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Börsenwissen

Studenten und Aktien

Goethe-Börsenclub: Die Grünschnäbel der Finanz-Welt

von Claudia Wiggenbröker

Stand: 16.02.2016, 15:55 Uhr

Aaach ja, die Studenten heutzutage: Wissen nicht, wohin mit ihrer Freizeit, ernähren sich ausschließlich von kalter Pizza und haben nur Party im Kopf. Oder? Die Mitglieder des Goethe Finance Club sind da ein gutes Gegenbeispiel.

Mittwochabend, 20 Uhr. Auf dem Campus der Goethe-Uni Frankfurt ist es bereits duster. Und trotzdem tröpfelt ein Student nach dem anderen in den Seminarraum des "House of Finance" ein und sucht sich einen Platz.

Nein, die jungen Leute haben sich nicht verirrt. Sie haben auch keine Vorlesung mehr zu dieser Zeit, in der sich so mancher lieber vom Fernseher berieseln lässt. Die Mitglieder des Goethe Finance Clubs sind freiwillig hier - und das jede Woche.

Moody's trägt vor

Phillip Chulyukov, Präsident des Vereins, wirft den Beamer an. Der heutige Vortrag wird von zwei Moody's-Analysten gehalten. Sie arbeiten für den "Investor Service" der Ratingagentur und bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen. 100 neugierige Augen richten sich bereits auf sie, während der 24-jährige Phillip die technischen Vorbereitungen abschließt.

Goethe-Börsenclub

Die Vorstandsmitglieder Sebastian (24), Hania, David (20), Luis (22). | Bildquelle: boerse.ARD.de

Mittwochabend, 20 Uhr - 50 Studenten hören sich freiwillig einen Vortrag darüber an, wie bei Moody's gerated wird. Gut, unter dem Tisch warten bereits mehrere Weinflaschen darauf, bei einem gemeinsamen Stelldichein ihr Ende zu finden. Doch bis dahin dauert es noch über zwei Stunden.

In den Vorlesungen und Tutorien müssen sie eigentlich schon genug büffeln. Und dann beschäftigen sich die Studenten auch noch in ihrer Freizeit mit Wirtschafts-Stoff, statt die Weinflaschen direkt zu entkorken. Warum?

60 Prozent haben keine Ahnung von Börse

Das Thema Finanzen ist keins, das die breite Bevölkerung bewegt. Woran das liegt? Vielleicht steckt das Übel schon in der Schulbildung. Eine Studie des Bankenverbandes unter 14- bis 24-Jährigen legt dies zumindest nahe:

  • Vier von zehn Jugendlichen haben nur ein geringes Finanzwissen.
  • Sechs von zehn Jugendlichen räumen indes ein, keine Ahnung zu haben, was an der Börse geschieht.
  • Trotzdem gaben auch zwei Drittel der Befragten an: "Mir macht es Spaß, mich um meine Geldangelegenheiten zu kümmern."
  • Und 73 Prozent der jungen Leute wünschen sich "Wirtschaft" als eigenes Schulfach.

Im Kampf gegen das Bulimie-Lernen

Die Studie zeigt: Das Interesse am Thema Wirtschaft und Finanzen ist da. Deshalb organisiert der Börsenclub mehrmals im Semester Stammtische. "Der Begriff ist etwas irreführend, weil es kein wirklicher Stammtisch ist", erklärt Phillip.

Die Veranstaltung gleicht eher einer Präsentation. "Mit denen füllen wir eine große Lücke. Denn die Vorlesungen bieten keinen Raum für Diskussionen. Das ist schon wegen der Zahl der Studierenden nicht möglich", meint der 24-Jährige. "In den Vorlesungen wird uns die Theorie beigebracht - aber das Wissen, was wir hier vermitteln, ist praxisnah."

Zudem wolle man dazu anleiten, die wirtschaftlichen Theorien, die gelehrt werden, auch zu hinterfragen. "Viele machen halt dieses typische Bulimie-Lernen. Sie prügeln sich die Informationen zwei Wochen lang rein und dann kotzen sie die für die Klausur wieder aus."

Goethe-Börsenclub

Die Vorstandsmitglieder Pierre (21), Jannis (21), Phillip (24), Muhamed (26). | Bildquelle: boerse.ard.de

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