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Porträt

Christian Bale (l.) spielt Michael Burry in

Kauziger Eigensinn kann sich auszahlen

Mike Burrys Big Short

Stand: 15.01.2016, 15:07 Uhr

Niemand rechnete mit der globalen Finanzkrise. Niemand? Nicht ganz! Der Neurologe Dr. Mike Burry erkannte frühzeitig die Warnsignale vom US-Immobilienmarkt und machte mit einer Wette gegen den "Mainstream" der Wall Street ein Vermögen.

Vertrauen ist wichtig, gerade in der Finanzwelt. Vertrauen muss man sich verdienen. Mike Burry stellte als Fondsmanager von Scion Capital und Wall-Street-Außenseiter das Vertrauen seiner Anleger auf die Probe, denn er wettete gegen beinahe die gesamte Herde der Finanzwelt auf den Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes. Es lohnte sich, wie wir heute wissen.

Michael Burry

Michael Burry. | Bildquelle: Michael Burry Blog

Im jetzt auch verfilmten Finanzthriller "The Big Short" schildert der Autor Michael Lewis eindringlich Burrys Lebensweg: Im Alter von zwei Jahren verlor der im Jahr 1971 geborene Burry ein Auge wegen einer Krebserkrankung. Sein Glasauge sieht er selbst als wichtigen Grund für seine Kontaktschwierigkeiten, da es ihm schwer fiel, den Menschen in die Augen zu sehen – und umgekehrt. Burry wurde ein typischer Außenseiter, der von Kindheit an kaum Freunde hatte.

Aber was einerseits problematisch ist, kann auch ein großer Gewinn sein. Denn was ihn auszeichnete, war eine fulminante Fähigkeit sich zu konzentrieren und die Faszination für Zahlen. Laut Burry ist der Grund für diese Fähigkeit nicht zuletzt sein Desinteresse an zwischenmenschlichen Beziehungen. Und wer Zahlen liebt, kommt irgendwann auf die Idee, sich mit Kapitalanlage zu befassen.

Vom Neurologen zum Value-Investor

Burry ist allerdings einen Umweg gegangen, um ein erfolgreicher Hedgefonds-Manager zu werden. Er studierte zunächst Medizin und arbeitete als Neurologe im Stanford Hospital. Wie hat Dr. Mike Burry seinen Weg zum Finanzmarkt gefunden?

Eigentlich hat die Wall Street ihn gefunden. Der finanztechnische Autodidakt las nach stundenlangen Schichten im Krankenhaus die Werke der großen Value-Investoren wie Benjamin Graham und Warren Buffett. Schnell wurde ihm klar, dass man mit dem Kopieren fremder Ideen nichts Außergewöhnliches erreicht. Es gilt einen eigenen Weg zu finden.

Das ist Burry mit Hilfe des Internets gelungen, weitgehend ohne persönlichen Kontakt zu anderen Investoren. Denn letztlich zählt nur die Rendite. "Der Gedanke, dass es nichts mehr bedeuten würde, was andere als Mensch über mich dachten - obwohl ich mich selbst in meinem tiefsten Inneren für einen anständigen Kerl hielt -, wenn ich ein Portfolio gewinnbringend verwalten und Erfolg im Leben haben würde, faszinierte mich und erschien mir zugleich realistisch", zitiert ihn Lewis. 

Erfolgreich in dürftiger Zeit

Der Fortschritt kam ihm zu Hilfe. Burry nutzte als Computernerd die modernen Möglichkeiten der damals noch frischen Erfindung, verschlang mitten in der Nacht Geschäftsberichte, trieb sich in Investorenforen herum, und führte eine Art Blog, wo er seine eigenen Transaktionen veröffentlichte. Dabei gelang ihm Erstaunliches: Trotz des Platzens der Dotcom-Blase machte er mit seinem Investment-Ansatz beträchtliche Gewinne.

Im Jahr 2000 gründete er seinen Hedgefonds Scion Capital, den er bis zum Jahr 2008 betrieb. Mit seinen Kunden kommunizierte er fast ausschließlich per E-Mail. Zwischen 2000 und 2008 erwirtschaftete er im Schnitt eine jährliche Rendite von 61 Prozent. Lewis schlüsselt die Profite genauer auf: Im ersten vollständigen Geschäftsjahr 2001 habe der S&P 500 knapp zwölf Prozent verloren, während Burry um 55 Prozent im Plus lag; das nennt man „den Markt schlagen“. In den folgenden Jahren wiederholte Burry das Kunststück. Professionelle Wall-Street-Firmen wurden dank Internet früh auf ihn aufmerksam und sicherten sich Anteile an Scion. Ende 2004 soll er bereits 600 Millionen Dollar verwaltet haben.

Die Value-Strategie von Mike Burry

»Durch intensive fundamentale Analyse unterbewertete Aktien aufspüren und günstig einkaufen: Etwa so lässt sich vereinfacht beschreiben, was Value-Investoren tun. Burry, offenbar ein Mann mit Nerven aus Stahl, ging noch einen Schritt weiter. Er suchte besonders nach Aktien mit dem "Ick-Factor", was man ungefähr mit Pfui-Faktor übersetzen kann. Sein Ziel war es nicht nur unterbewertete, sondern auch unpopuläre Aktien zu finden, bei denen er eine Gegenposition zur Investorenmehrheit einnehmen konnte. «

Strukturierter Irrsinn

Christian Bale als Michael Burry in

Christian Bale als Michael Burry in "The Big Short". | Bildquelle: picture alliance / dpa

Durch sein Interesse für Immobilienaktien begann er einen Blick auf den gesamten US-Immobilienmarkt zu werfen, der seinerzeit beispiellos boomte. Und Burry war schon 2004 aufgefallen, was die Welt erst viel später erfahren sollte: Die US-Hypothekengeber senkten ihre Bonitätsstandards mehr und mehr, um das Kreditvolumen zu erhöhen. Das Risiko für Kreditausfälle würde zwangsläufig wachsen, so viel war Burry klar.

Das schien indes kein Problem zu sein, weil die Finanzindustrie glaubte, etwas besonders Pfiffiges erfunden zu haben: komplizierte Kreditverbriefungen, sogenannte Collateralized Debt Obligations (CDO). In diese Hypothekenanleihen, sogenannte strukturierte Finanzprodukte, wurden die Ramschhypotheken verpackt, mit anderen vermischt und von den Ratingagenturen mit den besten Bonitätsnoten versehen. Burry machte sich anders als Moody's, S&P oder Fitch die Mühe und sah sich die geschnürten Pakete genauer an.

Ein Mann geht seinen Weg

Er war überzeugt davon, dass diese Blase früher oder später platzen würde, sobald die Hauspreise nicht mehr steigen würden. Also suchte er nach einem Weg, daran zu verdienen. Vielleicht als erster Investor überhaupt schloss er Versicherungen gegen Kreditausfälle (Credit Default Swaps) über von ihm in gewissenhafter Analyse ausgewählte Subprime-Hypothekenanleihen ab. Damit bereitete er den Weg für andere, die zu ähnlichen Schlüssen kamen.

"Ich glaubte, der Zusammenbruch des Subprime-Hypothekenmarkts würde letztendlich zu einem  großen Versagen der größten Finanzinstitutionen führen", schrieb er 2010 in einem Artikel für die "New York Times" (NYT). Aber seinerzeit habe so gut wie niemand gedacht, dass seine Transaktionen funktionieren würden - auch seine Investoren nicht, die mit seiner Idee schließlich doch ein Vermögen machten. Burry selbst soll 100 Millionen Dollar verdient haben, seine Investoren rund 700 Millionen. In der NYT wirft er übrigens eine berechtigte Frage auf: "I saw the crisis coming. Why didn’t the Fed?"

Wasser ist der Ursprung aller Dinge

2008 schloss er Scion Capital, um sich ausschließlich seinen eigenen Investments zu widmen. Gelegentlich meldete er sich kritisch zu Wort, um die Versäumnisse der Wall Street anzuprangern, die die Finanzkrise ermöglicht hatten.

47 Millionen-Dollar-Scheck im Film

The Big Short. | Bildquelle: Paramount Pictures

Auch die Gegenwart sieht der Investor kritisch: Er sorge sich, sagte Burry dem "New York Magazine", dass die Gesellschaft nicht viel aus der Finanzkrise gelernt habe: "Wir sind wieder da, wo wir schon einmal waren und versuchen die Wirtschaft durch billiges Geld zu stimulieren." Es habe schon einmal nicht funktioniert, aber es ist das einzige Werkzeug, über das die Fed verfügt, so Burry. "Es sieht danach aus, als steuere die Welt auf negative Realzinsen im globalen Maßstab hin. Das ist toxisch, da Zinsen dafür da sind Risiken einzupreisen." Dieser Mechanismus sei jetzt zerstört: "Das ist nicht gesund für die Wirtschaft."

Seit 2013 ist der Ex-Privatinvestor übrigens wieder als Fondsmanager tätig: Scion Asset Management heißt die neue Unternehmung. Sein aktuelles und wichtigstes Investmenthema ist Wasser.

ts

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