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Investor Relations

Quartalsberichtsprospekte in Abfallboxen

Börse verlangt nur noch kurze Mitteilungen

Der alte Quartalsbericht hat ausgedient

von Notker Blechner

Stand: 19.01.2016, 17:43 Uhr

Wer es gewohnt war, dicke Quartalsberichte zu lesen, muss sich umstellen. Künftig brauchen Firmen aus der Dax-Familie nur noch eine abgespeckte Quartalsmitteilung zu veröffentlichen. Für General-Standard-Mitglieder entfällt die Pflicht gar ganz. Bekommt der Anleger nun weniger Informationen?

Klammheimlich, fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die Deutsche Börse kurz vor Weihnachten eine Revolution vollzogen: Sie hat die bislang gültige gesetzliche Pflicht zur Abgabe von Zwischenmitteilungen nach § 37 Wertpapierhandelsgesetz gestrichen. Seit Ende November sind die im Prime Standard gelisteten Unternehmen nicht mehr verpflichtet, im ersten und dritten Quartal einen umfassenden Quartalsbericht vorzulegen.

EU schafft Quartalsberichts-Pflicht ab

Mit den veränderten Vorschriften reagiert der Börsenbetreiber auf die europäische Gesetzgebung. "Wir setzen deutsches Recht um", betont ein Sprecher gegenüber boerse.ARD.de. Die EU hat kürzlich die Pflicht zu Quartalsberichten abgeschafft. Sie wolle damit "den kurzfristigen Druck auf Emittenten verringern und den Anlegern einen Anreiz für eine längerfristige Sichtweise geben".

Ganz so weit geht die Deutsche Börse (noch) nicht. Gänzlich beseitigen will sie die Berichterstattungspflicht im Prime Standard nicht. Sie führt stattdessen mit dem §51a der Börsenordnung ein neues Instrument ein: die Quartalsmitteilung. Für das erste und dritte Quartal reicht in Zukunft eine drastisch konzentrierte Mitteilung, für die nur Mindeststandards gelten.

Gewinn- und Verlustrechnung nicht mehr zwingend

Was soll darin stehen? Die Quartalsmitteilung soll Informationen enthalten, "die die Beurteilung ermöglichen, wie sich die Geschäftstätigkeit des Emittenten im Mitteilungszeitraum entwickelt hat", teilt die Frankfurter Börse auf ihrer Homepage relativ versteckt unter dem Button "IPO-Line Being Public" im Feld "Primary Market" mit. Ferner sei darüber zu berichten, wenn sich abgegebene Prognosen für das Geschäftsjahr wesentlich verändert haben. Ausreichend sei aber eine rein beschreibende Darstellung, Anders als beim Quartalsfinanzbericht müsse die Quartalsmitteilung kein Zahlenwerk enthalten - also weder eine Bilanz noch eine Gewinn- und Verlustrechnung. Theoretisch reicht die Nennung von Umsatz und Auftragseingang.

Die Aktionärsschützer wollen das nicht hinnehmen. Sie fordern die Unternehmen auf, weiterhin eine Gewinn- und Verlustrechnung für das Quartal vorzulegen. "Börsennotierte Unternehmen haben eine Verantwortung gegenüber ihren Kapitalgebern. Diese haben ein berechtigtes Interesse an aussagekräftigen Quartalszahlen", sagt Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

DSW: Anlegerschutz wird geschwächt

DSW-Sprecher Jürgen Kurz begrüßt zwar, dass die Quartalsberichte nicht komplett abgeschafft werden. Die Quartalsmitteilungen sieht er aber als einen "im Vergleich zur Zeit vor der EU-Richtlinie gewissen Rückschritt beim Anlegerschutz", weil die Informationsdichte sinke, monierte er gegenüber boerse.ARD.de. "Anleger brauchen keinen Quartalsbericht mit 60 Seiten, sie benötigen Grundinformationen."

DIRK: Anlegerschutz wird gestärkt

Beim Deutschen Investor-Relations-Verband (DIRK) teilt man die Kritik der Aktionärsschützer nicht. Im Gegenteil. Kay Bommer, Geschäftsführer des DIRK, spricht von einem "Fortschritt beim Anlegerschutz".  "Bisher hatten wir einen Informations-Overflow", nun würde die Kommunikation mit den Anlegern "kürzer, knackiger und besser", erklärt er gegenüber boerse.ARD.de. "Weniger ist mehr!"

An ein Verschwinden der Gewinn- und Verlustrechnung in den Quartalsmitteilungen glaubt er nicht. "Wir empfehlen, den Emittenten die üblichen Kennzahlen zu nehmen." Der DIRK hat Arbeitsgruppen gegründet, die sich mit der Frage auseinandersetzen, wie die Quartalsmitteilungen ausgestaltet werden sollen. "Dabei werden verschiedenste Optionen durchdacht - von der Streichung der Imageseiten wie dem Brief an die Aktionäre bis hin zur Eliminierung des Anhangs", erklärt er.

Kein einheitlicher Standard?

Einen einheitlichen Standard für alle wird es nach Einschätzung von Bommer nicht geben. "Wir werden eine große Bandbreite von Mitteilungen sehen", sagt er. Für jeden Emittenten gehe es nun darum, "das richtige Maß an Transparenz zu finden, um das Interesse in seine Aktie zu fördern und das Vertrauen seiner Anleger zu stärken". In den vergangenen Monaten hatte der DIRK gemeinsam mit dem Fondsverband BVI die Diskussion mit den Kapitalmarkt-Teilnehmern über die künftige Form der Quartalsberichterstattung in Deutschland vorangetrieben.

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