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19.05.2009 08:33
"IR-Abteilungen ignorieren die Krise"
Auf den Investor-Relations-Internetseiten ist von der Krise so gut wie nichts zu lesen. Das hat Netfederation in einer Studie ermittelt. Geschäftsführer Thorsten Greiten erklärt warum.
Bild zum Artikel Netfederation-Geschäftsführer Thorsten Greiten 

boerse.ARD.de: In Ihrer Studie zeigen Sie, dass unter der Finanzkrise die Kontaktpflege der Unternehmen mit den Investoren leidet. Können Sie das erklären?

Thorsten Greiten: Unter der Krise leidet die Kontaktpflege mit den Investoren sowohl inhaltlich als auch organisatorisch. Die Finanzkrise hat in Unternehmen eine Kommunikationsstarre ausgelöst. So wurden beispielsweise sämtliche Ausblicke zurückgezogen. Bei vielen Dax-Konzernen findet man inzwischen kaum noch Angaben zu den nächsten zwei bis fünf Jahren. Essentielle Fragen der Investoren wie zur künftigen Entwicklung der Dividende werden ausgeblendet. Hinzu kommt, dass viele IR-Abteilungen sich derzeit mit vielen regulatorischen Fragen beispielsweise zum SoFFin oder auch mit der Verwicklung der Unternehmen in Skandale beschäftigen müssen. Deshalb können sie sich um das eigentlich wichtige Geschäft und um Corporate Governance nicht kümmern.

boerse.ARD.de: Wo liegen die größten IR-Defizite derzeit?

Greiten: Die Unternehmen können mit der Regulierung kaum Schritt halten und sind maßlos überfordert. Die neuen Aktionärsrichtlinien beispielsweise, die ab diesem Jahr eine Online-Abstimmung der Aktionäre auf Hauptversammlungen ermöglichen, werden teilweise ignoriert. Die IR-Abteilungen vernachlässigen die Story des Unternehmens und sind mit sich selbst beschäftigt. Es fehlt auch eine Gesamtstrategie des Firmenauftritts im Netz. Die Corporate Websites befinden sich in einem heillosen Chaos. Zwischen den Rubriken HR (Human Resources) und IR beispielsweise mangelt es an Koordination. Denn die Personalabteilung weiß nicht, was die IR-Abteilung macht. Die wenigsten haben einen Überblick über die gesamte Website.

boerse.ARD.de: Wie sollten Unternehmen auf die Krise reagieren?

Greiten: Die IR-Abteilungen sollten die Krise nutzen, sich zu öffnen und dem Internet-User anzunähern. Die Investoren, die heute nachwachsen, gehen hauptsächlich übers Internet. Schon jetzt erfolgen rund ein Drittel aller Zugriffe auf die IR-Seiten von Unternehmen über die Google-Suche, da gerade diese Seiten ständig aktualisiert werden und dementsprechend hoch gerankt sind. Der Online-Kanal ist einer der wichtigsten geworden. Darauf sind viele Unternehmen nicht vorbereitet. Kommunikationschancen werden vergeben.

boerse.ARD.de: Sie warnen vor dem Risiko der Nicht-Kommunikation. Warum?

Greiten: Wenn man bei den Unternehmen nachfragt, warum man nichts zur Krise auf den IR-Seiten findet, heißt es lapidar: Wir können derzeit nichts sagen. Genau das aber müssen Firmen darstellen. Sie können die Krise nicht einfach ignorieren und nichts sehen, nichts hören und nichts sagen. Alles, was nicht kommuniziert wird, wandelt sich in Gerüchte um. Das ist fatal. Die Firmen überlassen die Meinungsführerschaft den Usern im Netz. Viele Unternehmen glauben immer noch, die Kommunikation kontrollieren zu können. Sie täuschen sich. Es geht nicht mehr um Kontrolle, es geht nur noch darum, im Netz mitzudiskutieren.

boerse.ARD.de: Wie stark setzen die Firmen bei ihrer IR Twitter ein?

Greiten: In den Firmen wird zwar getwittert. Doch wer für den Twitter-Kanal verantwortlich ist, das weiß meist keiner im Unternehmen. Wir haben dies vor kurzem auch in einer Studie untersucht. Ein Ergebnis war, dass nur ein Drittel der 110 Unternehmen im MDax, TecDax und Dax30 überhaupt erst registriert sind.

boerse.ARD.de: Welche Unternehmen machen die vorbildlichste IR?

Greiten: Die Post, ThyssenKrupp, Bayer und BASF betreiben eine sehr professionelle IR. Darüber hinaus ist die Allianz der einzige Dax-Konzern, der ein eigenes Dossier zur Krise geschaffen hat.

boerse.ARD.de: Sie beklagen in der Studie, dass die Schere bei den Investor Relations zwischen Dax- und TecDax-Firmen immer größer wird…

Greiten: Ja, die Schere geht immer weiter auseinander. Die Dax-Konzerne werden in ihrer IR immer besser, während technikaffine TecDax-Firmen den Anschluss verpasst haben. Da werden die Websites teilweise von Praktikanten oder Technikern gemacht. Die Schlusslichter aus unserer Benchmarkstudie haben teilweise Investor-Relations-Seiten ohne Navigation und Orientierung.

boerse.ARD.de: Legt also die Krise die Schwächen der Investor Relations offen?

Greiten: Ja, die Online-Kommunikation war auf die Krise nicht vorbereitet. Einige Firmen halten immer noch an Einbahnstraßen-Information fest und reagieren auf Pressegerüchte mit bloßen Stellungnahmen. Das ist im Internet einfach zu wenig. Firmen laufen Gefahr, kommuniziert zu werden anstatt zu kommunizieren.

Das Interview führte Notker Blechner.

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