Lange Zeit galt Japan Analysten wie Wirtschaftshistorikern als blendendes Beispiel dafür, dass sich Staaten über alle Maßen verschulden können, ohne in die Inflation abzudriften und ohne Pleite zu gehen. Japan ist daher so etwas wie das inoffizielle Vorbild aller Regierungen, die auf schuldenfinanzierte staatliche Hilfsprogramme als Weg aus der Finanz- und Wirtschaftskrise gesetzt haben.
Dabei wusste schon der US-Ökonom Milton Friedman: Es gibt nichts Dauerhafteres als ein temporäres Staatsprogramm. Denn sein Ende wäre für die Bürger und Firmen schmerzhaft, hätte ein niedrigeres Wachstum, höhere Arbeitslosenraten und politische Unbeliebtheit zur Folge. Und welcher Politiker will das schon?!
Japan zum Politikwechsel gezwungen?
Folgerichtig werde eine Regierung so lange an staatlichen Hilfsprogrammen und konjunkturellen Stützen festhalten, bis sie zum Handeln gezwungen ist, schlussfolgert Analyst Dylan Grice in einer aktuellen Studie der Société Générale. Japan dürfte es als erstes treffen.
Erst vor kurzem hat die japanische Staatsverschuldung die Marke von 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geknackt. Knapp 4,5 Billionen Euro an Staatsanleihen hat der japanische Staat derzeit begeben, um sich zu refinanzieren. Bislang konnte die japanische Regierung stets darauf vertrauen, diese Bonds auch an den Mann zu bringen.
Legendäre Sparneigung
Eine große Masse heimischer Sparer war überglücklich, so viele japanische Bonds zu besitzen wie nur irgend möglich. Die Sparneigung der nach dem Platzen der großen Spekulationsblase im Immobiliensektor vor fast zwei Jahrzehnten äußerst risikoaversen Japaner ist legendär.
Doch diese zuverlässige Kaufbereitschaft gehört offenbar nach und nach der Vergangenheit an. Laut einer Studie der OECD ist die Sparrate der japanischen Haushalte stark rückläufig und lag 2008 unter drei Prozent. Zum Vergleich: Deutschland konnte zum gleichen Zeitpunkt mit einer Sparquote von mehr als elf Prozent aufwarten.
Warum diesmal alles anders sein könnte
Eine Begründung: Die steigende Zahl von Rentnern. In Japan ist der demografische Wandel voll im Gange. Seit den frühen 2000er Jahren sinkt die Zahl der arbeitenden Bevölkerung. Doch Rentner fahren ihre Depots erfahrungsgemäß herunter, Zukäufe sind äußerst selten, wie Grice unterstreicht. Zudem ist die Vermögensentwicklung aller japanischen Haushalte rückläufig.
Die japanische Regierung läuft somit Gefahr, ihre massiven Schulden künftig nicht mehr gegenfinanzieren zu können. Trotzdem scheint die jRegierung blind gegenüber dieser Gefahr und den grassierenden Inflationsrisiken. Angesichts der Erfahrungen der Vergangenheit scheint das für sie ein völlig abwegiges Szenario zu sein. Doch das "Unvorstellbare" passiert trotzdem ständig, wie SocGen-Analyst Dylan Grice ganz philosophisch in seiner Studie festhält.
Lohnende Wetten gegen Japan?
Doch wenn die Regierung auf die heimischen Sparer nicht mehr vertrauen kann, dann ist sie zwecks Refinanzierung selbst gezwungen, Teile ihres Depots aufzulösen und alle ausländischen Papiere zu verkaufen. Japan ist nach China der zweitgrößte Gläubiger der USA. Mit anderen Worten: Die japanische Bond-Krise könnte sich ganz schnell zur amerikanischen Bond-Krise und somit letzten Endes zu einer neuen weltweiten Finanzkrise ausweiten.
Mit seinem düsteren Szenario steht der SocGen-Analyst indes nicht alleine da. Unter Marktbeobachtern mehren sich die Stimmen, die vor der Japan-Gefahr warnen. Hedgefonds wetten bereits wieder kräftig gegen Japan. Das haben sie zwar auch in der Vergangenheit häufig getan und sich die Finger verbrannt. Doch die Chancen stehen diesmal besser denn je, dass ihr Kalkül aufgeht.
Großinvestoren auf dem Vormarsch
Die großen Staatsfonds
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