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16.07.2008 18:08
"Abwarten, bis die Panik kommt"
Für den renommierten Vermögensverwalter Jens Ehrhardt ist noch kein Ende der Dax-Talfahrt in Sicht. Noch nie habe er eine solche Verschuldungskrise wie jetzt erlebt, sagte er gegenüber boerse.ARD.de. Anleger sollten Aktien von verschuldeten Firmen meiden.
Jens Ehrhardt (Quelle: Ehrhardt Kapital AG) Jens Ehrhardt, Chef und Gründer des Vermögensverwalters DJE Kapital 

boerse.ARD.de: Der Dax hat seit Anfang Juni rund 1.000 Punkte verloren und ist am Mittwoch zeitweise unter die 6.000er-Marke gerutscht. Ist der Boden nun erreicht? Oder geht es noch weiter runter?

Jens Ehrhardt: Ich fürchte, es wird noch ein Stück tiefer gehen. Kurzfristig dürften wir die Marke von 6.000 Zählern von unten sehen. Es fehlt einfach ein Licht am Ende des Tunnels. Es ist zwar schon eine Menge Pessimismus in den Kursen drin, aber wir hatten noch keine kursreinigende Ausverkaufsstimmung.

boerse.ARD.de: Was macht Sie so pessimistisch?

Ehrhardt: Die monetäre Situation ist ungünstig, es sind keine niedrigen Zinsen zu erwarten. Weil die Inflation so hoch ist, können derzeit die Notenbanken die Leitzinsen nicht senken. Teilweise sind die Zinsen der Banken mehr gestiegen als die Leitzinsen. Das ist Gift für die Konjunktur und die Börse. Hinzu kommt, dass die sich abkühlende Konjunktur die Erträge der Unternehmen schmälert. Die Gewinne werden in den nächsten Quartalen zurückgehen. Schauen Sie sich den Automotive-Bereich an. Neulich habe ich mit einem Lkw-Zulieferer gesprochen. Das Unternehmen klagte über eine regelrechte Auftragsflaute in den letzten Monaten aufgrund des rasant gestiegenen Ölpreises.

boerse.ARD.de: Auch die US-Immobilien- und Finanzkrise lastet auf den Börsen. Sie haben jüngst gesagt, dass wir bei den Zusammenbrüchen der Banken erst am Anfang stehen...

Ehrhardt: Die Bankenkrise ist erst am Anfang. Denn es ist keine Besserung in Sicht, solange viele Kredite nicht bezahlt werden. Auch Fanny Mae und Freddie Mac werden sich alleine nicht berappeln können. Die Notenbanken und der Staat werden zwar weiterhin Feuerwehr spielen, doch sie können nicht alle Banken mit Liquidität retten. Einige mittlere und kleinere Banken werden daher nicht überleben, die Einlagensicherung wird nicht reichen, um allen Kunden ihr Geld zurückzugeben. Allein in den USA sind bis zu 100 Banken gefährdet.

boerse.ARD.de: Bankenkrise, Öl, starker Euro, Inflation - was ist der größte Belastungsfaktor für den Dax?

Ehrhardt: Das systemische Risiko. Wir erleben zurzeit eine ganz neue noch nie da gewesene Krise: Die Verschuldungskrise. Früher gingen die Kurse meist runter, wenn die Notenbanken den Geldhahn zudrehten. Heute ist dies nicht mehr so. Die Notenbanken haben die Schleusen aufgemacht und pumpen massiv Liquidität in den Markt – ohne durchschlagenden Erfolg. Die Banken sind klamm und vergeben nur noch ungern Kredite. Dabei sind Bankenkredite der Schmierstoff der Konjunktur. Wenn diese nicht mehr ausreichend vergeben werden, stockt die Konjunktur. Solch eine Krise habe ich noch nie gesehen.

boerse.ARD.de: Manche Experten raten schon wieder zum Einstieg in Aktienmärkte. US-Investor Ken Fisher glaubt, dass die Angst derzeit größer ist als die Gier und sieht gute Einstiegschancen. Ist jetzt schon die Zeit für antizyklische Käufe gekommen?

Ehrhardt: Das systemische Risiko hat meiner Meinung nach die Börse so sehr vergiftet, dass man besser abwarten sollte. Uns fehlen die Erfahrungen bei Verschuldungskrisen. Nur wenn die Panik ausbricht wie Mitte März, ist ein Tief und damit ein Kaufsignal erkennbar. Nach dem charttechnischen Durchbruch nach unten halte ich es zurzeit mit der alten Börsenweisheit: "The trend is your friend!"

boerse.ARD.de: Was sollten Anleger jetzt tun? Abwarten, bis die Finanzkrise abebbt und ein kursbereinigender Ausverkauf stattgefunden hat? Auf welche Signale sollten sie achten?

Ehrhardt: Panik könnte ein Signal für eine kurzfristige Erholung sein. Dann könnte es binnen kurzer Zeit mal wieder um 1.000 Punkte nach oben gehen, bis der Markt wieder dreht und neue Tiefstände getestet werden. Ich sehe derzeit keine Lösung für die US-Krise. Für Anleger heißt dies: Sie sollten wenig in US-Aktien investiert sein und Aktien von Unternehmen meiden, die hohe Schulden haben.

boerse.ARD.de: Wie lautet Ihre Dax-Prognose bis Ende 2008?

Ehrhardt: Ich sehe den Dax bei 5.500 Punkten bis Ende des Jahres. Es bleibt volatil, der Markt entwickelt sich seitwärts mit Abwärts-Trend.

Das Interview führte Notker Blechner.

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