Seitenueberschrift

Porträt

Hans-Werner Sinn

Hans-Werner Sinn verabschiedet sich

Mr. Ifo verlässt die Ifo-Bühne

Stand: 31.03.2016, 10:39 Uhr

Ob es an seiner streitbaren Natur oder dem markanten Bart liegt - er ist der wohl bekannteste Ökonom Deutschlands: Hans-Werner Sinn, Präsdent des renommierten Ifo-Instituts. Heute tritt der Professor sein "lebenslanges Freisemester" an, wie er selbst von seinem Ruhestand spricht. Undenkbar, dass dies Ruhe bedeutet.

Er ist kein Mann der leisen Töne. Ganz im Gegenteil. Hans-Werner Sinn liebt das Streiten. Wenn es um seine Überzeugungen geht, tritt er vehement dafür ein. In ökonomischen Debatten vertrat Sinn oft auch unbequeme Positionen. Ob er nun gegen den Euro wetterte, den Euro-Austritt Griechenlands forderte oder über die Kosten für die Zuwanderung nach Deutschland diskutierte: Er scheute weder Auseinandersetzung noch Provokation.

Viel Ehr, viel Feind

Das hat ihn zu den profiliertesten Ökonomen des Landes gemacht. Sein markanter Käptn-Ahab-Bart, den er seit Studententagen trägt, war sicher nicht abträglich dabei, dass er in der breiten Bevölkerung bekannt wurde. Hilfreich war aber auch, dass er stets klare, markante Bilder findet für seine Thesen. Dass er für Laien verständlich formulieren kann. Mit seinen populärwissenschafftlichen Veröffentlichungen wie 1991 "Kaltstart", einer Analyse der ökonomischen Umsetzung der deutschen Wiedervereinigung, erreichte er auch die ökonomisch weniger Zugeneigten.

Mit seiner streibaren Haltung hat er sich viele Gegner geschaffen. Für manche ist er ein rotes Tuch. Er wurde als "Professor Unsinn" oder "Boulevardprofessor" geschmäht, eckte mit seiner Kritik an den Griechenland-Rettungspaketen oder am Mindestlohn an. Seine Haltung hat ihm aber auch viel Ehr gebracht. Nobelpreisträger Robert Solow lobte: "Sinn hat München zu einem der Weltzentren für Wirtschaftsforschung gemacht." 1999, als Sinn an die Spitze des Ifo-Instituts berufen wurde, war das Institut ein Sanierungsfall. Er rettete es, formte aus der reinen Service-Einrichtung ein Wirtschaftsforschungsinstitut der obersten Liga in Deutschland.

Ifo-Index mit Strahlkraft

Dabei heißt Forschungsinstitut nicht fern vom Alltag. Die Forschung hatte immer ganz konkreten Bezug zum Alltag. Aus Börsensicht hatte das Ifo-Institut sogar ganz unmittelbaren Einfluss: Allmonatlich, wenn das Institut das Ifo-Geschäftsklima veröffentlichte.

An den deutschen Börsen ist es inzwischen der am stärksten beachtete Indikator der deutschen Wirtschaft. Dafür fragt das Institut in den Chefetagen von 7.000 Unternehmen nach, wie sie die aktuelle Geschäftslage einschätzen und wie sie die nächsten sechs Monate beurteilen. Der daraus errechnete Ifo-Index hat sich als verlässliches Instrument erwiesen, frühzeitig die konjunkturelle Entwicklung einzuschätzen. Deshalb wird er ernst genommen. Deshalb kann er bewegen. Der Index entwickelt bei seiner Veröffentlichung bisweilen so viel Kraft an den Finanzkräften, dass Dax wie Euro mitunter heftigst schwanken.

Ifo-Geschäftsklimaindex März 2016

Wie ist die Stimmung? Der Ifo-Index ist so was wie das Barometer der deutschen Wirtschaft. Ein viel beachteter Index an der Börse. | Bildquelle: ifo, Grafik: boerse.ARD.de

Früher wollte er Missionar werden

Der 67-jährige Professor ist 1948 in Brake, im Oldenburger Land, in einer der SPD nahestehenden Arbeiterfamilie geboren. Während er heute eher neo-liberale Positionen vertritt, stand er als Schüler dagegen links. Er wollte Missionar werden, war Mitglied im Christlichen Verein Junger Männer und der Sozialistischen Jugend und wollte später mal auf den Spuren Albert Schweitzers in die Dritte Welt. Doch es kam anders. Nach dem Gymnasium in Bielefeld studierte er Volkswirtschaftslehre an der Uni Münster.

Nach dem Studium bewarb sich der Volkswirt bei einem Gewerkschaftsinstitut - erfolglos. Stattdessen machte er in der Wissenschaft Karriere. Mit 33 Jahren kam er als Professor von Mannheim nach München, lehrte später auch in Stanford und Princeton.

Die Liebe zum Rampenlicht musste er sich erst erarbeiten. Früher sei er sehr schüchtern gewesen, sagt Sinn: "Bei meiner ersten Vorlesung habe ich mir fast in die Hosen gemacht." Kann sich heute kaum jemand vorstellen. Heute kümmert es ihn nicht einmal mehr, dass er mit seiner unbequemen Art so oft aneckt und Kritik erfährt. Allenfalls schmerze es, "wenn mir Aussagen untergejubelt werden, die ich gar nicht gemacht habe", sagt Sinn: "Es wird einem irgendein Quatsch angedichtet, und dieser Quatsch wird dann genüsslich widerlegt."

"Freue mich aufs Freisemester"

»Ich freue mich auf ein lebenslanges Freisemester. Da kann ich forschen und Bücher schreiben und mich um mein Privatleben kümmern.«

Heute geht der Münchner Professor in Pension. Einladungen zu Talkshows über die Flüchtlingskrise hat er bereits abgelehnt. Das Privatleben sei in den vergangenen 17 Jahren zu kurz gekommen und geht nun vor. "Meine Frau hat sich zum Glück noch nicht scheiden lassen", sagt er und lacht.

bs

Darstellung: