-Krise.

Flucht in Bundesanleihen und Gold

Anleger flüchteten in sichere Häfen wie Gold und Bundesanleihen. So fiel die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen auf ein Rekordtief von minus 0,17 Prozent. Auch Gold war enorm gefragt. Der Preis für die Feinunze des gelben Edelmetalls kletterte bis zum Abend auf 1.318 Dollar. Zeitweise kostete Gold 1.345 Dollar. In Euro verteuerte sich das Edelmetall auf zeitweise bis zu 1.245 Euro.

Gold in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
1.319,66
Differenz absolut
-2,73
Differenz relativ
-0,21%

Ifo-Index steigt

Da halfen auch positive Nachrichten von der deutschen Konjunktur nicht. Der Ifo-Geschäftsklima legte von 107,8 auf 108,7 Punkte zu. Ökonomen hingegen hatten für das mit Abstand wichtigste deutsche Konjunkturbarometer mit einem leichten Rückgang auf 107,5 Zähler gerechnet. Die Umfrage zum Ifo-Index wurde freilich vor dem Brexit-Entscheid durchgeführt.

Droht jetzt die Sommer-Talfahrt?

Angesichts der zunehmenden politischen Unsicherheit rechnen Experten mit weiteren Kursturbulenzen in den nächsten Wochen. NordLB-Stratege Tobias Basse hält beim Dax einen Rutsch unter die psychologisch wichtige Marke von 9.000 Punkten für möglich. Die DZ Bank ist noch pessimistischer und rechnet mit Verlusten bis in den Bereich von 8.000 bis 8.500 Punkte. Die Experten der Landesbank Helaba sehen ein ähnliches Rückschlagspotenzial für den Dax Hiernach bestehen allerdings wieder gute Chancen auf eine Erholung. Notfalls stehen die Notenbanken wie die Bank of England sowie die Europäische Zentralbank (EZB) steht Gewehr bei Fuß, um weitere Liquidität in die Märkte zu pumpen.

Henkel kauft US-Konkurrent

Im Dax gab es zum Wochenschluss nur Verlierer. Am besten konnte sich noch die Aktie von Henkel mit einem kleinen Minus von 0,3 Prozent behaupten. Der Konsumgüterkonzern will den kleineren US-Konkurrenten Sun Products kaufen. Der Kaufpreis liegt inklusive Schulden bei rund 3,2 Milliarden Euro. Verkäufer ist ein Fonds des Finanzinvestors Vestar Capital Partners. Sun setzte im vergangenen Jahr laut Henkel in den USA und Kanada rund 1,4 Milliarden Euro um.

Bank-Aktien im Ausverkauf

Dagegen standen besonders Aktien der Commerzbank und der Deutschen Bank auf der Verkaufsliste. Die Papiere der Deutschen Bank sackten um 14 Prozent ab und waren Schlusslicht im deutschen Leitindex, gefolgt von der Commerzbank mit einem Minus von 13 Prozent. Noch stärker traf es die britischen Branchenkollegen, die zeitweise rund ein Drittel an Wert verloren.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
13,16
Differenz absolut
0,08
Differenz relativ
+0,57%
Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
5,82
Differenz absolut
-0,01
Differenz relativ
-0,17%

Wackelt jetzt die Börsenfusion?

Deutsche Börse: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
73,96
Differenz absolut
0,64
Differenz relativ
+0,87%

Die Fusion der Deutschen Börse mit London dürfte nach dem Brexit-Votum in Gefahr geraten. Der Widerstand wächst. Frankfurt und London halten freilich an ihrem geplanten Zusammenschluss fest. Die hessische Börsenaufsicht sieht den geplanten Sitz des fusionierten Unternehmens in London kritisch. Sie kann den Zusammenschluss untersagen. Die Aktien der Deutschen Börse büßten über neun Prozent ein.

Autoaktien auf Talfahrt

Auch die Autowerte kamen nach dem Brexit kräftig unter die Räder. Die Aktien von Daimler büßten acht Prozent, die Titel von VW gar zehn Prozent ein. Für VW ist das Vereinigte Königreich der zweitwichtigste Einzelmarkt in Europa. Auch die Produktion der Tochter Bentley ist dort angesiedelt. Zudem steht für den Wolfsburger Autobauer in der nächsten Woche die erste dicke Rechnung wegen des Abgas-Skandals an. In den USA wird VW voraussichtlich zehn Milliarden Dollar an Strafen und Entschädigungen für amerikanische Kunden zahlen.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
121,70
Differenz absolut
1,10
Differenz relativ
+0,91%
Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
59,89
Differenz absolut
0,38
Differenz relativ
+0,64%

Schwarzer Tag für Reiseaktien

Auch die Aktien der Reisebranche gingen am Freitag auf Talfahrt. Die Titel der Tui brachen um acht Prozent, die Aktien von Thomas Cook gar um 16 Prozent ein. Da half es wenig, dass Tui-Chef Fritz Joussen beeteuerte, der Brexit dürfte die Reiselust der Briten nicht bremsen, Am heftigsten erwischte es den British-Airways-Mutterkonzern IAG. Die Aktien der Airline stürzten um bis zu 33 Prozent ab, nachdem IAG seine Gewinnprognose kassiert hatte. Auch die Papiere der Billigflieger Ryanair und Easyjet stürzten zweistellig ab. "Diese verrückten Briten", kommentierte Kenny Jacobs, Marketing-Chef von Ryanair, das Brexit-Votum.

Tui
Tui: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
10,91
Differenz absolut
-0,09
Differenz relativ
-0,82%

Paion findet neuen Partner

Zu den wenigen ganz großen Kursgewinnern am Freitag zählte Paion. Die Aktien sausten um 21 Prozent nach oben. Die Biotech-Firma vergibt die US-Lizenzrechte für Remimazolam an Cosmo Pharmaceuticals. Cosmo wird zudem größter Aktionär von Paion.

nb

Dax-Chart realtime

Aktuelle Audios

Aktuelle Börsen-Audios

Aktuelle Börsen-Audios

Aktuelle Börsen-Audios

Aktuelle Börsen-Audios

Aktuelle Börsen-Audios

Tagestermine am Dienstag, 26. Juli

Unternehmen:
Covestro: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Michelin: Haljahreszahlen, 07:00 Uhr
Comdirect: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Orange: Haljahreszahlen, 07:30 Uhr
Schaltbau: Halbjahrezahlen, 7:45 Uhr
BP: Q2-Zahlen, 8 Uhr
MTU: Halbjahreszahlen, 8:30 Uhr
DuPont: Q2-Zahlen, 12 Uhr
United Technologies: Q2-Zahlen, 13 Uhr
3M: Q2-Zahlen, 13:30 Uhr
Caterpillar: Q2-Zahlen, 13:30 Uhr
Verizon: Q2-Zahlen, 13:30 Uhr
McDonald's: Q2-Zahlen, 14 Uhr
Eli Lilly: Q2-Zahlen, 14 Uhr
LVMH: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Apple: Q3-Zahlen, 22 Uhr
Twitter: Q2-Zahlen, 22:15 Uhr
Valeo: Q2-Zahlen
Hyundai: Q2-Zahlen
JetBlue: Q2-Zahlen
Deutsche Börse: Ergebnis des Aktientausches im Zuge der Fusion mit der LSE
Konjunktur:
USA: Case-Shiller-Index, 05/16, 15 Uhr
USA: Markit PMI Dienste 07/16, 15:45 Uhr
USA: Verbrauchervertrauen, 07/16, 16 Uhr
USA: Verkauf neuer Häuser 06/16

Darstellung: