John Cryan

Exklusives Interview mit John Cryan "Die Deutsche Bank soll in das Herz von Deutschland zurückkehren"

Stand: 07.08.2017, 14:17 Uhr

Seit 2015 ist John Cryan Chef der Deutschen Bank und durfte schon einiges miterleben: Eine milliardenschwere Strafe, wahnsinnige Kosten und eine Vertrauenskrise. Wie er selbst damit umgeht, wie gefährlich die Deutsche Bank wirklich ist und wie sie in Zukunft aussehen soll, lesen Sie hier im Interview.

Wie wurden Sie zum Banker?

John Cryan: Das war keine aktive Entscheidung. Ich bin da einfach irgendwie gelandet. Ich habe erst bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gearbeitet und dort mit Finanzinstituten zusammengearbeitet. Banking war kein Lebenstraum von mir.

Was mögen Sie daran, Banker zu sein?

Cryan: Am meisten die Menschen. Das Banking lockt viele der brillantesten Köpfe der westlichen Welt an. Ich mag es, mit den Menschen zu arbeiten, mit denen ich arbeite und ich mag es, Kunden zu treffen. Die Kunden bringen die Vielfalt. Aber die Menschen, mit denen ich arbeite,  sind herausfordernd und interessant und manchmal auch fordernd. Ich hatte nie einen langeweiligen Moment.

Was halten Sie von der Schlagzeile, die Deutsche Bank sei die gefährlichste der Welt?

Cryan: Ich habe das zum ersten Mal auf Deutsch in einer Lokalzeitung gelesen. Jemand hat "freundlicherweise" risk and connectedness mit gefährlich übersetzt.  Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir gefährlich sind. Weder für uns selbst, noch für das System. Aber wir sind natürlich eine große Bank und sind hoffentlich gut vernetzt.

Wie gefährlich ist die Deutsche Bank?

Cryan: Aus meiner Sicht gar nicht. Ich denke, wir haben die Bank viel besser unter Kontrolle. Wir haben sehr viel investiert, um unsere Kontrollsysteme zu verbessern. Wir werden das auch weiterhin tun. Wir achten sehr aufmerksam darauf, was eine Bank für Risiken eingehen muss, um ihre Rolle in der Gesellschaft zu erfüllen und ich denke, wir machen das gut. Ich nehme wahr, dass Banken jetzt viel aufmerksamer gemanagt werden, als noch vor zehn Jahren.  

John Cryan

Wie gefährlich ist die Deutsche Bank, Herr Cryan?

Im letzten Jahr hat die Deutsche Bank mit dem amerikanischem Justizministerium verhandelt, wie viel Strafe sie wegen winidiger Hypothekengeschäfte zahlen sollte. Zwischendurch standen 14 Milliarden Dollar im Raum. Wie war diese Zeit für Sie?

Rote Ampel vor der Deutschen Bank

Deutsche Bank. | Bildquelle: Imago

Cryan: Es war nicht für mich schwierig, sondern für die Bank. Einfach, weil diese zu Beginn geforderte Summe extrem hoch war im Vergleich zum Kapital der Bank. Und es hat unsere Kunden entmutigt und unser Personal beunruhigt. Bei solchen Verhandlungen kann man oft öffentlich nicht viel sagen, um die Situation zu beruhigen. Wir konnten also nicht so frei kommunizieren, wie wir es gern getan hätten. Ich muss aber unser Personal loben. Es hat sich wirklich mit unseren Kunden beschäftigt. Wir haben unsere Leute darin geschult, zu wissen, was sie zu den Kunden und Aktionären außerhalb der Bank sagen können. Wir haben sehr viel kommuniziert in dieser Zeit. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es eine sehr harte Zeit für die Bank war, aber sie ist glücklicherweise zu Ende. Und es geht weiter. Und falls wir nochmal kämpfen müssen, werden wir das vielleicht etwas besser können, nachdem, was wir durchgemacht haben.

Wie haben Sie Frau Merkel von den Schwierigkeiten der Bank erzählt?

Cryan: Sachlich und ehrlich. Ich habe keine Schwierigkeit zurückgehalten. Aber ich habe auch gesagt, welche Chancen wir haben, um die Bank dorthin zu bringen, wo sie einst war. In das Herz von Deutschland.

Wie hat Sie reagiert?

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
14,11
Differenz relativ
-3,22%

Cryan: Ich glaube, positiv. Ich glaube, alle Stakeholder wollen, dass die Deutsche Bank zu ihren Wurzeln zurückkommt. Das war einer der treibenden Faktoren für unsere Entscheidung zur Kehrtwende, die Postbank zu behalten.

Wie war es für Sie zu lesen, was die Deutsche Bank „verbrochen“ hat?

Cryan: Eine große Enttäuschung. Offensichtlich war es ein branchenspezifisches Problem der großen Banken, die kleinen waren kaum involviert. Ich bin sehr enttäuscht, wenn Kollegen so handeln. Wir müssen aus diesen Fehlern lernen und dafür sorgen, dass so etwas nicht nochmal passiert.

Wie wollen Sie das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen?

Die Deutsche Bank von innen

Die Deutsche Bank von innen. | Bildquelle: hr/Ingo Nathusius

Cryan: Ich habe über Vergütung gesprochen. Ich denke, Vergütung wenn sie nicht angemessen eingesetzt wird, kann Motive hervorrufen, die gegen das Interesse der Gesellschaft arbeiten. Aber ich glaube an die Märkte. Und es gibt einen Markt für Talente, die im Bankensektor angestellt sind. Diesen Markt zu ignorieren, ist dämlich. Wie auch immer. Ich denke, Vergütungen sollten so an den Markt angepasst werden, dass sie nicht zu negativen Anreizen führen. Ich denke, manche Veränderungen in der Struktur der Vergütung haben dafür gesorgt. Andere nicht wirklich. Aber ich denke, die Situation ist besser geworden. Und ich glaube, Boni können ein wichtiges Element sein, um Menschen an eine Bank zu binden, sie zu halten und sie bis zu einem gewissen Grad motivieren. Aber es kann nicht sein, dass die einzige Motivation für Mitarbeiter welcher Firma auch immer eine höhere Bezahlung ist. Wir müssen eine Vision für die Bank aufbauen. Wir müssen eine Kultur für die Bank schaffen, in der die Menschen gerne zur Arbeit kommen, im Sinne der Zusammenarbeit mit ihren Kollegen und im Sinne ihrer Kunden.

Stehen Sie gern in der Öffentlichkeit?

Cryan: Ich selber bin lieber etwas privater. Aber es ist eine der Aufgaben, die zu meiner Rolle gehören. Bevor ich den Job angenommen habe, wusste ich natürlich, dass ich ein Hauptvertreter der Bank sein werde und diese Rolle will ich möglichst professionell ausüben. Ich mache das nicht immer gern, aber es ist Teil des Jobs. Das ist sehr wichtig.

Wie wichtig ist Ihnen Luxus?

Cryan: Ich war mal bekannt dafür, Gebrauchtwagen zu kaufen. Ich gebe nicht so viel auf Geld. Manche meiner Hobbys sind nicht wirklich teuer. Ich gehe gern segeln. Aber auf kleinen Booten, nicht auf großen. Und Musik hören ist auch nicht so teuer. Ich könnte ein sehr teures Leben führen. Aber ich bin so zufrieden.

Wie gehen Sie mit Druck um?

Cryan: Ich bin eher entspannt. Manchmal irritiere ich meine Kollegen, wenn ich nicht so aufgeregt bin, wenn Dinge falsch laufen. Ich hatte Glück. Ich hab viele Erfahrungen im Bankensektor gesammelt. Bin vor zehn Jahren durch schwierige Zeiten gegangen. Und habe hoffentlich daraus gelernt. Und ich versuche, rational zu handeln und logisch mit Problemen umzugehen und hoffentlich können andere dabei von mir lernen. Ich neige also nicht sehr dazu, mich gestresst zu fühlen. Ich hoffe, dass ist nicht nur ein oberflächliches Gefühl. Manchmal bin ich vielleicht zu rational. Aber ich denke, dass gehört zu meiner Rolle.

Als Chef einer großen Bank – haben Sie Hass von Antikapitalisten erlebt?

Cryan: Es ist ein Job. Es hat wenig mit meinem persönlichen Leben zu tun. Ich freue mich darauf, wenn ich nicht mehr sieben Tage die Woche arbeiten muss. Wir waren zuletzt sehr beschäftigt. Aber ehrlich gesagt, betrifft es mich schon ein bisschen. Ich finde es enttäuschend, dass der Bankensektor der Welt nicht genügend erklärt hat, warum er so wichtig ist und wie er die Uhr am Laufen hält. Ohne Banken wäre der Westen nicht so erfolgreich, wie er ist. Und auch nicht die Schwellenländer. Wir müssen deutlicher zeigen, welchen Zweck wir haben.

Macht Herr Trump Sie nervös?

Cryan: Er macht mich nicht direkt nervös. Kürzlich hat es mehr Volatilität in der Politik gegeben und wir müssen aufmerksam beobachten, ob etwas geschieht, was die Bank betreffen könnte oder die Gesellschaft. Ich denke, die Politik ist unsicherer als sie vorher war. Das müssen wir bei unserem normalen Risikomanagement bedenken.

Was sieht die Deutsche Bank in fünf Jahren aus?

Chinesische Flagge spiegelt sich in den Deutsche Bank Türmen

Deutsche Bank chinesisch. | Bildquelle: Imago, colourbox.de, Montage: boerse.ARD.de

Cryan: Es gibt einen konkreten Plan, dass die Deutsche Bank ihre Basis hier in Deutschland hat. Mit zwanzig Millionen Kunden, die hier mit unseren besten Möglichkeiten versorgt werden. Aber die wichtigste Funktion der Deutschen Bank für Deutschland ist es, die Deutschen zu unterstützen, wenn sie ins Ausland expandieren wollen. Vor allem im Businesssektor. Die Bank ist als internationale Bank gegründet worden. Das ist die wahre Wurzel der Bank. Das ist ihr Rückgrat. Wir müssen also international sein. Wir müssen also in den wichtigsten Finanzzentren tätig sein. Auch in Schwellenländern. Vor allem in China. Ich sehe also kaum einen Veränderung zu dem, was die Bank heute macht. Wir werden unsere Kunden hier und im Kapitalmarkt international in den wichtigsten Finanzzentren unterstützen. Und vor allem werden wir die leitende Bank in Deutschland sein.  

John Cryan

Wie gefährlich ist die Deutsche Bank, Herr Cryan?

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