Die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" berichtet in ihrer Freitagsausgabe von teilweise hochspekulativen - Geschäften in Höhe von knapp 600 Milliarden Euro, die nicht in der Bilanz auftauchten. Das wäre mehr als die offizielle Bilanzsumme, die bei 400 Milliarden liegt. Zusammen würde sich folglich ein Betrag von knapp einer Billion Euro ergeben, die der angeschlagene Immobilienfinanzierer laufend mit neuen Krediten refinanzieren müssen.
Schlimmer als Lehman-Pleite
Der Bundestagsabgeordnete Jochen-Konrad Fromme (CDU), der dem parlamentarischen Kontrollgremium des Banken-Rettungsfonds SoFFin angehört, zeigte sich fassungslos. "Vor einem Jahr hätte ich mir nicht vorstellen können, dass wir es mit einer solchen Dimension zu tun bekommen", sagte er gegenüber der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Der Staat müsse nun umgehend in das Münchner Geldinstitut einsteigen, fordert er, sonst könnten die Folgen für den internationalen Finanzmarkt schlimmer sein als bei der Pleite der einstigen Investmentbank Lehman Brothers.
Die HRE wies die Spekulationen über einen angeblichen Refinanzierungsbedarf von einer Billion Euro energisch zurück. Dies sei eine Falschinterpretation, erklärte der Konzern. Die HRE verfüge zwar über Derivate mit einem Nominalvolumen in der genannten
Größenordnung. Doch müsse nur der Marktwert in der Bilanz verbucht
werden, nicht das dahinterliegende Nominalvolumen. Mit Derivaten sichere sich das Geldinstitut wie andere Banken auch gegen Kredit- und Marktrisiken ab. "Die Absicherung zielt auf die Vermeidung von Risiken ab, nicht auf das Eingehen zusätzlicher Risiken", hieß es.
"Permanenter Aschermittwoch"
Trotz des Dementi herrschte Aufregung über das außerbilanzielle Engagement der Krisen-Bank. Händler sprachen von einem "Fass ohne Boden". Am drastischsten formulierte es Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. "Die Hypo Real Estate ist die deutsche Lehman Brothers und derzeit der Dreh- und Angelpunkt für den deutschen Bankensektor", sagte er.
"Die Bundesregierung kann nicht zulassen, dass der Pfandbriefmarkt zusammenbricht, und hat deshalb keine Alternative: Sie muss das Institut stützen, was es auch kostet. Die Alternative wäre der permanente Aschermittwoch an den Finanzmärkten."
Kernkapitalquote bald unter vier Prozent?
Laut einem Bericht des "Handelsblatt" droht inzwischen neues Unheil. Die Kernkapitalquote der Bank könnte wegen der erwarteten hohen Verluste ohne Kapitalzufuhr unter die regulatorische Mindestgrenze von vier Prozent auf nur noch 3,55 Prozent sinken. Auf diese Gefahr hat die Finanzaufsicht BaFin in einem Schreiben hingewiesen, das dem Bundesfinanzministerium vorliegt. Experten halten die Bank auf Dauer aber nur mit einer weitaus höheren Kernkapitalquote für überlebensfähig. Nötig wären 8 bis 10 Prozent, meinten Branchenkenner am Freitag.
Bereits am Donnerstag hatte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) davor gewarnt, dass die HRE ohne eine Verstaatlichung ein "zweiter Fall Lehman" werden könne. Das Kabinett hat ein Enteignungsgesetz beschlossen, das auf den Fall HRE ausgerichtet ist. Es sieht als letzte Möglichkeit für eine Verstaatlichung von Banken eine Enteignung vor. Steinbrück plädiert bei der HRE für eine mehrheitliche Übernahme von mindestens 75 Prozent plus einer Aktie durch den Bund.
Flowers verlangt 3 Euro je Aktie
Doch so einfach lässt sich der US-Finanzinvestor und HRE-Großaktionär Christopher Flowers nicht abschütteln. Er unterstützt zwar eine Mehrheitsübernahme durch den Bund, will aber nicht um jeden Preis seine Beteiligung verkaufen. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lehnte er es ab, mit dem Marktpreis entschädigt zu werden. Der durchschnittlich gewichtete Preis je Aktie in den zwei Wochen vor einer möglichen Enteignung sei als Maßstab für die Entschädigung der betroffenen Aktionäre "nicht akzeptabel", schreibt er in einem Brief an den SoFFin-Chef und die Staatssekretäre der beteiligten Ministerien in Berlin. Die Entschädigung solle sich stattdessen am Kurs orientieren, der in den zwei Wochen vor dem Aufkommen der Verstaatlichungsgerüchte am 8. Januar gegolten hatte. Daraus errechnet Flowers einen Preis von 2,97 Euro je Anteil, was "de facto dem auf eine Aktie anfallenden anteiligen Betrag des Grundkapitals in Höhe von drei Euro entspricht".
"Unternehmen keine drei Euro wert"
Eine solche Entschädigungsforderung halten Börsianer für abwegig. "Es ist mehr als klar, dass das ganze Unternehmen keine drei Euro mehr wert ist, geschweige denn drei Euro je Aktie, die Flowers verlangt", meinte ein Händler am Freitag.
Die Flowers-Forderungen und die neuen Enthüllungen um Milliarden-Geschäfte der HRE außerhalb der Bilanz setzen der HRE-Aktie am Freitag schwer zu. Das MDax-Papier verliert rund 20 Prozent und fällt auf 1,31 Euro.
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