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Investorenlegenden

Albert Frère

Großinvestor und Zeitzeuge

Albert Frère, der belgische Warren Buffett

Stand: 20.02.2017, 16:20 Uhr

Vom Kleinunternehmer zur grauen Eminenz in Belgien. Albert Frère, mittlerweile 91 Jahre alt und mehrfacher Milliardär, hat mit seinem verschachtelten Beteiligungsimperium ein gewaltiges Vermögen aufgebaut.

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Erst im Alter von 89 Jahren hat der am 4. Februar 1926 geborene Frère, dessen Vermögen vom Magazin "Forbes" derzeit auf rund 4,9 Milliarden Euro taxiert wird, die Zügel der Beteiligungsholding Groupe Bruxelles Lambert (GBL) aus der Hand gegeben, die er maßgeblich kontrolliert. Das war im Jahr 2015.

Heute hat die im belgischen Leitindex BEL 20 enthaltene GBL einen Börsenwert von 12,8 Milliarden Euro und ist an zahlreichen Unternehmen aus verschiedenen Branchen beteiligt. Erst vorige Woche kamen Frère und die GBL in die Schlagzeilen, als über einen geplanten dreiprozentigen Einstieg beim Metzinger Modehaus Hugo Boss berichtet wurde. Händler werteten die Gerüchte über GBL-Einstieg bei Boss als Vertrauensbeweis dafür, dass der Umbau des angeschlagenen Modekonzerns unter dem neuen Management in die richtige Richtung geht.

Vom Stahlunternehmer zum Finanzinvestor

Dass die Händler so denken, hat seinen Grund. Nicht nur das die GBL heute als europäische Nummer zwei Beteiligungen im Wert von 16,6 Milliarden Euro verwaltet (per 30.9.2016), Albert Frère gehört seit Jahrzehnten zu den prägenden Gestalten des belgischen Königreiches (vom Monarchen wurde er 1994 geadelt und zum Baron ernannt). Auch im angrenzenden Frankreich ist er kein Unbekannter. Er wurde in der Nähe der Industriestadt Charleroi im französischsprachigen Teil des Landes geboren.

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Als junger Mann baute er das elterliche Geschäft zum Handelshaus Frère-Bourgeois aus. In dieser Funktion beteiligte er sich bald an diversen Stahlunternehmen und kontrollierte im Alter von 30 Jahren große Teile des Stahlreviers von Charlesroi. Er zog sich aber rechtzeitig aus der Branche zurück und verkaufte seinerzeit an den belgischen Staat, noch bevor die Stahlkrise aufkam.

Frère war nun kein Stahlunternehmer mehr, sondern Finanzinvestor. Er gründete 1981 mit seinem Kapital die Genfer Finanzholding Pargesa, zusammen mit dem kanadischen Investor Paul Desmarais, der in Kanada die Kontrolle über die traditionsreiche Beteiligungsgesellschaft Power Corporation of Canada (PCC) übernommen hatte. Auch die PCC-Aktie ist börsennotiert an der Heimatbörse Toronto.

Das Beteiligungsgeflecht

Bis heute kontrollieren Frère-Bourgeois und die Finanzierungstochter der Kanadier, die Power Financial Corporation, im Rahmen eines komplizierten Geflechtes die in der Pargesa enthaltenen Beteiligungen.

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Genauer gesagt tun sie dies über die niederländische Parjointco NV, die wiederum 50,9 Prozent an Pargesa hält. Parjointco ist nicht börsennotiert, Pargesa ist jedoch in der Schweiz notiert - und wiederum zu 50 Prozent an der GBL beteiligt. Da die GBL 3,66 Prozent eigene Aktien hält, faktisch eine Mehrheitsbeteiligung, in der Frères wichtigste Beteiligungen stecken.

Ein auf den ersten Blick kompliziertes Beteiligungsgeflecht, an dem neben den Haupt- und Mehrheitsaktionären Frère-Bourgeois und PCC auch zahlreiche institutionelle Investoren mit kleineren Aktienpaketen beteiligt sind, unter anderem die französische Großbank BNP. Beide Partner, Frère und die Kanadier, haben übrigens unabhängig voneinander weitere Beteiligungen unter ihren Dächern. So kontrolliert Frère mit der CNP (Compagnie Nationale à Portefeuille) eine weitere nicht börsennotierte Beteiligungsgesellschaft mit Beteiligungen im Wert von 1,9 Milliarden Euro.

Bertelsmann-Schild vor Unternehmenszentrale in Gütersloh

Bertelsmann Unternehmenszentrale. | Quelle: Unternehmen

Frères Geschäfte folgten einem bestimmten Muster. So erwarb er zunächst Anteile an lokalen Unternehmen, die er dann gegen Anteile an multinationalen Konzernen eintauschte. Über seinen Anteil an der belgischen Petrofina etwa gelang ihm der Einstieg bei Total, als die Franzosen Petrofina übernahmen.

Mit der Übernahme der GBL durch die die Pargesa 1982 stieg Frère dann auch bei Banque Bruxelles Lambert (BBL) ein, die später wiederum an die ING weiterverkauft wurde. Er beteiligte sich am Medienkonzern CLT, seinerzeit Mehrheitseigner bei RTL, an dem heute Bertelsmann als einziger Großaktionär 24,9 Prozent hält. Ob Versicherungen, Medien, Rohstoffe oder Verlagshäuser - überall war und ist Frère dabei.

Übrigens auch bei Bertelsmann, dem heute größten Medienkonzern in Europa. Frère hielt 25,1 Prozent, die Familie Mohn kaufte den Anteil aber im Jahr 2006 zurück und verhindert damit den Börsengang. Bertelsmann wäre heute ein ganz sicherer Kandidat für den Dax.

GBL-Beteiligungen

GBL-Beteiligungen. | Bildquelle: GBL

Ein aktivistischer Investor

Während im angelsächsischen Raum Finanzinvestoren durchaus zum Bild gehören, man denke nur an die Beteiligungsholding Berkshire Hathaway von Warren Buffett, wird deren Geschäft spätestens seit der "Heuschrecken"-Debatte hierzulande meist zurückhaltender gesehen. Unter den Finanzinvestoren gehört GBL zu denjenigen Investoren, die aktiv Präsenz in den Führungsgremien der Portfoliofirmen einfordern - und damit auch in die Firmenpolitik eingreifen. Man wolle langfristig Wert schaffen, heißt es auf der GBL-Homepage und verweist auf die Rolle eines professionellen Anteilseigners.

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Mit dem Dax-Konzern Adidas ist die GBL auch bei einem deutschen Dax-Unternehmen mit gut sieben Prozent vertreten. Der Einstieg erfolgte im Jahr 2015, als Adidas sich erst langsam vom Rückschlag des Vorjahres erholte. Ein gutes Geschäft, wie der Blick auf den Chart zeigt. Sollte sich der Einstieg bei dem im Umbau befindlichen Modekonzern Hugo Boss bewahrheiten, drängt sich der Vergleich mit Adidas geradezu auf.

Es wäre ein weiterer Coup des Albert Frère beziehungsweise seiner Nachfolger. Der hat den Posten des GBL-Verwaltungsratspräsidenten übrigens an seinen Sohn Gérald Frère abgegeben. Seinen Schwiegersohn Ian Galliene sowie Gérard Lamarche hat er zu Verwaltungsratsdelegierten gemacht, sie sollen sich verstärkt um das Tagesgeschäft kümmern. Das 2016er-Jahresergebnis wird übrigens am 17. März 2017 veröffentlicht, die Hauptversammlung ist am 25. April terminiert.

Die anhängende Chartserie gibt einen Überblick über die wichtigsten Beteiligungen des Imperiums des Albert Frère.

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