Für die erfolgsverwöhnten Investmentbanker kam es in den letzten Monaten knüppeldick: Erst stand Mitte März Bear Stearns kurz vor dem Zusammenbruch und musste in einer dramatischen Rettungsaktion von JP Morgan aufgekauft werden. Am Wochenende rettete sich die drittgrößte US-Investmentbank Merrill Lynch unter das Dach der Bank of America. Kurze Zeit später musste die Nummer vier der Branche, Lehman Brothers, ihren Übernahmekampf aufgeben und Gläubigerschutz beantragen. Binnen sechs Monaten sind so aus den fünf großen unabhängigen US-Investmentbanken nur noch zwei übrig geblieben, Goldman Sachs und Morgan Stanley.
Milliarden-Verluste
Die Finanzkrise hat die US-Investmentbanken voll erwischt. Wegen des Preisverfalls bei Hypotheken-Anleihen erlitt Merrill Lynch allein im zweiten Quartal einen Nettoverlust von 4,7 Milliarden Dollar. Ähnlich schlecht erging es der Traditionsbank Lehman. Sie gestand in der vergangenen Woche einen Quartalsverlust von 3,9 Milliarden Dollar ein und schockte die Anleger. Die geplante Aufspaltung mit dem Verkauf von Unternehmensteilen scheiterte.
Experten stellen die Zukunft von Investmentbanken in Frage. Fondsmanager Jens Ehrhardt: "Investmentbanken haben sich immer kurzfristig finanziert und Geld in viele Spekulationsobjekte gesteckt. Jetzt bekommen sie kein Geld mehr." Seiner Meinung nach stehen sie vor dem Ende ihres Geschäftsmodells.
Riskante Wertpapiere zu wenig abgesichert
Jahrelang haben Lehman, Merrill Lynch & Co gut verdient mit Krediten. Sie machten gute Geschäfte mit der Umwandlung von Immobiliendarlehen in handelbare Anleihen, in die sie auch investierten. Doch mit der Subprime-Krise wurde das mangelnde Eigenkapital zum Verhängnis. Die Portfolios riskanter Wertpapiere waren nicht mit ausreichend Kapital abgesichert. So hielt Lehman zuletzt Vermögenswerte von 600 Milliarden Dollar, die nur mit 30 Milliarden Dollar Eigenkapital unterlegt waren.
Vor allem im Übernahmegeschäft waren die Banken viel zu sorglos und gaben den Beteiligungsfonds immer größere Übernahmekredite ("Leveraged Loans") zu immer laxeren Konditionen. Die Investmentbanken behielten die Kredite nicht in den Büchern, sondern kassierten lediglich die Gebühren und reichten die Darlehen anschließend an spezialisierte Investoren wie Hedge-Fonds und sogenannte CLOs weiter. Doch die Schwierigkeiten wenig betuchter amerikanischer Hauskäufer brachten die Kreditmaschine zum Stoppen. Die Risikoprämien für die Darlehen schossen nach oben. Die Kredithäuser blieben so teilweise entweder auf den Krediten sitzen oder mussten die Anleger mit höheren Zinsen locken.
Boni trieben Banker zu kurzfristiger Gewinnorientierung
Mervyn King, Gouverneur der Bank of England, sieht die erfolgsabhängigen Boni der Investmentbanker als Hauptgrund für die Finanz- und Kreditkrise. Statt langfristigen Erfolgs wurden kurzfristige Gewinne belohnt. Die Investmentbanker mussten deshalb höhere Risiken eingehen als sie dem eigenen Geldhaus und der Gesamtwirtschaft zuträglich waren, rügt King.
Auch die US-Notenbank Fed steht in der Kritik. Nach der Rettungsaktion gab sie den Investmentbanken direkten Zugang zum Notenbankkredit und brach ein Tabu. Bisher konnten nur die streng regulierten Geschäftsbanken direkt bei der Fed borgen. Das wird sich in Zukunft ändern. Investmentbanken werden künftig voraussichtlich wesentlich strenger reguliert werden.
Goldman Sachs und Morgan Stanley trotzen der Krise
Nur die zwei verbliebenen großen unabhängigen Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley haben die Krise bisher relativ gut gemeistert. In dieser Woche legen die beiden Geldhäuser ihre mit Spannung erwarteten Zahlen vor. Analysten rechnen mit einem Rückgang des Gewinns bei Goldman Sachs im dritten Quartal auf 857 Millionen Dollar oder 1,73 Dollar je Aktie. Für Morgan Stanley prognostizieren die Analysten einen Nettoüberschuss von 80 Cent je Aktie nach 1,38 Dollar im Vorjahr. Analysten bezweifeln, ob Goldman Sachs auf Dauer der Finanzkrise entkommt. Goldman hatte in den vergangenen Quartalen stets schwarze Zahlen geschrieben und die Konkurrenz düpiert, weil das Haus frühzeitig auf einen Abschwung des Hypothekenmarktes gesetzt hatte.
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