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Aufsichtsräte

Nichts sehen, nichts hören, nichts tun?

Bundesweit laufen Projekte aus dem Ruder, ohne dass die Aufsichtsräte eingreifen. Auch der Chefaufseher von ThyssenKrupp Cromme hat nach eigenen Worten den Skandalen und Fehlentscheidungen im Konzern lange tatenlos zugesehen und musste sich jüngst als "Teflon-Pfanne der Republik" beschimpfen lassen.

Drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sprechen

Mangelt es den deutschen Aufsichtsräten an Durchblick?

Das warf ihm ein Aktionär auf der ThyssenKrupp-Hauptversammlung vor. Andere forderten seinen Rücktritt. Letztlich kam Cromme, der auch im Siemens-Aufsichtsrat sitzt, mit einem blauen Auge davon und wurde von der Mehrheit der Aktionäre entlastet. Was den Sturm der Entrüstung ausgelöst hatte: Bei dem Stahlriesen stand im vergangenen Jahr unter dem Strich ein Fehlbetrag von ganzen fünf Milliarden Euro.

Cromme räumte dafür eine Mitverantwortung ein, genau wie für die zahlreichen Skandale im Unternehmen. "Ja, wir haben zu lange vertraut, wir hätten früher handeln können", erklärte der 69 Jahre alte Aufsichtsratsvorsitzende zerknirscht.

Eine Kontrolle für die Kontrolleure: die Hauptversammlung

Dabei hätte gerade er als früherer Vorsitzender der Kommission für den Deutschen Corporate Governance Kodex seinen Pflichten als Aufsichtsrat besonders sorgfältig nachkommen müssen. "In der Tat hat Cromme eine Vorbildfunktion, der er nicht gerecht wird", kommentiert das Peter Dehnen von der Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland im Interview mit boerse.ARD.de. Immerhin gibt es aber noch eine Kontrollinstanz, die den Aufsehern selbst auf die Finger sieht. Nämlich die Hauptversammlung, in der sie jährlich Rechenschaft ablegen müssen.

Ein noch größeres Problem ist Dehnens Ansicht nach die weit verbreitete Annahme: Die Mitgliedschaft in einem Aufsichtsrat ist ein Ehrenamt. Es ist aber ein Beruf, betont Dehnen. Die Vereinigung arbeitet dafür derzeit Leitplanken aus. Die Mitglieder von Aufsichtsräten sollen professionell, unabhängig und selbstbestimmt arbeiten, fordert Dehnen und ergänzt: "Dafür braucht es neben unternehmerischer Erfahrung vor allem Sach- und Kontrollkompetenz."

Kontrollkomptenz - Fehlanzeige
Doch daran scheint es bei Großprojekten wie dem Flughafen Berlin, Stuttgart 21 oder dem Nürburgring zu mangeln. Immer wieder werden solche Projekte an die Wand gefahren. Die Kosten explodieren. Die Planungen wimmeln vor Fehlern. Eröffnungstermine werden verschoben. Das legt die Vermutung nahe, dass Wowereit und Co. nicht kritisch genug nachgefragt haben.Dabei sollten die Aufsichtsräte von Anfang an die "Draufsicht" haben, die Vorstände kontrollieren und beraten.

Der Aufsichtsrat

Stempel mit Aufdruck Aufsichtsrat

Neben Vorstand und Hauptversammlung ist er eines der drei Organe einer Aktiengesellschaft. Er bestellt und überwacht den Vorstand. Der wiederum ist für die Einberufung der Hauptversammlung zuständig, die den Aufsichtsrat alle vier Jahre wählt. Im Ausnahmefall kann auch der Aufsichtsrat selbst eine Hauptversammlung einberufen, wenn das Wohl der Gesellschaft dies erfordert. Er besteht aus mindestens 3 und höchstens 21 Mitgliedern. Die Anzahl hängt von der Höhe des Grundkapitals ab. Sie müssen sich mindestens vier Mal im Jahr, zwei Mal im Halbjahr treffen. Solche Kontrollgremien kann es auch in anderen Rechtsformen geben. Dort werden sie regelmäßig Beirat oder Verwaltungsrat genannt.

Doch dafür fehlt oft der Durchblick, findet auch Christian Rieck, Professor für Finanzen an der Fachhochschule Frankfurt. Er hat eine Studie zu den Aufsichtsräten der 30 Dax-Unternehmen erstellt. Sein Fazit: Es sind vor allem die Arbeitnehmervertreter, die im Schnitt weniger gebildet sind. "Außerdem ist es eine weniger bunte Mischung, was die Herkunft angeht und den beruflichen Werdegang", erklärt er gegenüber boerse.ARD.de, "Deshalb sollten die Arbeitnehmer nach anderen Kriterien auswählen, als sie es bisher tun."

Von wegen Deutschland AG

Das vielfach beschworene Klischee des Old Boys Network hat sich für Rieck dagegen in Hinblick auf die vergangenen zehn Jahre nicht bewahrheitet. Zugegeben: Es gibt einflussreiche Kontrolleure wie Paul Achleitner, Joachim Milberg oder Manfred Schneider, die mehrere Mandate innehaben. Doch generell sei das Geklüngel in den Aufsichtsräten in der letzten Zeit eher zurückgegangen, sagt Rieck.

Statt eines Old Boys Network sieht er die Gefahr eines Young Girls' Network, gefördert durch eine angedachte gesetzliche Frauenquote. Viele Unternehmen würden schon jetzt Frauen begünstigen, erklärt Rieck gegenüber boerse.ARD.de. Doch damit würden sie sich nicht immer einen Gefallen tun: "Ein Ergebnis unserer Studie ist, dass Frauen auch mit geringerer Qualifikation in Aufsichtsräte berufen werden."

Trotz aller Kritik gibt es natürlich auch Fälle, in denen Aufsichtsräte vorbildlich handeln. Etwa den Fall Hess. Der Aufsichtsrat des Laternenherstellers hatte den Vorstandschef und den Finanzchef jüngst fristlos entlassen. Der Grund: Verdacht auf Bilanzmanipulation. Jetzt kümmert sich um den Fall die zuständige Staatsanwaltschaft in Konstanz.

Stand: 23.01.2013, 13:36 Uhr

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