Erster Weltkrieg

Deutsche Anleihe

Deutsche Kriegsanleihen Die Finanzquelle des Krieges

Stand: 19.02.2014, 08:45 Uhr

Vor 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Um die gigantischen Ausgaben für Heer und Flotte finanzieren zu können, gab das Deutsche Reich Kriegsanleihen heraus. Und viele Bürger griffen zu, weil sie ihre Soldaten an der Front unterstützen wollten.

Auf diesem Weg konnte der Staat allein mit der ersten Anleihe 1914, zu Beginn des Krieges, 4,5 Milliarden Reichsmark einsammeln. "Eine gewaltige Summe", erklärt Werner Plumpe, Wirtschaftshistoriker der Goethe-Universität Frankfurt. "Das entsprach einem Zehntel des deutschen Bruttosozialproduktes."

Bis zum Ende des Krieges 1918 gab Deutschland insgesamt neun Anleihen heraus und nahm immer größere Summen ein, 1918 in der Spitze 15 Milliarden Reichsmark. Alles in allem lieh sich die Regierung bei der Bevölkerung dadurch 98 Milliarden Reichsmark und konnte damit rund 85 Prozent der Kriegskosten abdecken.

Zeichnungserlöse von Kriegsanleihen

Durch die Anleihen konnte Deutschland 98 Milliarden Reichsmark leihen. | Bildquelle: Statista | Grafik: boerse.ARD.de

Der Krieg verschlingt Unsummen

Die Anleihen waren für den Staat ein naheliegendes Finanzierungsinstrument. Denn die Steuern wollte man nicht erhöhen. Das hätte für Unmut unter den ohnehin schon durch den Krieg belasteten Bürgern gesorgt. Und auch auf dem internationalen Finanzmarkt war Deutschland weitgehend isoliert und konnte sich nicht mehr mit frischem Kapital eindecken. Anders als die Kriegsgegner England und Frankreich, die sich bei ihrem späteren Verbündeten, den USA, Geld leihen konnten.

Einmarsch deutscher Truppen in Brüssel 1914

Einmarsch deutscher Truppen in Brüssel 1914. | Quelle: picture-alliance/dpa

Zugleich wurde der Krieg immer kostspieliger. "Es gab laufend Bedarf an Munition, Uniformen und Verbandszeug", berichtet Historiker Plumpe, "die Heere mussten untergebracht und das Eisenbahnwesen finanziert werden." Damit floss viel Geld in die von Krupp dominierte Rüstungsindustrie, die für Nachschub an der Front sorgte.

Angestellte, Bauern, Arbeiter - alle greifen zu

Deutsche Anleihe

Audio: Kriegsanleihen – wichtige Finanzierungsquelle des Weltkriegs [ARD-Börse]

Das alles finanzierte zum Großteil die Bevölkerung: Angestellte, Bauern und Handwerker. Auch Arbeiter, letztlich kleine Leute, die etwas auf der hohen Kante hatten, gehörten dazu. Sie zeichneten Kriegsanleihen, die zweimal jährlich aufgelegt wurden, und bekamen dafür eine Verzinsung von einheitlich fünf Prozent. Die Papiere wurden über Banken verkauft und auch - das war damals neu - über Sparkassen. Die Titel gab es in Papierform in der Regel ab 100 Reichsmark. Das entsprach etwa dem Monatslohn eines Facharbeiters.  

Da zu Kriegszeiten viel Geld im Umlauf war, aber nur wenig gekauft werden konnte, sahen die meisten in den Kriegsanleihe grundsätzlich eine gute Geldanlage, in die sie ihr Geld freiwillig investierten. "Aber auf ihnen lastete auch ein hoher moralischer Druck, die eigenen Soldaten nicht im Stich lassen", erklärt Gerd Hardach, Autor mehrerer Werke zum Ersten Weltkrieg und Professor der Universität Marburg. "Viele sahen es sogar als ihre patriotische Pflicht an, den Krieg zu finanzieren." Schließlich hätten die Anleihen auch als seriös gegolten.

Dieses Vertrauen habe bis 1918 angedauert, meint Hardach. Bis dahin sei die Bevölkerung überzeugt gewesen, dass man den Krieg gewinnen werde und der Staat das geliehene Geld dann wieder zurückzahle. Zumal der Reichstag selbst für die Sicherheit der Anleihen gerade stand.

An fast jeder Straßenecke hingen Werbeplakate

Diese wurden von Anfang an stark beworben. Auf Plakaten wurden Soldaten an der Front mit leuchtenden Augen abgedruckt. Darunter patriotische Sprüche wie "Helft uns siegen! Zeichnet Kriegsanleihen". Solche Plakate waren weit verbreitet, sie hingen fast an jeder Straßenecke, sagt Werner Plumpe von der Goethe-Universität Frankfurt: "Damals war klar, dass der Krieg ohne eine umfassende Mobilisierung der Gesellschaft nicht gewonnen werden kann."

US-Kriegsanleihe

US-Kriegsanleihe. | Quelle: picture-alliance/dpa

Tatsächlich erreichte der Staat durch die Werbung, dass nicht mehr nur wie bisher die Mittelklasse, sondern zum ersten Mal wirklich auch die Arbeiterschaft bei den Anleihen zugriff. Diese Kredite wurden von der Reichsbank vorfinanziert. 1919 betrugen die Gesamtschulden inklusive der kurzfristigeren Verbindlichkeiten rund 156 Milliarden Reichsmark – eine immense Summe. Seinen nominalen Höchststand erreichte der Schuldenberg inflationsbedingt im November 1923 mit schwindelerregenden 190 Trillionen Mark.

Hyperinflation enteignet die Anleihegläubiger

"Nach Kriegsende musste für tausende Soldaten eine neue Arbeit her", erklärt Wirtschaftshistoriker Plumpe. "Die Regierung hatte Angst, dass sonst eine Revolution ausbricht." Deshalb beschleunigte man die Notenpresse an und verursachte eine Hyperinflation. Das hatte immerhin den Vorteil, hebt Autor Hardach hervor, dass dadurch der Eindruck enstand, Deutschland könne die von den Alliierten geforderten Reparaturzahlungen nicht leisten.

Für die Kriegsanleihen hatte die Inflation aber einen verheerenden Effekt: Mit der massiven Geldentwertung wurden die Anleiheforderungen faktisch wertlos. Bis 1923 war Deutschland damit seine gesamten Langfrist-Schulden im Inland los. Und die Anleger? Die hatten das Nachsehen. "Die Deutschen wurden enteignet", bringt es Hardach auf den Punkt.

Durch die Hyper-Inflation schwinden die Schulden

Schuldenstand in Deutschland. | Bildquelle: Statistisches Bundesamt | Grafik: boerse.ARD.de

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