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Freiverkehr wird ausgemistet

"Die Börse hätte früher die Reißleine ziehen sollen"

Stand: 11.12.2012, 12:00 Uhr

Das First Quotation Board hat Kriminelle angezogen. Die Deutsche Börse hat darauf zu spät reagiert, sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Wie sie das Handelssegment nun dicht machen will, findet er aus Anlegersicht aber auch unglücklich.

Jürgen Kurz

Jürgen Kurz 256.

boerse.ARD.de: Am 17. Dezember ist für das First Quotation Board endgültig Schluss. Sind Sie als Anlegerschützer nun erleichtert?

Jürgen Kurz: Grundsätzlich war die Idee nicht schlecht, mittelständischen Unternehmen eine Handelsplattform zu bieten, ein Einstiegslevel, das von den Anforderungen her für diese Unternehmen noch im Rahmen war. Aber leider hat sich relativ schnell herausgestellt, dass da ein Tummelplatz entstanden ist für Unternehmen, die nicht börsentauglich sind oder sogar in rein betrügerischer Absicht gegründet wurden. Deshalb bin ich froh, dass dem jetzt ein Riegel vorgeschoben wird.

boerse.ARD.de: Und der Missbrauch hat in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen. Das hat auch die Deutsche Börse selbst zugegeben. Wie sind die Betrüger denn genau vorgegangen?

Kurz: Im Kern ging es um die Manipulation von Aktienkursen. Dafür haben die Betrüger Artikel in Börsenbriefen verfasst, Aktienspam in Massen per Mail verschickt oder Faxe mit scheinbaren Insiderinformationen versandt. Manche von ihnen sind noch einen Schritt weiter gegangen und haben eigens Unternehmen gegründet, die keinen echten Geschäftsbetrieb hatten, sondern nur dafür da waren, Marktmanipulationen möglich zu machen.

boerse.ARD.de: Und welches Interesse hatte die Deutsche Börse daran, dieses Handelssegment vier Jahre lang zu betreiben?

Kurz: Sicher hat sie daran verdient. Schließlich war die Liste der notierten Unternehmen am Ende beeindruckend lang. Aber noch wichtiger war wohl, dass sie nicht zugeben wollte, einen Fehler gemacht zu haben. Trotzdem hat sie offensichtlich mit dem First Quotation Board die falschen Unternehmen angelockt. Doch die gut laufenden mittelständischen Unternehmen haben derzeit einfach keinen Bedarf, an die Börse zu gehen, weil sie in den vergangenen Jahren genug Eigenkapital angesammelt haben.

boerse.ARD.de: Anfang des Jahres hat die Deutsche Börse das Aus für das First Quotation Board bekannt gegeben. Ende des Jahres wird das nun endlich umgesetzt. Hat die Börse da zu lange getrödelt?

Kurz: Sie hätte generell früher die Reißleine ziehen sollen. Und sie hätte für die Anleger längere Übergangsfristen einführen sollen. Denn wenn Börsenwerte komplett aus dem Handel ausscheiden, dann können Anleger ihre Aktien nicht mehr über die Börse, sondern nur noch "over the counter" verkaufen. Sie müssen also selbst einen Käufer suchen. Das ist für Privatanleger extrem schwierig und daher ausgesprochen ärgerlich. Wer sein Geld in betrügerische Gesellschaften investiert hat, dem droht jetzt endgültig der Totalverlust.

boerse.ARD.de: Aber sind die Anleger dann nicht auch selbst schuld?

Kurz: Grundsätzlich gilt natürlich, dass jeder Anleger sich vor einer Investitionsentscheidung intensiv über das Unternehmen informieren sollte. Doch manchmal frisst eben die Gier das Hirn. Und dann droht immer die Gefahr, auf Betrüger hereinzufallen. Insofern ist es gut, dass die Deutsche Börse nun ein Schlupfloch für Betrüger schließt.

boerse.ARD.de: Hat die Deutsche Börse der Manipulation so wirklich einen guten Riegel vorgeschoben?

Kurz: Dass Kriminelle eigens eine AG gründen, nur um damit Marktmanipulation zu betreiben, wird mit der Schließung des First Quotation Borads zumindest weniger interessant werden. Aber die Betrüger werden andere Wege finden. Deshalb müssen Anleger vorsichtig bleiben - gerade wenn es um kleine Unternehmen geht, bei denen nur relativ wenig Aktien gehandelt werden. Sobald da in Börsenbriefen oder anderen Publikationen von irgendwelchen anstehenden Geschäftsabschlüssen oder potenziellen Übernahmen die Rede ist, die den Kurs in die Höhe treiben werden, sollten alle Alarmglocken schrillen.

Das Gespräch führte Ursula Mayer.

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