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Hochfrequenzhandel vor dem Aus?

Börsianern auf Speed droht kalter Entzug

von Ursula Mayer

Stand: 19.09.2012, 15:51 Uhr

Superschnelle Rechner feuern in Bruchteilen massenweise Orders ab. Damit können sie beispielsweise Kursbewegungen deutlich verschärfen, manchmal mit fatalen Folgen. Zudem lässt sich Missbrauch nicht ausschließen.

440 Millionen Dollar Verlust in 45 Minuten: Ein Programmierfehler führte vor einem Monat zu einer Katastrophe. Der Hochfrequenzhändler Knight Capital verschickte an der Wall Street plötzlich haufenweise fehlerhafte Handelsaufträge und wurde dadurch an den Rand des Ruins getrieben.

Börsencrashs aus heiterem Himmel
Geradezu gespenstisch wirkte es auch, als der Ölpreis diese Woche an der amerikanischen Börse aus heiterem Himmel um fünf Dollar je Barrel absackte. Von 116 Dollar auf 111 Dollar. "Wahrscheinlich ist dieser Preisrutsch durch ein Computerprogramm ausgelöst worden", sagte ein Rohstoffhändler. "Solche Ereignisse ziehen den Handel ins Lächerliche."

Ähnlich rasant brachen am 6. Mai 2010 die Kurse an der New Yorker Börse ein und erholten sich wieder. Manche Aktie verlor zeitweise 90 Prozent an Wert. Experten verdächtigen die Hochfrequenzhändler, solche Blitzcrashs nicht auszulösen, aber mit ihren beträchtlichen Order-Größen zu verstärken. Ob tatsächlich ein Zusammenhang besteht, ist für Frank Herkenhoff, den Pressesprecher der Deutschen Börse, nicht erwiesen.

Maschinen dominieren die Börse
Hier basiert schon rund 40 Prozent des Geschäfts auf dem Hochfrequenzhandel. In den USA sollen es Schätzungen zufolge sogar bereits 70 Prozent sein. Ausgefeilte Computerprogramme ermöglichen es den Rechnern, blitzschnell politische Nachrichten, Unternehmenszahlen und vieles mehr zu verarbeiten und autark Entscheidungen zu treffen. Dabei werden die Computer immer leistungsstärker: An der Deutschen Börse verschicken sie beispielsweise etwa 22,5 Millionen Handelsaufträge pro Tag.

Die physikalischen Voraussetzungen sind für alle Rechner gleich, betont Pressesprecher Herkenhoff: "Sie sind in der Nähe des Hauptrechners der Deutschen Börse platziert. Um einen Order zu schicken und die Bestätigung dafür zu erhalten, brauchen sie höchstens Mikro-Sekunden."

Beim Ringen um virtuelle Geschwindigkeitsrekorde bleibt der normale Privatanleger außen vor. Deshalb stößt der Hochfrequenzhandel bei Anlageschützern auf Bedenken: "Es ist vom Grundsatz her unfair, wenn ein Marktteilnehmer einen anderen wegen der technologischen Überlegenheit der eingesetzten Computersoftware übervorteilen kann", sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

Jim McTague, Autor des Buchs "Glücksspiel Börse" kritisiert im Interview mit boerse.ARD.de, dass die Rechner auf dem Börsenparkett für immer mehr Volatilität sorgen: "Der Handel wird heute vor allem von technischen Faktoren wie Preisunterschieden bestimmt und nicht mehr so sehr von den zugrunde liegenden Unternehmenswerten", erklärt er.

Kursmanipulationen und Tricksereien

Dass der Turbohandel mittlerweile so in Verruf geraten ist, findet Peter Gomber, Professor an der Uni Frankfurt, ungerechtfertigt. Denn die Hochfrequenzhändler hätten unterschiedliche Strategien und könnten die Märkte auch positiv beeinflussen. "Die Händler profitieren zum Beispiel von minimalen Preisunterschieden an verschiedenen Börsenplätzen und dadurch werden die Preisungleichgewichte schnell ausgeglichen", erklärt er. Andere Händler würden bei Wertpapieren die Geld-Brief-Spanne reduzieren und zugleich die Märkte mit Liquidität versorgen.

Andere Strategien sieht der Finanzprofessor dagegen kritisch: "Wenn Rechner Schein-Orders aufgeben, die sie sofort wieder zurückziehen, signalisieren sie dem Markt zum Beispiel trotzdem: Der Kurs geht nach oben, weil viele Kaufwillige da sind." Das würde Angebot und Nachfrage verzerren und könnte die Kurse verfälschen, warnt Gomber. In seinen Augen ein klarer Missbrauch, der sich aber nicht leicht nachweisen lässt.

Im Raum steht ebenfalls der Vorwurf, dass Hochfrequenzhändler andere Marktteilnehmer austricksen, indem sie ihre Auftragsbücher ausspähen. Besonders benachteiligt seien Anteilseigner von Aktienfonds, sagte Bundesbank-Vorstand Joachim Nagel. Sie könnten Einbußen erleiden, wenn ihre Aktienfonds am Markt zu teuer einkaufen müssten, weil die Computer ihre Aufträge entdeckt und vor ihnen zugeschlagen hätten.

Kampf den Supercomputern

Gegen diesen Missbrauch will Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nun energisch vorgehen. Noch im September will er einen weiteren Gesetzesentwurf zur Eindämmung des Hochfrequenzhandels vorlegen. "Die Handelsstrategien müssen offen gelegt werden", forderte Schäuble.

Im Juli hatte der Finanzminister bereits eine erste Version vorgelegt: Im Hochfrequenzhandel tätige Firmen sollten ihre Systeme künftig so gestalten, dass Störungen des Marktes unterblieben, schrieb er dort. Und für "nicht auf einen Geschäftsabschluss gerichtete Handelsaktivitäten, die das Funktionieren der Handelssysteme stören oder verzögern oder andere Handelsteilnehmer täuschen", forderte Schäuble eine Bestrafung.

Die Deutsche Börse begrüßt diese Vorstöße hin zu mehr Regulierung, um den mit dem Hochfrequenzhandel verbundenen Gefahren zu begegnen und dessen explosive Wirkung zu verhindern. Entscheidend sei dabei aber, dass das vorgesehene Gesetz auch für alternative Handelsplattformen gelte, betonte Vorstandschef Reto Francioni.

Notfalls per Knopfdruck abschalten

Heiß diskutiert wird schließlich die Einführung einer Finanztransaktionssteuer. In Frankreich existiert sie bereits. Für den Finanzprofessor Peter Gomber ist sie keine Lösung: "Damit schadet man den Händlern, die positiv für die Märkte sind", sagt er. Denen werde damit das Wasser abgegraben, während zum Beispiel für Schein-Orders, die nicht durchgeführt würden, auch keine Transaktionssteuer zu zahlen sei.

Die Deutsche Börse hat bereits ihre eigenen Sicherungsmechanismen. Es gibt eine Handelsunterbrechung, wenn Richtwerte über- oder unterschritten werden. Außerdem können Händler pro Leitung maximal 150 Aufträge in der Sekunde abschicken. Wer sich daran nicht hält, zahlt drauf. Im Extremfall wird ein Händler per Knopfdruck abgeschaltet.

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