Vollautomatischer Handel - was steckt dahinter?

Tobias Bürger

Stand: 12.08.2011, 14:34 Uhr

Wie ist die derzeit extreme Schwankungsanfälligkeit der Börsen zu erklären? Hauptverdächtiger ist das "Algo-Trading": Immer mehr Aufträge werden durch vollautomatische Handelsprogramme ausgelöst, die auf geheimen Algorithmen basieren. Der Mensch, der früher über den Kauf oder Verkauf einer Aktie entschieden hat, tritt in den Hintergrund.

Computer, Server und Netzwerke sind aus dem heutigen Wertpapiergeschäft nicht mehr wegzudenken. Während sich die Marktakteure in den Anfangsjahren der Aktienbörse noch persönlich gegenüberstanden, werden Wertpapiergeschäfte heute elektronisch und anonym abgewickelt.


Neuerdings tritt der Mensch auch immer stärker in den Hintergrund, wenn es darum geht, die eigentlichen Kauf- oder Verkaufsentscheidungen für Aktien, Währungen oder Derivate zu treffen. Das übernehmen inzwischen immer häufiger vollautomatisierte Computerprogramme. Einerseits sorgt ausgefeilte Software dafür, Verluste automatisch zu begrenzen und Stop-Loss-Marken umzusetzen. Andererseits werden Programme mit ausgeklügelten Handelsalgorithmen eingesetzt, um binnen Millisekunden Transaktionen zu tätigen.


In Fachkreisen spricht man dabei von algorithmischem Handel oder Algo-Trading bzw. Hochfrequenzhandel. Damit werden Strategien bezeichnet, die auf Geschwindigkeitsvorteilen basieren und diese nutzen, um durch schnelles Kaufen und Verkaufen innerhalb kürzester Zeit Gewinne einzustreichen. Nutzer sind zum Beispiel Hedgefonds und andere institutionelle Anleger.


An der Technologiebörse Nasdaq ist es nach Darstellung der Finanzpublikation "Economist" möglich, Transaktionen innerhalb von 250 Mikrosekunden abzuwickeln. Zum Verständnis: Das ist ein Viertausendstel einer Sekunde.

Software treibt den Handel

Der computergesteuerte Wertpapierhandel erreicht in jüngster Zeit gewaltige Ausmaße. Marktexperten gehen davon aus, dass bereits 70 Prozent der Umsätze an der New Yorker Börse auf ultraschnelle Handelsprogramme zurückzuführen sind. Im deutschen Xetra-Handel sollen es inzwischen 60 Prozent sein. Noch vor zwei Jahren wurde der Anteil auf bestenfalls 40 Prozent geschätzt. Bei Währungen liegt der Anteil am Handelsvolumen bei etwa 45 Prozent. Experten rechnen damit, dass der Hochfrequenzhandel in den nächsten Jahren mit 20 Prozent pro Jahr wächst.

Die schnelle Mark

Während sich Börsenaltmeister André Kostolany noch für die Buy-and-Hold-Strategie (kaufen und liegenlassen) aussprach, sind automatisierte Handelssysteme darauf gepolt, Wertpapiere in Windeseile zu kaufen und selbst mit einem Minigewinn nach wenigen Augenblicken wieder abzustoßen. Dieses Jagen kurzfristiger Trends blendet fundamentale Kennzahlen der Unternehmen praktisch aus. Langfristige Wachstumschancen bleiben also ungehört.


Ein unschöner Nebeneffekt ansteigender Handelsvolumen ist die zunehmende Volatilität, wie mehrere Studien nach Darstellung des "Economist" feststellen.

Keine Chance für Normalanleger

Die Deutsche Börse hat 2010 mit "Alpha Flash" eine ausgeklügelte Dienstleistung für den Hochfrequenzhandel gestartet. Nach Darstellung des Marktbetreibers handelt es sich um den schnellsten Datenstrom für maschinenlesbare Nachrichten, die für den Wertpapierhandel von Bedeutung sind. Nutzer können mit "Alpha Flash" auf mehr als 150 makroökonomische Indikatoren aus Europa, Kanada und den USA zugreifen und in ihren Algorithmen für Handelsentscheidungen berücksichtigen. Wenn der "Normalanleger" zu überlegen beginnt, ob etwa die jüngsten Zentralbankentscheidungen negativ zu werten sind und er womöglich seine Aktien verkaufen sollte, hat der Computer längst eine entsprechende Order platziert.


Wie der Hochfrequenzhandel im Detail funktioniert, lesen Sie in Teil 2: Der Hochfrequenzhandel in der Praxis

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