Seitenueberschrift

Porträt

John Maynard Keynes

Er jonglierte mit Millionen

John Maynard Keynes, der unbekannte Value-Investor

von Robert Minde

Stand: 03.09.2014, 11:22 Uhr

John Maynard Keynes war nicht nur ein berühmter Ökonom, sondern auch ein versierter Investor. Tatsächlich war der Brite seiner Zeit weit voraus. Als er starb, hinterließ er ein gewaltiges Vermögen.

Spricht man über den Mathematiker und Ökonomen John Maynard Keynes (1883-1946), steht meist seine "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" im Fokus. Denn kaum eine ökonomische Theorie wird auch heute noch unter Ökonomen, Politikern oder Investoren so intensiv diskutiert wie Keynes' Thesen aus dem Jahr 1936.

Keynes, der Querdenker

Bei der Lektüre des epochalen Werkes wird schnell klar, dass es ohne Keynes' präzise Kenntnis der Kapitalmärkte nicht in dieser Form entstanden wäre. Diese fußt auf seinen langjährigen Erfahrungen als Spekulant. Aber auch seiner Neigung, sich herrschenden Trends zu widersetzen oder sie kritisch zu hinterfragen. Mit dem Strom zu schwimmen, war in aller Regel keine Option für John Maynard Keynes.

Arbeitslose in Brooklyn, New York

Der Glaubenskrieg der Ökonomen

"Die allgemeine Theorie"

John Maynard Keynes revolutionierte mit seinem Hauptwerk in den dreißiger Jahren die Wirtschaftwissenschaften. Denn er stellte die herrschende Meinung in Frage, dass Märkte immer wieder ihr Gleichgewicht finden und sich Menschen dabei stets rational verhalten.

Ansatzpunkt war die hohe Arbeitslosigkeit zwischen den Weltkriegen. Das anhaltende Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt war theoretisch nicht erklärbar. Keynes Erklärungsansatz war, dass die Menschen (später die Anleger) in gewissen Phasen des Wirtschaftszyklus eine Präferenz für das Horten von Geld haben und es deshalb (irrationalerweise) nicht in den Markt pumpen. In der Folge kann dieser dann nicht zum Gleichgewicht kommen. Aus dieser Liebe der Menschen zum Geld entstand seine Theorie der Liquiditätspräferenz, ein Kernstück seiner Arbeit.

Einer muss also den Anfang machen, um die Herde wieder zum Laufen zu bringen. Diese Rolle billigt Keynes dem Staat zu. Er plädiert für ein notfalls auch kreditfinanziertes gezieltes staatliches Eingreifen, um die Marktkräfte wieder anzustoßen.

Kritiker halten solche Interventionen aber bestenfalls nur für ein Strohfeuer und bemängeln die unkontrollierten Folgen einer ausufernden Staatsverschuldung. Einer der prominentesten Vertreter des Keynsianismus war Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, in dessen Regierungszeit (1974-1982) die Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik im Gefolge der Ölkrisen sprunghaft anstieg.

Diese Neigung des aus gehobenen Kreisen stammenden Keynes wird schon in seinen frühen Jahren deutlich, als er sich dem "Bloomsbury-Kreis" anschloss, einer Gruppe von Intellektuellen um die Schriftstellerin Virginia Woolf, die die herrschenden Macht- und Moralvorstellungen im prüden Großbritannien vor dem Ersten Weltkrieg in Frage stellten.

Keynes besuchte das King's College in Cambridge, eine Institution, die in seinem späteren Anlegerleben eine zentrale Rolle spielen sollte. Nach dem Studium arbeitete er als Dozent für die Universität, später auch für das britische Finanzministerium, als dessen Vertreter er an den Friedensverhandlungen des Versailler Vertrages nach Ende des Ersten Weltkrieges teilnahm.

Weit vorausschauend, wie sich im Laufe der Geschichte zeigen sollte, plädierte er gegen eine Überfrachtung der Reparationsforderungen an Deutschland, denn das besiegte Land könne die astronomischen Summen sowieso nicht aufbringen. Gleichzeitig werde in Europa der Keim für neue Konflikte gestreut.

Aber er setzte sich nicht durch und verließ die Delegation und das Ministerium (auch wenn er diesem als Berater stets verbunden blieb). Seine Karriere als Investmentmanager hatte jetzt endgültig begonnen.

Der Makro-Investor

Das erste Geschäft des John Maynard Keynes, der seine Börsentransaktionen stets gewissenhaft dokumentierte, datiert aber bereits aus dem Jahr 1905. Kurz nach dem Examen am King's College kaufte er für 160 Pfund und sechs Schillinge (heute umgerechnet etwa 9.000 Euro) vier Aktien der "Marine Insurance Company", einer Schiffsversicherung.

Zum Ende des Ersten Weltkrieges hatte er sein Vermögen auf 16.431 Pfund verhundertfacht, wobei er zeitweise erhebliche Risiken einging. Teils kaufte er Wertpapiere auch auf Kredit. Regelmäßig beschäftigte er sich aber erst nach 1919 mit der Börse.

Das King's College

King's College Cambridge, Postkarte von Anfang des 20. Jahrhunderts

King's College Cambridge. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Keynes, dem mehrere Angebote aus dem Ausland vorlagen, entschloss sich, im Land zu bleiben, er war unter anderem als Versicherungs-Manager tätig. Neben seinen eigenen Investments lag ihm besonders das King's College am Herz, dessen verantwortlicher Stiftungsverwalter er 1924 wurde, eine Position, die er bis zu seinem Tod im Jahr 1946 inne hatte.

Es sollte eine echte Erfolgsstory werden, denn Keynes übertraf die Wertentwicklung des britischen Aktienmarktes um jährlich acht Prozentpunkte. Allerdings unter großen Schwankungen, denn seinen Fokus auf unterbewertete, eher kleinere Aktien, mit denen er seine größten Erfolge feierte, entwickelte er erst zu Beginn der 30er Jahre.

Die Entwicklung ist um so erstaunlicher, als dass die Erträge des Portfolios in der damaligen Zeit nicht reinvestiert, sondern für das College verwendet wurden. Es war zudem üblich, das Geld lediglich in Staatsanleihen oder Grundbesitz zu investieren. Aktien galten als "alternative Investments", die in einem Stiftungsvermögen nichts verloren hatten.

Trotzdem gelang es Keynes, zumindest einen Teil des Vermögens, bekannt unter dem Namen "The Chest" (die Truhe) in Aktien zu investieren. Dabei bevorzugte er Engagements in der Autoindustrie, Minenaktien und Versorger. Es waren dabei eher mittlere und kleinere Unternehmen, im heutigen Fachjargon "Small- und Midcaps" genannt.

In den 25 Jahren, in denen er die Verantwortung für das College hatte, lag er nur in sechs Perioden schlechter als der britische Aktienmarkt. Der Wert der "Truhe" stieg nach Erkenntnissen der beiden Autoren David Chambers und Elroy Dimson von 285.000 Pfund im Jahr 1921 auf 1.222.000 Millionen Pfund im Jahr 1946. Umgerechnet auf das Jahr 2013 bedeutet dies: Bei Wiederanlage aller Dividenden wären das 3,224 Milliarden Pfund.

Balkengrafik mit einem Vergleich der Renditen der Anlagen von John Maynard Keynes und denen der Londoner Börse in den Jahren 1924 bis 1932 und von 1933 bis 1936

Keynes vs. Börse London. | Bildquelle: Chambers/Dimson, Grafik: boerse.ARD.de

Erfahrungen aus den zwanziger Jahren

Die Wall Street 1929

Die Wall Street 1929. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Was sich wie eine einzige Erfolgsstory anhört, war durchaus auch von bitteren negativen Erfahrungen begleitet. Mit seinem eigenen Vermögen ging Keynes nämlich viel spekulativer um als mit dem des College. So tätigte er auf der Basis langfristiger ökonomischer Analysen zunächst Devisengeschäfte. Auch heute noch findet diese Strategie unter dem Begriff Makro-Ansatz Verwendung.

Mit überwiegend geliehenem Kapital begann er mit 5.000 Pfund (umgerechnet rund 300.000 Euro). Wie auch heute noch, liegt der Reiz der Spekulation in der Hebelwirkung. Da die Makler nur einen Sicherheitseinschuss von zehn Prozent verlangten, konnte er für 50.000 Pfund handeln. Eine für damalige Verhältnisse sehr erkleckliche Summe.

Kurz nach dem Krieg kaufte er Dollar, norwegische und schwedische Kronen und indische Rupien und verkaufte dafür die Mark, den Franc, den Gulden und die Lira. Der Start gelang prächtig, am 2. Januar 1920 hatte er Gewinne von 6.154 Pfund gemacht. Beflügelt von diesen Erfolgen stiegen Verwandte, Freunde und Bekannte ein, es entstand ein Investmentkonsortium mit einem Kapital von 30.000 Pfund, so dass damit also 300.000 Pfund gehandelt werden konnten.

Nach anfänglichen Gewinnen kam es dann aber, wie es kommen musste. Obwohl Keynes die langfristige, fundamentale Entwicklung der Währungen genau richtig eingeschätzt hatte, verbuchte die Mark 1920 eine Zwischenerholung, was zu hohen Buchverlusten führte. Der Makler verlangte nun einen Sicherheitsnachschuss, ansonsten müsse die Position mit Verlust liquidiert werden. Am Ende stand ein dickes Minus von über 22.000 Pfund und Keynes erkannte:

»Der Markt kann sich länger irrational verhalten, als man selbst zahlungsfähig bleibt.«

Keynes erholte sich aber von den Verlusten, Ende 1924 lag sein Vermögen wieder bei 57.797 Pfund. Er schnitt aber insgesamt in den zwanziger Jahren nicht viel besser ab als der Markt, zudem sollte ihm ein einschneidendes Ergebnis noch bevorstehen: Der große Aktiencrash von 1929. Keynes schlitterte wie so viele andere ins Unglück und machte hohe Verluste.

Der Value-Investor - die große Zeit

Warren Buffett

Warren Buffett. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Nach dem Crash änderte er die Strategie. Denn die Aussicht, sein Timing auf die Konjunkturzyklen abzustellen, verlange eine "anormale Voraussicht", konstatierte Keynes.

Er konzentrierte sich nun darauf, in ausgewählte Unternehmen auf Basis detaillierter Unternehmensanalysen einzusteigen, unabhängig von Konjunkturzyklen. Er war also auf der Suche nach unterbewerteten Unternehmen, von deren Management und Ertragsaussichten er überzeugt war. Die 30er- und die Kriegsjahre sollten insgesamt seine beste Zeit werden.

Wem dieser Ansatz bekannt vorkommt... auch der Amerikaner Warren Buffett geht bis heute genau den gleichen Weg. Um sein Portfolio zu diversifizieren, kaufte Keynes Aktien aus verschiedenen Branchen, beispielsweise Minen und Industriewerte, stets aber nur nach sorgfältiger Analyse. Auch an den Rohstoff- und Warenterminmärkten war Keynes engagiert, eine Art modernes Forward-Trading, mit dem er seiner Zeit weit voraus war.

Die Value-Strategie zahlte sich aus. Betrug sein Vermögen Ende 1929 nur noch 7.815 Pfund, war es in der Spitze im Jahr 1936 über 500.000 Pfund wert. Trotz Börsenkrise 1937/38, in der Keynes sogar einen Herzinfarkt erlitt, betrug sein Vermögen Ende 1945 über 411.000 Pfund - nach heutigem Wert rund 22 Millionen Euro. Als er 1946 starb, waren es 457.529 Pfund - eine stattliche Bilanz für den Anleger John Maynard Keynes.

boerse.ARD.de-Serie zu Investorenlegenden

Darstellung: