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Verdacht der Bilanzfälschung bei Hess

"Unter dem eklatanten Fehlverhalten leiden die Anleger"

Stand: 18.02.2013, 14:26 Uhr

Ist der Leuchtenhersteller Hess AG mit einem geschönten Prospekt an die Börse gegangen? Das prüft die zuständige Staatsanwaltschaft. Den Schaden haben in jedem Fall die Aktionäre. Aber sie müssen nicht tatenlos zusehen, betont  Andreas Lang von der Rechtsanwaltskanzlei Nieding + Barth.

Rechtsanwalt Andreas Lang von der Nieding + Barth Rechtsanwaltsaktiengesellschaft

Andreas Lang, Nieding + Barth Rechtsanwaltsaktiengesellschaft 1408. | Quelle: Unternehmen

boerse.ARD.de: Der Börsenneuling Hess AG soll seinen Prospekt geschönt haben - so der Vorwurf. Derzeit laufen die Ermittlungen. Haben Sie so etwas in der Form schon einmal erlebt?

Andreas Lang: Nein. Denn nach dem jetzigen Erkenntnisstand muss man davon ausgehen, dass der Börsengang dem überschuldeten Unternehmen nur dazu gedient hat, an die verzweifelt benötigte Liquiditätsspritze zu kommen. Es heißt, dass seit 2011 Zahlen geschönt worden sind. Das ist mir in der Form noch nicht untergekommen.

boerse.ARD.de: Dabei gibt es doch Kontrollinstanzen wie die BaFin oder Wirtschaftsprüfer. Haben die in Ihren Augen geschlafen?

Lang: Der Vorwurf steht im Raum. Und das betrifft auch die LBBW, die den Börsengang begleitet hat. Wenn seit Jahren tatsächlich Zahlen gefälscht worden sind, hätte das all diesen Kontrollinstanzen auffallen müssen.

boerse.ARD.de: Die Aktie der Hess AG ist massiv eingebrochen, auf derzeit 0,75 Euro. Den Schaden haben also auf jeden Fall die Aktionäre.

Lang: Die leiden unter dem eklatanten Fehlverhalten und sollten zeitnah einen Rechtsanwalt kontaktieren. Seit Ende Januar die Vorstände entlassen worden sind, sind die Gerüchte um die Bilanzmanipulationen bekannt. Seitdem könnte die sechsmonatige Prospektverjährung laufen. Das bedeutet: Den Aktionären bleiben unter Umständen nur sechs Monate Zeit, um wegen des möglicherweise fehlerhaften Prospekts Klage einzureichen.

boerse.ARD.de: Welche rechtliche Handhabe haben sie?

Lang: Die Aktionäre können Schadenersatz fordern. Denn der Inhalt eines Prospektes muss so gestaltet sein, dass er den Anlegern ein zutreffendes Urteil über die Vermögenswerte und Verbindlichkeiten, die Finanzlage, die Gewinne und Verluste des Unternehmens ermöglicht. Sind die im Prospekt aufgeführten Unternehmenszahlen falsch, so ist das ein Umstand, für das das Unternehmen, die zuständigen Wirtschaftsprüfer, Emissions-Banken und andere Prospektverantwortliche wie die Manager haftbar gemacht werden können. So ein gerichtliches Verfahren kann sich aber über Jahre hinziehen. Deshalb gibt es auch die Möglichkeit, sich außergerichtlich an die Verantwortlichen zu wenden.

boerse.ARD.de: Wie stehen die Erfolgsaussichten für ein Gerichtsverfahren? 

Lang: Hier bin ich sehr optimistisch. Schließlich spricht sehr viel dafür, dass sich die Vorwürfe bei der Hess AG bewahrheiten. Hierfür sprechen schon die zahlreichen internen Vorwürfe. Hinzu kommt, dass der Aufsichtsrat den Vorstand sicher nicht ohne Grund fristlos entlassen hat. Das alles spricht in der Tat für einen fehlerhaften Prospekt, auch wenn natürlich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und des Insolvenzverwalters abzuwarten bleiben.

boerse.ARD.de: Und wie wahrscheinlich ist es, dass die Aktionäre ihr Geld wiedersehen?

Lang: Wenn sie gegen das insolvente Unternehmen klagen, ist das nicht ohne Schwierigkeit. Dagegen dürften die Wirtschaftsprüfer, das Management und die zuständige Emissions-Bank, also die Prospektverantwortlichen, über ein gewisses Vermögen verfügen, das für die Aktionäre angezapft werden könnte.

Das Gespräch führte Ursula Mayer.

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