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31.01.2008 09:18
Fed nach Zinssenkung unter Beschuss
Die US-Notenbank hat den Leitzins abermals kräftig gesenkt und damit die Kritiker auf den Plan gerufen: Kommt die Zinssenkung noch rechtzeitig, und wirkt sie überhaupt? Oder macht sich die Fed damit nur zum Knecht der Finanzmärkte?
Gebäude der Federal Reserve (Fed) in Washington, D.C., USA (Quelle: dpa/picture-alliance) Gebäude der Federal Reserve (Fed) in Washington, D.C. 

An den amerikanischen Börsen ist die zweite kräftige Senkung des US-Leitzinses binnen weniger Tage jedenfalls einfach verpufft. Die US-Notenbank nahm am Mittwoch den Satz für Tagesgeld wie erwartet um 50 Basispunkte auf 3,00 Prozent zurück. Erst am Dienstag vergangener Woche hatte sie den Leitzins überraschend um 0,75 Prozentpunkte verringert.

Der Dow-Jones-Index fiel nach einem kurzen Aufbäumen unmittelbar nach Bekanntgabe des Zinsschnittes jedoch unter dem Eindruck schlechter Konjunkturdaten und der drohenden Herabstufung der Kreditversicherer um 0,30 Prozent auf rund 12.443 Punkte. Der marktbreitere S&P-500-Index gab sogar 0,48 Prozent nach. Der Euro quittierte die neuerliche Leitzinssenkung mit deutlichen Kursgewinnen und stieg zeitweise um knapp einen US-Cent auf bis zu 1,4881 Dollar.

Lob von US-Analysten
Mit der neuerlichen Leitzinssenkung liegt der Zielsatz für Tagesgeld nunmehr so niedrig wie seit Juni 2005 nicht mehr. Die beiden jüngsten Entscheidungen der Federal Reserve sind die stärkste Zinssenkung in einem solch kurzen Zeitraum seit Anfang der 1980er Jahre.

US-Analysten lobten den Schritt der Währungshüter um Fed-Chef Ben Bernanke: "Sie sind nicht im Panik-Modus. Sie schauen auf die Realwirtschaft, und was die braucht sind niedrigere Zinsen", sagte Währungsstratege Ken Landon von JP Morgan Chase in New York. Aus Sicht der Bank of America signalisiert die neuerliche Zinssenkung unterdessen die große Sorge der Währungshüter um die Konjunktur. Offenbar schätze sie die Gefahr einer Rezession in den USA als recht groß ein, sagte Bank-of-America-Ökonom Holger Schmieding.

Banken reichen Zinssenkung nicht weiter
Die Fed will mit der neuerlichen Zinssenkung das Wachstum stimulieren. Sinkende Zinsen sollen Kredite für Unternehmen und Haushalte verbilligen und so die Konjunktur ankurbeln. Doch Kritiker monieren, dies sei reines Wunschdenken. Tatsächlich kommen bereits die vergangenen Fed-Zinssenkungen nicht in Form von neuen Krediten in der Realwirtschaft an, sondern werden von den Banken in deren Bilanzen absorbiert.

Wo früher noch freizügig Konsum-Kredite auf runtergerutschte Eigenheime gegeben wurden, herrschen seit Ausbruch der Krise im Sommer 2007 straffere Kreditstandards. "Die Banken haben sich an diesem Modell ordentlich die Finger verbrannt", sagte Fairesearch-Chefvolkswirt Eberhardt Unger im Gespräch mit boerse.ARD.de. Die Institute würden deshalb die Zinssenkungen nicht an die Haushalte weitergeben, sondern sie lieber selbst kassieren, um ihre angeschlagene Ertragslage zu verbessern.

Bild zum Artikel vergrößernDie Entwicklung der Leitzinsen in USA und Euro-Land 

Alan Greenspan vs. Norbert Walter
Wie stark die Finanzmarktkrise mittlerweile die Konjunktur in den USA beeinträchtigt, hatten bereits am Nachmittag veröffentlichte Konjunkturdaten gezeigt. Demnach wuchs das Bruttoinlandsprodukt in den USA im vierten Quartal nur noch mit einer Jahresrate von 0,6 Prozent nach 4,9 Prozent im Quartal zuvor. Der frühere Chef der Federal Reserve, Alan Greenspan, hält ein Abrutschen in die Rezession inzwischen für sehr wahrscheinlich.

Dagegen kritisierte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, die Zinssenkung als übereilt. "Die jüngsten Konjunkturdaten, vor allem zu den langlebigen Gütern, signalisieren keine Rezession in den USA", sagte Walter der "Berliner Zeitung". Gerechtfertigt wären Zinssenkungen aus seiner Sicht nur, wenn "die Rezession da und die Inflation weg ist", sagte Walter. Dies sei aber nicht der Fall.

Inflationsgefahr wächst
Die Zinssenkung der Fed sei daher riskant, denn sie habe große Nebenwirkungen, betonte Walter. Wenn die Fed den Geldhahn weiter aufdrehe, drohe die Gefahr einer neuen Vermögenspreisblase. Auch Helaba-Experte Mirko Pillep kritisierte die neuerliche Zinssenkung als "Beruhigungspille für die Märkte". Die Fed lege ihr Augenmerk eher auf die Märkte als auf die Inflation. In der Tat hat das billige Geld bereits jetzt wie im makroökonomischen Lehrbuch hohe Inflationsraten im Schlepptau. Zuletzt stiegen die Preise in den USA um über vier Prozent.

Fed-Kritiker wie Finanzmarkt-Experte Unger monieren auch, Bernanke habe der strauchelnden US-Konjunktur zu spät unter die Arme gegriffen. Schließlich werden Zinssenkungen der Fed erst mit einer Verzögerung von sechs bis zwölf Monaten wirksam – also dann, wenn die US-Wirtschaft den meisten Volkswirten zufolge schon wieder aus dem Gröbsten heraus sein sollte.

Fed signalisiert weitere Zinssenkungen
Trotzdem scheint Ben Bernanke sein Pulver noch lange nicht verschossen zu haben. Die Fed stellte am Mittwochabend klar, dass sie im Bedarfsfall zu einer weiteren Lockerung der Geldpolitik bereit ist. "Der Ausschuss wird zeitnah reagieren um Risiken entgegen zu treten." Die Finanzmärkte stünden "unter beträchtlichem Stress". Darüber hinaus hätten sich die Kreditbedingungen verschärft. An den Terminmärkten signalisierten die Futures eine weitere Zinssenkung um 25 Basispunkte Mitte März.

Dass das Ende der Zinssenkungsfahnenstange noch lange nicht erreicht ist, verrät dabei allein ein Blick in die Geschichte: Bernankes Vorgänger an der Spitze der Fed, Alan Greenspan, hatte von 2001 bis 2003 den Leitzinssatz von 6,5 auf 1,0 Prozent gesenkt und damit den Konsumboom bewusst angeheizt, um eine Rezession zu vermeiden. Den Kursverfall an den Börsen konnte er allerdings nicht abwenden.

ag
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