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Analyse & Strategie: Konjunktur


17.06.2009 16:30
Kommt die Hyperinflation?
von Bettina Seidl
Viele Anleger ankern nach wie vor im vermeintlich sicheren Hafen der Anleihen. Die Renditen sind ansehnlich. Doch immer mehr wird die Sorge um die Stabilität der Wirtschaft abgelöst. Die neue Angst heißt Inflation – oder noch schlimmer: Hyperinflation.
Bild zum Artikel Inflation - und plötzlich sind alle Millionäre... 

Die Berichte über die ausufernde Staatsverschuldung haben immer wieder das Schreckgespenst der Hyperinflation herumgeistern lassen. In den vergangenen Monaten wurde die Angst vor ihm allerdings fast ein wenig belächelt. Die Gegenargumente waren bestechend: Inflationsängste sind wegen der weltweiten Konjunkturflaute übertrieben, wir müssen uns eher wegen Deflation sorgen. Die massive Ausweitung der Geldmenge bedeute außerdem nicht zwingend, dass die Inflation ausufert. Denn das Geld fließt nicht komplett in die reale Wirtschaft, die Gelder werden vielmehr gehortet, Unternehmen stellen Investitionen zurück. Und schließlich die Überzeugung: Die Notenbanken pumpen zwar viel Geld in den Markt, werden aber rechtzeitig gegensteuern.

Dagegen hielt die Angst vor der weltweiten Konjunkturflaute alles in Schach. Verunsicherte Anleger steuerten den – vermeintlich – sicheren Anleihehafen an. Doch der entpuppte sich als wenig sicher. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen etwa verdoppelte sich seit Dezember von zwei auf vier Prozent. Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Anleihen verloren massiv an Wert. Wer im Dezember in Anleihen investierte, war angeschmiert.

Wie geht es aber jetzt weiter?
Man könnte meinen: Die Renditen sind inzwischen recht ansehnlich, jetzt ist der richtige Zeitpunkt für einen Einstieg in Anleihen. Kornelius Purps, Anleihestratege von der Unicredit, rät davon dringend ab. "Man kann am Anleihemarkt mehr verlieren als gewinnen", erläutert Purps gegenüber boerse.ARD.de. Vier Faktoren sprächen für weiter steigende Renditen und damit gegen Anleihen: Neue Hoffnungen auf Wirtschaftswachstum, die Angst vor Inflation, die Angebotsschwemme an Staatsanleihen bedingt durch die massive Staatsverschuldung. Dazu kommt die zunehmende Lust der Anleger auf Risiko. "Mittelfristig spricht das gegen Rentenpapiere", fasst Purps zusammen.

Die zunehmende Risikofreude ist seit März gut zu beobachten. Anleger verließen die Save-Haven-Anlagen wie Staatsanleihen. Finanzminister hatten Mühe, ihre Neuemissionen unterzubringen. Stattdessen investierten Anleger wieder in Aktien und Rohstoffe. Deren Kurse und Notierungen sind seit März entsprechend stark geklettert.

Bislang blieb das durchschlagende Signal von der Konjunkturfront zwar aus. Entsprechend vorsichtig ist man derzeit auch am Aktienmarkt, ob sich dieses Kursniveau halten kann. Doch grundsätzlich dominiert momentan die Meinung unter Anlegern, dass man die konjunkturelle Talsohle zum Ende des Jahres erreicht haben könnte. Vielleicht sogar schon eher.

Schreckgespenst: Hyperinflation
Entsprechend konzentriert sich die Angst jetzt auf eine andere Gefahr: Inflation, vielleicht sogar Hyperinflation. Die Geldpumpe der Zentralbanken läuft schließlich auf Hochtouren.

Hyperinflation, das heißt: Geld verliert in Rekordzeit an Wert. Gut geht es allen, die reale Werte besitzen: Immobilien, Land, Gold - oder Aktien. Schlecht dagegen denen, die Sparbücher, Lebensversicherungen oder Anleihen haben. Deren Wert sinkt. Der Anleihemarkt ist in Zeiten der Inflation alles andere als ein sicherer Hafen. Er ist vielmehr ein alles verschlingendes Ungeheuer. Wenn Geld in Rekordzeit an Wert verliert, wer legt sein Vermögen dann noch in Staatsanleihen an? Wer leiht Peer Steinbrück noch Geld? Oder dem amerikanischen Finanzminister Timothy Geithner? Niemand. Die Kurse von Staatsanleihen lösen sich auf. Die Erfahrungen der großen Krise von 1929 und die Folgejahre haben gezeigt: Papiergeld und Anleihen können in null Komma nichts wertlos werden.

Nicht kalkulierbare Geldflut
Unicredit-Experte Purps kann die Inflationsängste der Anleger daher gut nachvollziehen. Für Europa sieht er die Gefahr solcher dreistelliger Inflationsraten allerdings nicht, mehr als fünf Prozent erwarte er nicht. In den USA sei die Gefahr zwar größer. "Analytisch findet man aber viele Gründe, die für eine Null-Inflation wenn nicht sogar eine Deflation sprechen", relativiert der Anleihe-Experte. Ein solcher Grund sei die aktuelle Produktionslücke.

Ist die Hyperinflation also nur ein Hirngespinst? "Nein", meint Kornelius Purps. "Es gelingt uns Analysten aber nicht, diese liquiditätsinduzierten Hyperinflationsgefahren zu modellieren. Uns fehlen schlicht die Erfahrungswerte."

Japanische Verhältnisse
Ob nun aber Hyperinflation oder normale bis leicht erhöhte Inflation: Für Anleihen spricht das alles nicht. Und selbst wenn die hohen Inflationsraten ausbleiben: Es reicht, dass die Angst vor Inflation derzeit den Markt dominiert. Und das ist Gift für die Rentenmärkte.

Ein Szenario könnte allerdings für Anleihen sprechen: das japanische Szenario. "In Japan wurde schließlich auch jahrelang massiv Geld gedruckt, um damit Staatsanleihen zu kaufen. Eine Inflation haben die Japaner damit nicht hinbekommen", so Purps. Am Anleihemarkt würden die Kurse dann kräftig steigen.

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