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Porträt

Börsenlegende

André Kostolany - der Gentleman-Spekulant

von Detlev Landmesser

Stand: 17.05.2013, 10:55 Uhr

Im Februar 2006 wäre André Kostolany 100 Jahre alt geworden. Eine Legende war er schon zu Lebzeiten. Unzählige Anleger hingen bei seinen Vorträgen und Seminaren förmlich an seinen Lippen, um zeitlose Weisheiten aufzusaugen.

Vielleicht für alle Zeiten wird André Kostolany als der Börsenspekulant schlechthin gelten. Wobei er kaum als der erfolgreichste in die Annalen eingehen dürfte. Sicher aber als der vornehmste. Grandseigneur der Börse, Altmeister, Börsenprofessor, Vaterfigur der Anleger, Börsenmagier - schon mit vielen Bezeichnungen wurde der 1999 verstorbene Ungar belegt. Die allermeisten davon schmeichelhaft.

Denn als einer der ersten, die ihr Spekulantendasein einer breiten Öffentlichkeit vermittelten, wurde Kostolany zum Sympathieträger, mit dem sich Generationen von Anlegern identifizierten. Schließlich konnten außer ihm nur wenige auf einen bereits jahrzehntealten Erfahrungsschatz verweisen, als die Börse zum breiten gesellschaftlichen Thema wurde. Hinzu kam, dass der weltgewandte Herr nie um ein Bonmot oder eine Anekdote verlegen war.

Feinsinniger Psychologe der Massen

1906 als Sohn eines wohlhabenden Industriellen in Budapest geboren, war Kostolany zuallererst den schönen Künsten zugetan, wollte Musik studieren, später Philosophie und Kunstgeschichte. Kostolanys Vater allerdings schwebte etwas Bodenständigeres vor: Er schickte seinen Sohn in den zwanziger Jahren zu einem Börsenmakler nach Paris.

Dort fing Kostolany rasch Feuer für das irrationale Treiben auf dem Parkett, und sein Lehrmeister hatte ihm bald die theoretischen Grundlagen der Preisbildung vermittelt: "Die Kursentwicklung hängt allein davon ab, ob mehr Dummköpfe als Papiere da sind oder mehr Papiere als Dummköpfe!" Seither hielt der Ungar die Massenpsychologie für die wichtigste Wissenschaft, um das Handeln der Börsenakteure zu verstehen, und seine eigenen Schlüsse daraus zu ziehen.

Ein echtes Wirtschaftsstudium hielt er dagegen für geradezu hinderlich. "Das wenige, was ich über Wirtschaft und Finanzen weiß, habe ich nicht an den Universitäten oder aus Fachbüchern, sondern im Dschungel gelernt. Bestimmt habe ich mehr Schulgeld bezahlt, als es mich in Harvard gekostet hätte." Besonders die Kompetenz der Volkswirte, Börsenvorhersagen zu treffen, zog er stets in Zweifel.

Mehrmals bankrott

In seiner Laufbahn handelte Kostolany mit jedem Zeithorizont und mit allem, was es zu handeln gab, seien es Aktien, Rohstoffe oder Optionen aller Art. Legendär sind seine Spekulationen mit notleidenden Anleihen nach dem Krieg, mit denen er sich für sein verlorenes Vermögen entschädigte, als er vor den Nazis aus Paris in die USA flüchten musste.

Wie kein anderer verkörperte Kostolany die Freiheit des selbstbestimmten Spekulanten: "Ich will unabhängig sein. Und das beste Mittel für Unabhängigkeit ist Geld", lautete sein Credo. Allerdings dürfte sein Leben den wenigsten Privatanlegern als Vorbild taugen. Immerhin kokettierte er damit, mehrmals bankrott und hochverschuldet gewesen zu sein. Insgesamt habe er bei seinen Spekulationen zu 49 Prozent verloren, aber zu 51 Prozent gewonnen - und von dieser Differenz ganz gut gelebt. Dazu kamen schließlich die Einnahmen aus seiner Tätigkeit als Kolumnist und Buchautor und aus seinen vor allem in Deutschland beliebten Börsenseminaren.

Weisheiten von Dauer

So werden weniger seine Börsentaten, als seine Sprüche die Zeit überdauern. Denn Kostolany kleidete seine Weisheiten meist in einprägsame Metaphern. Sein Vergleich von Wirtschaft und Börse mit Herrchen und Hund wird oft zitiert, ebenso wie seine hilfreiche Einteilung der Börsenzoologie in die "Hartgesottenen" und die "Zittrigen". Anstelle konkreter Tipps hatte er stets allgemeingültige Winke wie diesen parat: "Einer Straßenbahn und einer Aktie darf man nie nachlaufen. Nur Geduld: Die nächste kommt mit Sicherheit."

Die Baisse nach der Jahrtausendwende mit den schwersten Kursverlusten seit der Weltwirtschaftskrise blieb Kostolany erspart. Doch sein wohl bekanntester Rat, den er den Anlegern in seinen letzten Jahren am hartnäckigsten ins Stammbuch schrieb: Aktien kaufen, Schlaftabletten schlucken und sich nach ein paar Jahren über einen hübschen Gewinn freuen, dürfte sich ebenfalls letztlich bewahrheiten. Die paar Jahre müssen nur lange genug dauern.

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