Seitenueberschrift

Porträt

Paul Singer beim World Economic Forum in Davos, 2013

Zwischen Washington, Wall Street und Christopher Street

Paul Singer, genannt der Geier

Stand: 22.08.2014, 13:30 Uhr

Paul Singer ist der Hedgefonds-Manager, der Argentinien erneut in die Knie zwang. Wer ist dieser Typ, der für George W. Bush genauso eintritt wie für die Schwulenehe und eine bessere Finanzmarktregulierung?

Für die einen ist Paul Singer ein Held. Er verpasst verantwortungslosen Regierungen einen wohlverdienten Tritt, die hunderte Milliarden Dollar Schulden aufhäufen, die sie niemals zurückzahlen können. Damit sind übrigens nicht die USA gemeint, sondern Argentinien.

Für die anderen ist er das Paradebeispiel einer Heuschrecke: Rücksichtslos treibe er Argentinien in die Pleite und die Bewohner in die Armut. Seinen Gegnern bietet Singer deshalb ein nahezu perfektes Feindbild. Aber ein bisschen komplexer ist die Sache schon: Singer vertritt durchaus auch ungewöhnliche Ansichten für einen konservativen Wall-Street-Manager.

Seelenzergliederung und Juristerei 

Bank Run 2001 in Argentinien. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Die Karriere des 69-jährigen Apotheker-Sohns begann in den 70er Jahren. Singer machte zunächst einen Abschluss in Psychologie und erwarb anschließend einen Juris Doctor an der Harvard Law School – eine offenbar gewinnbringende Kombination. Im Jahr 1977 startete Singer seinen eigenen Hedgefonds, die "Elliott Management Corporation" mit rund einer Million Dollar Startgeld. Daraus sind bis heute rund 23 Milliarden Dollar geworden. Seit 1977 hat Singer mit seinem Fonds pro Jahr eine durchschnittliche Rendite von rund 14 Prozent verdient.

Das Vertrauen der Investoren erwarb er sich unter anderem durch spektakuläre Geschäfte mit Staatsanleihen von Pleitestaaten, darunter Peru und die Republik Kongo. Er kaufte die Papiere billig auf, verklagte die Länder anschließend zur Zahlung und machte damit solide Gewinne. Das Magazin "Business Insider" bezeichnet ihn gar als König dieser Strategie. Andere wiederum nennen ihn deswegen einen Geier. Das gleiche Geschäftsmodell funktioniert natürlich auch mit Anleihen von Unternehmen.

Ein Kämpfer für Gerechtigkeit?

Ferdinand Piëch

Auch VW-Chef Ferdinand Piech hat Singer kennengelernt. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Aber das ist nicht alles. Ähnlich wie Carl Icahn gilt Singer als äußerst aktiver Aktionär, der Minderheitenanteile an Unternehmen nutzt, um dem Management eine andere Strategie aufzuzwingen. Wenn die Aktie dann steigt, kann Singer mit Gewinn verkaufen. Gerne reizt er dabei alle juristischen Möglichkeiten aus. So verklagte er 2013 Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche auf einen Schadenersatz in Höhe von 1,8 Milliarden Euro. Sie hätten die versuchte Übernahme von VW heimlich vorbereitet und so die übrigen Aktionäre getäuscht.

Auch bei Actelion, Wella und Kabel Deutschland mischte Singer mit. Singer glaube an die Herrschaft des Gesetzes aus ganzem Herzen, meint ein Wegbegleiter. Vermutlich vor allem dann, wenn das Gesetz ihm dabei hilft, etwas zu verdienen. Ein irgendwie moralischer Standpunkt ist damit eher nicht verbunden. Das Magazin "Bloomberg Markets" betitelte ein Singer-Porträt bezeichnenderweise mit "The Opportunist".

Elliotts Aktionen seien unmoralisch, klagte ein Jura-Professor gegenüber Bloomberg. Singer kümmere sich nur um den Profit, ohne sich über die potenziellen Konsequenzen Gedanken zu machen.

Sei willkommen, Regulierung

Singer mag ein Opportunist sein - wie sonst sollte man als Hedgefonds-Chef auch Erfolg haben? Ein Hasardeur ist er hingegen keineswegs. Bereits frühzeitig vor der Finanzkrise im Jahr 2006 warnte er vor einem möglichen Kollaps des US-Immobilienmarkts. In einer Kolumne für das "Wall Street Journal" sprach er sich später für eine bessere Regulierung der Finanzmärkte aus – eine ungewöhnliche Meinung für einen Mann aus der Szene.

Der private Sektor, nicht der öffentliche Sektor habe in der Finanzkrise die größten Fehler gemacht, schrieb er. Außerdem gehört Singer zu den Kritikern der Politik des billigen Geldes der US-Notenbank Fed. Das macht ihn allerdings noch lange nicht zum Kommunisten:      

»Eine Kombination zwischen privater Verantwortlichkeit und einer praxisorientierten Regulierung wird dabei helfen sicherzustellen, dass das kapitalistische System weiterhin eine Quelle von Chancen und Wohlstand für die Menschen auf der Welt bleibt.«

Paul Singer    

Zwischen Washington, Wall Street und Christopher Street

George W. Bush

Singer unterstützte George W. Bush. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Wie so viele US-Superreiche mischt auch Singer auf der Seite der Republikaner in der Politik mit. Singer unterstützte die Präsidentschaftskandidatur George W. Bushs und setzte sich im Jahr 2012 für Mitt Romney ein, der sich gegen Barack Obama nicht durchsetzen konnte. Außerdem ist Singer Chairman des Board of Trustees beim Manhattan Institiute for Policy Research, einem rechten US-Think Tank. Trotzdem ist Singer mit den konservativen Positionen der Partei nicht immer einverstanden

Vor allem sein Engagement für die Rechte der Homosexuellen und das Recht auf Ehe zwischen Gleichgeschlechtlichen überrascht. Der Grund für seinen Kampf gegen Diskriminierung liegt in der eigenen Familie: Sein Sohn Andrew heiratete seinen Ehemann im Jahr 2009 in Massachusetts. Das Coming out seines Sohnes habe seine Perspektive auf dieses Thema verändert, gibt Singer zu.

Staatspleiten vor Gericht

In einer aktuellen Studie befassen sich die deutschen Wissenschaftler Julian Schuhmacher, Christoph Trebesch und Henrik Enderlein mit dem Thema. Ihren Daten zufolge haben sich die Prozesse im Zusammenhang mit Staatspleiten und der Umstrukturierung der Schulden drastisch erhöht. In jüngster Zeit seien die Rechtsstreite diesbezüglich von lediglich fünf Prozent auf derzeit fast 50 Prozent der Fälle gestiegen. Das habe gravierende Folgen außerhalb des Gerichtssaales, so die Experten.

Zum einen gehe infolge der Rechtsstreitigkeiten der Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten verloren, hat die Studie ermittelt. Ferner gehe der internationale Handel zurück und drittens würde sich die Lösung der Krise verzögern. Die Konsequenzen des Profithungers einzelner Akteure sind demzufolge durchaus gewichtig.

Philanthrop und Geier

Egal, ob es sich um das Thema Schwulenehe, Argentinien oder um den Einfluss auf die politische Landschaft handele: Singer sei hartnäckig wenn es darum gehe, Dinge zu durchschauen, sagte ein Hedgefonds-Manager der "Financial Times".  Auch als Wohltäter machte Singer sich einen Namen. Die Paul E. Singer Foundation unterstützt die Demokratie, freie Märkte, die nationale Sicherheit und Israel. Seine Paul E. Singer Family Foundation setzt sich für die Umwelt, Bildung und für die Legalisierung der Homo-Ehe ein.

Auf der Forbes-Liste der reichsten Männer der Welt ist Paul Singer sozusagen fast unter ferner liefen platziert. Das Privatvermögen des Hedgefonds-Managers soll 1,5 Milliarden Dollar betragen: Rang 1.174. Seine Methode, aus Argentinien so viel Geld wie möglich zu pressen, hat ihn auf der Bekanntheitsliste dagegen deutlich weiter nach oben gespült.

ts

1/5

Das Depot von Paul Singer

Von Compuware bis Hess

Hess Corp: Kursverlauf am Börsenplatz Nyse für den Zeitraum 1 Jahr

Hess Corp

Neben Staatsanleihen kauft Singer auch Aktien. Seine derzeit größte Aktienposition im Portfolio ist das US-Ölförderunternehmen Hess Corp. Von dieser Firma mit ihren 1.200 Tankstellen an der Ostküste der USA besitzt Singer 23,9 Prozent der Anteile. Keine schlechte Entscheidung. Seit dem Absturz 2012 auf 40 Dollar hat sich die Aktie mehr als verdoppelt.

Hess Corp: Kursverlauf am Börsenplatz Nyse für den Zeitraum 1 Jahr

Hess Corp

Interpublic Group: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum 1 Jahr

Interpublic Group

Delphi Automotive: Kursverlauf am Börsenplatz Nyse für den Zeitraum 1 Jahr

Delphi Automotive

BMC Software: Kursverlauf am Börsenplatz Nasdaq für den Zeitraum 1 Jahr

BMC Software

Compuware Corp.: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum 1 Jahr

Compuware Corp.

Darstellung: