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Aus für die Schmuddel-Börse

Endlich greift die Deutsche Börse hart durch

von Ursula Mayer

Stand: 11.12.2012, 12:07 Uhr

Lange konnten Betrüger im First Quotation Board ihr Unwesen treiben. In einer Woche ist Schluss. Dann macht die Deutsche Börse das Handelssegment dicht, nachdem sie lange nachgiebig war.

Stop Stopp flasch Geisterfahrer Halt Ende Durchgreifen 1408. | Quelle: picture-alliance/dpa

Schließlich gab die Deutsche Börse schon Anfang Februar zum ersten Mal bekannt, dass sie einen Teil des Freiverkehrs, nämlich das First Quotation Board schließen will. Und zwar mit der Begründung, dass das vor vier Jahren gegründete Segment immer mehr Kriminelle anziehen würde. "Wir haben eine massive Häufung von Verdachtsmomenten auf Kurs- und Marktmanipulation, Betrug und Anlagebetrug", sagte damals Michael Zollweg, der Leiter der Handelsüberwachung an der Frankfurter Wertpapierbörse. Die wollte ihren Worten zunächst im dritten Quartal dieses Jahres Taten folgen lassen. Nun wird am 15. Dezember endlich ein Schlussstrich gezogen.

Großes Ausmisten im Freiverkehr
Betroffen sind 309 Unternehmen, die im First Quotation Board gelistet sind. Dazu gehört die Babylon Capital AG. Sie gab vor kurzem ihr bevorstehendes Delisting bekannt und ergänzte: "Vorstand und Aufsichtsrat beraten, ob eine erneute Notiz der Aktien unserer Gesellschaft sinnvoll und realisierbar ist." Außerdem erwäge man ein Aktienrückkaufangebot, um verkaufswilligen Aktionären den Ausstieg zu ermöglichen. Letztendlich lässt das Unternehmen die Anleger aber im Unklaren, was demnächst konkret geschehen soll.

Das First Quotation Board gehört zum Freiverkehr, dem Marktsegment mit den geringsten Transparenzanforderungen. Weitere 30 Unternehmen sind von dort aus in den vergangenen Monaten in das höherqualifizierte Segment des Freiverkehrs aufgestiegen: Den Entry Standard. Dort gelten seit Juli aber strengere Regeln: Unternehmen müssen künftig einen Prospekt vorlegen und über ein Grundkapital in Höhe von 750.000 Euro verfügen. Der Nennwert einer Aktie muss mindestens einen Euro betragen.

Außerdem gelten für die Unternehmen publizistische Pflichten: Sie müssen innerhalb der ersten drei Monate ihre Halbjahresberichte und innerhalb der ersten sechs Monate ihren Jahresabschluss abliefern. Trotzdem gelten die Gesellschaften im Freiverkehr übrigens nicht im strengen Sinne als "börsennotiert".

Regionalbörsen sichern sich ab

Ähnliche Anforderungen müssen Unternehmen erfüllen, die von der Frankfurter zum Beispiel an die Düsseldorfer Börse wechseln wollen. Dort hat etwa die Firma Tantalus Rare Earths AG Fuß gefasst. Im First Quotation Board gebe es eine bunte Mischung, sagt Börsen-Chef Dirk Elberskirch. Darunter seien etliche Unternehmen, die man durchaus aufnehmen könne. Dafür hat der Börsenbetreiber im Sommer extra ein neues Marktsegment geschaffen, nämlich den "Primärmarkt", vergleichbar dem Entry Standard.

Dabei akzeptiert die Börse Düsseldorf neben Prospekten auch Exposés von solchen Unternehmen, stellt aber eine Reihe zusätzlicher Kriterien auf, die die Firmen auch noch erfüllen sollen: Sie müssen ihren Sitz in der EU oder einem Staat mit vergleichbarer Rechtsordnung haben, mindestens 250.000 Euro Grundkapital vorweisen, seit mindestens drei Jahren geschäftstätig sein und die letzten beiden Jahre ein positives Ergebnis erwirtschaftet haben. Ähnlich hat die Berliner Börse die Kriterien für den Freiverkehr nach oben geschraubt.

Auch bei der Börse Stuttgart gab es schon Dutzende Anfragen von Unternehmen, die dort in den Freiverkehr aufgenommen werden wollen. Noch viel mehr Unternehmen aus dem First Quotation Board, nämlich insgesamt 67, haben hier ein Zweitlisting. "Wenn die Voraussetzung für die Zweitnotiz in Stuttgart die Erstnotiz in Frankfurt war, dann verschwinden die Papiere auch hier vom Kurszettel", sagt Oliver Hans, Geschäftsführer der Baden-Württembergischen Wertpapierbörse. Genauso handhaben das die Berliner und die Düsseldorfer Börse. Können First-Quotation-Board-Mitglieder aber erfolgreich ihr Erstlisting an einer anderen Börse durchsetzen, haben sie die Möglichkeit, an der Frankfurter Wertpapierbörse zweitgelistet zu bleiben, und zwar im Quotation Board (ehemals: Second Quotation Board).

Börse wollte sich den Fehler nicht eingestehen

Warum aber plötzlich das große Reinemachen, nachdem die Deutsche Börse im First Quotation Board vier Jahre lang Wildwuchs toleriert hat? Es ging dem Börsenbetreiber nicht nur ums Geld, vermutet Jürgen Kurz, der Pressesprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz im Interview mit boerse.ARD.de. "Noch wichtiger war wohl, dass sie nicht zugeben wollte, einen Fehler gemacht zu haben." So wurde das First Quotation Board zum Tummelplatz für kriminelle Unternehmen.

Bestes Beispiel: Die Firma AsiaPac. Sie entpuppte sich als Scheinfirma und hat im Zuge ihrer offenbar kriminellen Machenschaften bereits dieses Marktsegment verlassen. Andere Unternehmen wie Dynamic Systems Holdings, Meteor, Online Marketing Solutions sind dort nach wie vor gelistet, obwohl sie mit Marktmanipulation in Verbindung gebracht werden.

Hausputz geht zu Lasten der Anleger

Hier hätte die Deutsche Börse längst die Reißleine ziehen sollen, findet Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Außerdem hätte sie längere Übergangsfristen einführen sollen. "Denn wenn Börsenwerte komplett aus dem Handel ausscheiden, können Anleger ihre Aktien nicht mehr an der Börse, sondern nur noch over the counter verkaufen", erklärt der Anlegerschützer, "das ist sehr ärgerlich." Und wenn Anleger kriminellen Unternehmen aufgesessen seien, müssten sie sogar mit einem Totalausfall rechnen.

Dass die Deutsche Börse nun Marktmanipulationen endgültig einen Riegel vorgeschoben hat, glaubt Kurz nicht. Denn die Betrüger werden seiner Meinung nach für ihre Betrügereien noch andere Mittel und Wege finden, auch wenn nun eine Spielwiese für Gauner geschlossen wird.

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