Das Leben ist wie ein Kompass, dachten sich ein paar findige Produktmanager der Deutschen Bank und kreierten 2005 die so genannten Kompass Life Fonds 1 und 2. Mit diesen Fonds sollten die Anleger die Möglichkeit haben, am angeblich lukrativen Markt für Lebensversicherungen teilzuhaben. 535 Millionen Euro investierten diese in die Fonds. Das Konzept klang ebenso einleuchtend wie makaber: Versicherte, die dringend Geld brauchten, verkauften vorzeitig ihre Lebensversicherungen an den Fonds und erlösten für ihre Police mehr Geld als sie bei einer Kündigung erhalten hätten. Der Fonds wiederum, der den Vertrag weiter bediente, durfte die üppige Auszahlungssumme der Police kassieren, sobald der Versicherte starb.
Verkakuliert wegen gestiegener Lebenserwartung
Doch das Warten auf das Ableben der Police-Nehmer dauerte länger als geplant. Es seien weniger Policen fällig geworden als erwartet, räumte die Deutsche Bank jüngst in einem Schreiben an die Fonds-Anleger ein. Grund: Die Lebenserwartung der Versicherten sei höher als ursprünglich angenommen. Oder anders ausgedrückt: die Fonds-Macher hatten sich verkalkuliert.
Ausschüttungen, wie sie der Prospekt versprach, konnten die beiden bis 2015 laufenden Kompass-Fonds bis heute nicht leisten mangels fälliger Policen. Statt der einst angepriesenen Rendite von 6,9 Prozent pro Jahr seien nun nur noch zwei Prozent möglich, heißt es seitens der Deutschen Bank. Und: Sollte sich die Lebenserwartung der versicherten Amerikaner weiter verlängern, drohen den Anlegern gar Verluste. Schlimmer noch: Laut der "Financial Times Deutschland" sollen die Kompass-Fonds-Macher der Deutschen Bank Policen mit dem Mehrfachen ihrer Versicherungssumme angesetzt haben ohne die Anleger über das ungünstigere Risikoprofil zu informieren.
Strafanzeige gegen die Deutsche Bank
Die Anleger fühlen sich getäuscht. Rechtsanwalt Gerhard Strate hat deshalb am Donnerstag bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen die Deutsche Bank gesellt. Es bestehe der Verdacht, dass "von vorneherein unter keinen realistischen Annahmen die versprochenen Ausschüttungen realisierbar waren", kritisiert er. Zudem sei das Policenportfolio von vorneherein völlig ungeeignet für die versprochenen Ausschüttungen gewesen. "Bei 39 Prozent aller Fondspolicen übertrifft die Lebenserwartung zehn Jahre", erklärte er.
Rückkaufangebot für 80 Prozent der Anteile
Das größte deutsche private Geldinstitut will offenbar möglichst schnell einen Schlussstrich unter das Fonds-Debakel ziehen und hat den wütenden Anlegern ein Rückkauf-Angebot unterbreitet. Sie könnten ab sofort bis zum 27. November aus dem Fonds aussteigen und würden dafür 80 Prozent des ursprünglichen Anteilwerts erhalten. Sie würden sich also mit 20 Prozent Verlust aus dem geschlossenen Fonds verabschieden.
Die Berater in den Filialen der Deutschen Bank ködern die betroffenen Anleger mit einem zusätzlichen Spezialangebot. Legen sie ihr Geld festverzinslich in Anleihen mit einem Kupon von 3,5 Prozent an, würden ihre 80-prozentigen Anteilswerte bis 2015 wieder auf 100 Prozent wachsen. Die zehnjährige Fondslaufzeit wäre dann ohne Verlust überstanden.
Doch so billig wollen die Anleger die Deutsche Bank nicht davon kommen lassen. Ein Münchner Anwalt bereitet bereits laut "Spiegel Online" Schadensersatzklagen für mehrere Anleger vor.
Mit AIDS fing alles an
Der Zweitmarkt für US-Lebenspolicen entstand Anfang der 90er Jahre mit der Verbreitung von AIDS. Mehrere an AIDS erkrankte Policennehmer verkauften ihre Versicherungen, um schmerzlindernde Mittel zu kaufen. Der Markt für die Policen der AIDS-Erkrankten ebbte aber schon bald wieder ab, als immer wirksamere Medikamente eingeführt wurden. Inzwischen konzentrieren sich die meisten Policenaufkäufer auf Verträge von Kunden im hohen Alter.
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