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Hess AG – die Schlammschlacht hat begonnen

von Ursula Mayer

Stand: 19.02.2013, 10:35 Uhr

Der Verdacht auf Bilanzmanipulation lastet schwer auf der Hess AG. Derzeit laufen die Ermittlungen. Die Verantwortlichen schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu. Wer hätte das bei dem in dritter Generation geführten Familienbetrieb aus dem Schwarzwald für möglich gehalten?

Schlammschlacht. | Montage: boerse.ARD.de, picture-alliance/dpa

Rückblick: Vor vier Monaten Monaten schwang der damalige Firmenchef Christoph Hess zum Börsengang seines gleichnamigen Familienunternehmens in der Frankfurter Börse euphorisch die Glocke und sprach von einem "großen Erfolg".

Dabei ging der von der Landesbank Baden-Württemberg begleitete IPO alles andere als glatt über die Bühne. Das Unternehmen war zu dem Zeitpunkt bereits hochverschuldet. Wie aus dem Börsenprospekt hervorging, belief sich die Netto-Finanzverschuldung zum 31. Juli 2012 auf 48,8 Millionen Euro. Dazu waren die Gewinne vor dem Börsengang rückläufig. Darauf hatte boerse.ARD.de hingewiesen und den Fall Hess AG seitdem kritisch begleitet.

Tatsächlich hielten sich die Anleger bei den Hess-Aktien zurück. Der Leuchtenhersteller musste die Preisspanne für seine 2,6 Millionen Aktien im Vorfeld senken und konnte sie nur am untersten Ende verkaufen, zu einem Emissionspreis von 15,50 Euro pro Aktie. Dann der nächste Rückschlag: Im Januar brach der Aktienkurs massiv ein. Danach ging es wieder bergauf. Der Titel entwickelte sich zum Zockerpapier.

War das Kriminalität im großen Stil?

Der Auslöser war eine Pflichtmitteilung aus dem Hause Hess: Es bestehe der Verdacht, dass mindestens seit 2011 die Umsätze fingiert und die Finanz-, Vermögens- und Ertragslage zu positiv dargestellt worden sein sollen. Das sei mit Wissen des Vorstands geschehen. Als Konsequenz entließ der Aufsichtsrat fristlos die beiden Vorstände Peter Ziegler und Christoph Hess - ausgerechnet ein Mitglied der Gründerfamilie, die noch rund ein Drittel der Anteile hält. Neuer, alleiniger Vorstand wurde Till Becker.

Das rief die Staatsanwaltschaft Mannheim auf den Plan. Sie ermittelt wegen des Verdachts auf Bilanzmanipulation und Kapitalanlagebetrug durch falsche Angaben im Prospekt zum Börsengang und hat zuletzt den Lampenhersteller im Zuge einer Razzia durchforstet. "Da wir mit unseren Ermittlungen erst anfangen, können wir nicht sagen, in welcher Größenordnung sich das Ganze abgespielt haben könnte", sagte Christina Arnold, die stellvertretende Pressesprecherin. Nur so viel: Man ermittle gegen fünf Beschuldigte, darunter die ehemaligen Vorstände.

Der Aufsichtsrat der Hess AG ermittelt intern, mit unabhängigen Rechtsanwälten und Wirtschaftsprüfern. Die Sonderuntersuchung schreite voran, war vergangenen Mittwoch auf der Website des Unternehmens zu lesen. Weiter stand dort: "Die derzeit vorliegenden Verdachtsmomente konnten bislang nicht entkräftet werden, sie erhärten sich vielmehr."

Am selben Tag teilte die Hess AG ad hoc mit, dass man mit seiner Tochter beim Amtsgericht Villingen Insolvenz beantragt habe. Man sei zahlungsunfähig, überschuldet und ohne positive Fortführungsprognose, hieß es in der Mitteilung. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellte das Gericht Martin Mucha.

Haben die Kontrollinstanzen geschlafen?

Der geschasste Firmenchef Hess ließ über seinen Anwalt mitteilen: Die jetzigen Verantwortlichen der Gesellschaft hätten auf die Insolvenz regelrecht hingearbeitet. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe könne er nicht nachvollziehen. Der Aufsichtsrat habe nie mit ihm gesprochen und bis jetzt habe er keinen Einblick in die Dokumente bekommen, die ihn be- oder entlasten könnten.

hess. | Montage: boerse.ARD.de, colourbox

Es habe mehrere Telefonate und ein Treffen mit dem Aufsichtsrat gegeben, hielt ein Sprecher des Unternehmens dagegen. Darüber hinaus habe der Ex-Firmenchef Hess detaillierte Akteneinsicht bekommen. So schieben sich die Verantwortlichen bei der Hess AG gegenseitig den schwarzen Peter zu.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Kontrollinstanzen beim Börsengang nicht genau genug hingesehen haben. Im Vorfeld hat die Finanzaufsicht den Börsenprospekt geprüft und gebilligt. "Wir prüfen den Prospekt auf Vollständigkeit und Verständlichkeit. Außerdem darf der Prospekt nicht widersprüchlich sein", erklärte Dominika Kula, Pressereferentin für die Wertpapieraufsicht. Aber man prüfe nicht auf inhaltliche Richtigkeit.

Den Schaden haben die Aktionäre

Die umstrittenen Konzernabschlüsse in dem Prospekt hat die Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft dhmp aus Karlsruhe geprüft und bestätigt. Die Gesellschaft hat sich auf mittelständische Unternehmen und Familienbetriebe spezialisiert. Auf Anfrage wollte man sich zum Fall Hess AG nicht äußern. Ein Sprecher der LBBW, die für den Börsengang zuständig war, betonte, dass dabei die üblichen Sorgfaltspflichten eingehalten worden seien.

Den Schaden haben in jedem Fall die Aktionäre, betont Andreas Lang von der Rechtsanwaltskanzlei Nieding + Barth. Aber sie haben womöglich einen Anspruch auf Schadenersatz, sagt der Rechtsanwalt. Im Interview mit boerse.ARD.de mahnt er zur Eile: "Den Aktionären bleiben unter Umständen nur sechs Monate Zeit, um wegen des möglicherweise fehlerhaften Prospekts Klage einzureichen." Einem solchen Gerichtsverfahren räumt Lang große Erfolgschancen ein. Denn es spreche viel dafür, dass sich die Vorwürfe bei der Hess AG bewahrheiten.

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