Investorenlegenden

James Simons

Der Quant-König aus New York James Simons und die Macht der Computer

von Robert Minde

Stand: 29.11.2016, 13:00 Uhr

Er scheut die Öffentlichkeit und distanziert sich von der Wall Street. Trotzdem ist der Mathematiker James Simons mit seinem Renaissance-Hedgefonds einer der wohl erfolgreichsten Investoren überhaupt.

Wenn Ihr Kind mal fragt, warum es in der Schule Mathematik lernen muss (was bekanntlich nicht alle Kinder begeistert), kann die Antwort ganz einfach sein. Um mal so erfolgreich zu werden wie James Simons, muss die Antwort lauten.

Denn der amerikanische Mathematiker hat im vergangenen Jahr mit seiner Hedgefonds-Firma Renaissance Technologies die Kleinigkeit von 1,65 Milliarden Dollar verdient und steht damit in der Forbes-Liste der bestverdienendsten Manager der Branche knapp hinter Ken Griffin (1,7 Milliarden Dollar) mit seinem Citadel-Fonds an zweiter Stelle. Sein Vermögen ist mit rund 16,5 Milliarden Dollar atemberaubend und erreicht Dimensionen von Kleinstaaten.

Codeknacker und Finanzgenie

Der 1938 in Newton im US-Bundesstaat Massachusetts geborene James Simons ist lange Zeit so manch schillernder Wall-Street-Größe wohl kaum ein Begriff gewesen. Und das wäre bis heute wohl ganz in seinem Sinn, denn er ist öffentlichkeitsscheu. Und wenn er denn mal auftritt, dann meist auf wissenschaftlichen Versammlungen, die mit der Finanzindustrie in aller Regel nichts zu tun haben. Normale Menschen verstehen meist nicht mal die Überschrift seines Vortrages, geschweige denn, um was es dabei geht.

Simons studierte zunächst an der US-Kaderschmiede MIT (Massachusetts Institute of Technology) und promovierte 1962 an der University of California im Fach Mathematik. Er war danach Dozent an der renommierten Harvard University und arbeitete während des Vietnam-Krieges als Codeknacker für die Regierung. Simons erhielt zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen für seine Arbeiten, hauptsächlich auf dem Feld der Geometrie. 1974 wurde er bekannt durch seine Arbeit mit dem Mathematiker Shiing Shen Chern. Seit 1968 war er Leiter des Mathematikinstituts der State University of New York in Stony Brook.

Die Macht der Computer

Simons war schon früher mit den Finanz- und Rohstoffmärkten in Kontakt gekommen und hatte damit Erfolg. Ab 1978 wendete er sich der Industrie dann ganz zu. Er war dabei seiner Zeit weit voraus, denn er erkannte die Macht der Daten und der Datenverarbeitung. Im Jahr 1982 gründete er im Städtchen Setauket auf Long Island im Staat New York die Firma Renaissance Technologies, zu der auch der Flaggschifffonds "Medaillon" gehört, der schon bald alle Performance-Rekorde brechen sollte. Ab 1988 stellte er komplett auf quantitative Ansätze um.

Er und seine Mitstreiter waren mit ihrer Strategie, mathematische und statistische Analysen als Basis von Anlagentscheidungen aufzubauen, ihrer Zeit weit voraus. "Big Data" und "Data Warehouse", mit denen heute die Bedeutung großer Datenmengen beschrieben wird, waren noch nicht so en vogue wie heute.

Renaissance sammelte (und sammelt noch heute) Unmengen von Daten. Diese werden unter anderem daraufhin abgeklopft, welche Korrelationen sich in welchen Marktphasen ergeben. Dabei werden auch Ineffizienzen des Marktes ausgenutzt. Ob Aktien, Währungen, Anleihen oder Rohstoffe, Optionen, Futures oder andere Anlagen - sie können extrem kurz oder aber auch über längere Zeit im Portfolio bleiben, je nach Algorithmus.

Geldmaschine "Medaillon"

Der Erfolg der Strategie war und ist atemberaubend, vor allem zu Beginn. Seit dem Ende der 80er Jahre bis zum Jahr 1999 erzielte der Renaissance-Flaggschifffonds "Medaillon" (so genannt wegen der vielen Medaillen, die Simons und seine mathematischen Mitstreiter für ihre wissenschaftlichen Arbeiten erhalten haben) im Schnitt 45 Prozent Gewinn pro Jahr. Im Jahr 2000, dem Jahr in dem die Technologieblase anfing zu platzen, erzielte Medaillon einen Gewinn von sagenhaften 98,5 Prozent. Wer zur Fondsauflage 1.000 Dollar investierte hat, würde heute 13.830.598 Dollar sein Eigen nennen. Die nachfolgende Tabelle zeigt die atemberaubende Entwicklung des Medaillon-Fonds, der mit Fug und Recht als fast schon unheimliche Geldmaschine gelten kann.

Renaissance-Medaillon-Fonds

Gewinnentwicklung Renaissance-Medaillon-Fonds. | Bildquelle: Bloomberg, Grafik: boerse.ARD.de

Zwischen 1989 (dem einzigen Verlustjahr mit minus 4,1 Prozent) und 2015 war das schlechteste Jahr des Fonds ein Gewinn von "nur" 21 Prozent. Zum Halbjahr 2016 stehen übrigens auch "nur" 21 Prozent zu Buche, nachdem im Vorjahr 35,6 Prozent erreicht wurden. Eine wahre Geldmaschine also, die der MIT-Professor und Quantinvestor Andrew Lo als "die kommerzielle Ausgabe des Manhatten Projekts" bezeichnet. "Sie sind die Spitze des quantitativen Investments, keiner kommt auch nur ansatzweise ran", so der Experte weiter.

Die Black Box im Universum

Medaillon ist allerdings für Otto Normalverbraucher schon lange nicht mehr zu kaufen. Seit 1993 wird nur noch das Geld der rund 300 Mitarbeiter und deren Familien verwaltet, darunter etwa 90 promovierte Wissenschaftler. Eine geschlossene Gesellschaft, die auch die extrem hohen Gebühren relativiert. Allerdings betreibt Renaissance noch drei Fonds, die zwar prinzipiell für externe Investoren offen sind, gleichwohl ebenfalls geheimnisvoll bleiben. Insgesamt werden in diesen rund 26 Milliarden Dollar betreut. Der größte, der Renaissance Institutional Technologies, ein Aktienfonds, legte im ersten Halbjahr 2016 immerhin 13,8 Prozent zu, wie Insider gegenüber "Bloomberg" erklärten. Eine offizielle Stellungnahme gibt es nicht.

Bis heute lässt sich Renaissance nicht in die Karten schauen, nach welchen Algorithmen, dem Kernstück aller Computerentscheidungen, gehandelt wird. Insider sprechen von Millionen von Programmierreihen, mit denen die Computer gesteuert werden. Renaissance bleibt damit wie eine Black Box im Universum. Ausruhen auf dem Erfolg können sich die Wissenschaftler gleichwohl nicht, denn die Gesetze der Finanzmärkte stellen eine besondere Herausforderung dar. Anders als in der Chemie oder Physik ändern sie sich nämlich im Laufe der Zeit. "Man kann die Bahn eines Kometen viel einfacher berechnen als den Kurs der Citigroup-Aktie. Aber es ist natürlich finanziell attraktiver, den Aktienkurs vorauszusagen, als die Kometenbahn", erklärt Simons.

Black Box im Universum

Black Box im Universum. | Bildquelle: colourbox.de, Montage: boerse.ARD.de

Der heute 78-jährige Simons gab im Jahre 2009 die Leitung von Renaissance ab (heute geführt vom ehemaligen IBM-Researcher Robert Mercer sowie Peter Brown, zwei promovierten Wissenschaftlern, versteht sich) und betätigt sich, wie viele andere große Hedgefondsmanager auch, als Philantrop. Ihm kommt das Verdienst zu Gute, in einer Zeit als Quantinvestor Maßstäbe gesetzt zu haben, die bis heute unerreicht sind.

Von klassischen Wall-Street-Bankern will Renaissance übrigens nichts wissen, ausschließlich rationale Wissenschaftler werden auf verschlungenen Pfaden rekrutiert. "Ich habe immer gesagt, das Erfolgsgeheimnis von Renaissance besteht darin, dass sie keine MBAs einstellen", sagte ein ehemaliger Manager. Der MBA, ein wirtschaftswissenschaftlicher Abschluss, ist üblicherweise für Studienabgänger das Tor zur Wall Street. Nicht so beim Club der Naturwissenschaftler und Mathematiker aus Long Island.

13-F-Veränderungen

Einblick in das insgesamt rund 60 Milliarden Dollar schwere Renaissance-Portfolio können Interessierte trotzdem nehmen, nämlich wenn im Rahmen der quartalsweisen Veränderungen im Fondsvermögen die sogenannte 13-F-Erklärung der Börsenaufsicht abgegeben werden muss. Welche größten Positionen das sind, zeigt die angehängte Chartserie. Die komplette Liste zu durchforsten ist übrigens sehr mühsam, denn es sind abertausende von Aktien, die Renaissance hält - bekannte und unbekannte. Insgesamt hat der Fonds im Quartal mehr auf Value-Aktien gesetzt und Technologie- und Wachstumstitel zurückgefahren - genauer gesagt, die Computer haben die Positionen verändert.

1/5

Die Renaissance-Favoriten Ein Blick ins Depot

Novo Nordisk: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum 1 Jahr

Novo Nordisk

Obwohl es die größte Position im Renaissance-Portfolio ist, stecken per 30.9.2016 "nur" gut 600 Millionen Dollar in Aktien des dänischen Pharmawertes Novo Nordisk - entsprechend 1,07 Prozent. Zuletzt mussten die durch Insulinprodukte erfolgsverwöhnten Dänen aber ihre Profitziele zurücknehmen, was der Aktie zugesetzt hat. Mittelfristig bleibt das Engagement aber ein Riesengewinn, denn die Aktie findet sich schon länger im Depot. Mehr zum Thema: Bittere Pille für Novo Nordisk

Darstellung: