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Meldung


21.04.2006 10:06
Geschäfte mit der Leichtgläubigkeit
von Karsten Leckebusch
In den USA ist "Stock Spam "schon ein weit verbreitetes Businessmodell. Der massenhafte E-Mail-Versand von Aktienempfehlungen ist dort laut einer neuen deutschen Studie ein effektives Geschäft.
Ein Monitor aus dem Emails herausfallen. (Montage)

Jeder kennt sie: ungeliebte, oft kryptische E-Mails mit Empfehlungen aller Art, häufig unter den Gürtelbereich zielend, mit Millionenversprechungen aus Ländern südlich der Sahara, mit Aufforderungen, sich mit Euro-Kleinbeträgen an Kettenbriefen zu beteiligen. Fast jeder löscht die so genannten Spam Mails sofort, doch nicht jeder - sonst wäre "spammen" kein profitables Geschäft.

Vor allem in den USA greift ein neues Spammodell um sich: Empfehlungen für Aktien, für kleine, billige Firmen, so genannte Micro-Caps, überschwemmen die Postfächer. Die Strategie der Versender ist so einfach wie plausibel: Bei den kleinen Firmen sind große Kursschwanken schon bei kleinen Kauf- oder Verkaufsvolumina möglich. Durch eine scheinbar seriöse Kaufempfehlung sollen die arglosen Empfänger dazu gebracht werden, die beworbene Aktie zu kaufen. Dadurch steigt der Kurs, und der Spam-Versender, der sich zuvor preiswert eingedeckt hat, kann zum höheren Kurs verkaufen.

Rainer Böhme, TU Dresden Rainer Böhme 

Geniale Idee, aber funktioniert sie auch?
Wie dieser Mechanismus funktioniert, klärt eine deutsche Studie mit dem Titel "Die Auswirkungen von Stock Spam auf den Finanzmarkt". Rainer Böhme und Thorsten Holz, Informatiker an den Universitäten Dresden und Mannheim, haben nachgewiesen, dass Handelsvolumen und Aktienkurs durch Stock Spam ansteigen.

Anhand von mehr als 20.000 verschiedenen Massenmails und mit Hilfe eines finanzmathematischen Modells stellten sie fest, dass der Kurs einer durch Stock Spam beworbenen Aktie im Durchschnitt um rund 2 Prozent stieg. Das klingt zunächst nicht viel, aber bei einer Marktkapitalisierung von beispielsweise fünf Millionen Dollar sind zwei Prozent nach Adam Riese auch hunderttausend.

Kosten verschiedener Werbearten
Werbung über
Gesamtkosten
Anzahl Empfänger
Kosten pro Empfänger
Briefpost
9.700 $
7.000
1,39 $
Telemarketing
160 $
240
0,66 $
Fachzeitschriften
7.500 $
100.000
0,075 $
Zeitungen und Zeitschriften
30.000 $
442.000
0,067 $
Fax
30 $
600
0,05 $
Online-Anzeigen
35 $
1.000
0,035 $
Spam
250 $
500.000
0,0005 $
Quelle: www.ciphertrust.com

Allerdings hielt der Effekt bei den betrachteten Aktien nur zwei bis drei Tage, dann sackte der Kurs wieder ab. In der Zwischenzeit hat nämlich der Spamversender möglichst viele seiner zuvor billig erworbenen Anteile wieder verkauft. Der arglose Käufer ist der Dumme, wie die penibel geführte Webseite spamstocktracker.com beweist.

In den USA ist diese Art der Abzocke schon gang und gäbe, in Deutschland steckt sie noch in den Kinderschuhen. "Hierzulande ist der Aktienmarkt einfach wesentlich kleiner als in den USA", erklärt der Autor der Studie, Rainer Böhme. "Der bei Spam Mails erforderliche Streueffekt ist daher viel geringer". Er ist sich aber sicher, dass auch in Deutschland die Stock Spam-Flut Erfolg hätte: Sobald die Spam-Versender hier ihren Markt entdeckten, würden auch deutsche Möchtegern-Spekulanten auf interessante, scheinbar seriöse Geheimtipps für Aktien hereinfallen.

Es geht auch mit Newslettern
Dass Böhme damit vermutlich richtig liegt, zeigt der seit Monaten in Deutschland zu beobachtende Boom fragwürdiger Aktientipp-Newsletter. Anders als bei den in der Studie untersuchten Spam Mails gibt es hier eindeutige Absender, die mit ihrem mehr oder weniger renommierten Namen für den Wert ihrer Empfehlungen zu bürgen scheinen. Inhaltlich unterscheiden sich diese Newsletter dann allerdings kaum von der unerwünschten E-Mail-Variante – es wimmelt nur so von "heißen Informationen", "bevorstehenden Kursexplosionen", "exklusiven Vorstandsinterviews" oder "Gerüchten, die bald zu Fakten werden". Wer solche Post in seiner Mailbox hat und nicht gerade zum Zocken mit offenem Ausgang aufgelegt ist, fährt auch in diesem Fall am besten mit der Devise "Vor dem Lesen vernichten".

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