Anlegerschutz

Cord Gebhardt

Skandale bei China-Aktien "Ein Fall für die Staatsanwaltschaft"

Stand: 11.05.2015, 10:37 Uhr

boerse.ARD.de sprach mit Cord Gebhardt, Geschäftsführer der Frankfurter Wertpapierbörse, über die großen Probleme mit chinesischen Aktien in Deutschland.

boerse.ARD.de: Herr Gebhardt, der Prime Standard, beziehungsweise sein Vorgänger, der alterwürdige Amtliche Handel, sind eigentlich Segmente für deutsche Großkonzerne und Mittelständler. Im Jahr 2007 und in der Zeit danach tauchten urplötzlich chinesische Unternehmen in einem deutschen AG-Mantel im Prime Standard auf. Wie waren die Gründe dafür?

Cord Gebhardt: Zunächst ist der Prime Standard, wie auch seinerzeit der Amtliche Handel, nicht auf bestimmte Unternehmen und auch nicht auf Unternehmen einer bestimmten Größe beschränkt. Vielmehr hat der Gesetzgeber das Börsenzulassungsverfahren so ausgestaltet, dass jedes Unternehmen – unabhängig von seiner Größe und seinem Geschäftsmodell – einen Anspruch auf Zulassung zum Börsenhandel im regulierten Markt hat, wenn es die formalen Zulassungsvoraussetzungen erfüllt. Als einen Grund, warum ab 2007 chinesische Unternehmen verstärkt hiervon Gebrauch gemacht haben, sehen wir den Umstand, dass seinerzeit der Kapitalmarktzugang in China selbst sehr beschränkt war und sich die chinesischen Unternehmen daher auf das Ausland und damit auch auf Deutschland fokussiert haben. Möglicherweise wollten die chinesischen Unternehmen, die in Deutschland an die Börse gingen, auch im Zuge der Expansion nach Europa ihren Bekanntheitsgrad erhöhen und den europäischen Markt erschließen. In der Praxis existiert eine Vielzahl valider Gründe, warum sich ein Unternehmen bei einem Börsengang nicht für den Heimatmarkt, sondern für einen Markt im Ausland entscheidet.

boerse.ARD.de: Nach unseren Informationen hat die Deutsche Börse in den fraglichen Jahren eine Reihe von chinesischen Mitarbeitern eingestellt, um gezielt Unternehmen aus China in Deutschland an die Börse bringen. Inzwischen sollen diese Ihr Unternehmen wieder verlassen haben. Was sagen Sie dazu?

Gebhardt: Ab Mitte 2006 hat die Deutsche Börse ihr Primärmarktgeschäft auch in China betrieben. Hierfür wurde ein Mitarbeiter eingestellt, der über die spezifischen Marktkenntnisse und insbesondere Sprachkenntnisse verfügt. Seit rund zwei Jahren hat die Deutsche Börse diese Tätigkeit in China eingestellt. Der genannte Mitarbeiter ist übrigens noch immer bei uns beschäftigt.

boerse.ARD.de: Insgesamt dreizehn chinesische Unternehmen sind im Laufe der Jahre in den Prime Standard gegangen. Bei mehr als der Hälfte gab es Vorfälle, die auf kriminelle Handlungen wie beispielsweise Betrug und Untreue hindeuten. Zufälligerweise kamen die Unternehmen praktisch alle aus der Provinz Fujian im Südosten Chinas. Vermuten Sie mafiöse Strukturen hinter dieser Häufung?

Gebhardt: Wenn ein konkreter Verdacht auf Wirtschaftskriminalität im Raum steht, ist dies ein Fall für die Staatsanwaltschaft, unabhängig davon, in welchem Land das Unternehmen seinen Sitz hat. In einigen Fällen scheint aber auch schlicht fehlende Kapitalmarktreife vorzuliegen. Das heißt, die Unternehmen sind nicht in der Lage, die hohen börslichen Transparenzanforderungen gerade des Prime Standards ordnungsgemäß zu erfüllen.

boerse.ARD.de: Bei den chinesischen Unternehmen im deutschen AG-Mantel handelt es sich nur um reine Finanzierungsgesellschaften, die das beim Börsengang eingenommene Kapital nach China weitergereicht haben. Warum hat die Deutsche Börse diese Unternehmen denn eigentlich zum Handel zugelassen?

Gebhardt: Diese gesellschaftsrechtliche Konstruktion wurde von den Unternehmen gewählt, um die Abwickelbarkeit der in Deutschland getätigten Börsengeschäfte sicher zu stellen. Denn aus Rechtsgründen besteht keine Möglichkeit der Eigentumsübertragung an chinesischen Aktien vom Verkäufer an den Käufer außerhalb Chinas. Daher konnten die Aktien der chinesischen Unternehmen selbst nicht unmittelbar zum Börsenhandel zugelassen werden. Im Übrigen ist die Börsenzulassung von Finanzierungsgesellschaften keine Besonderheit chinesischer Firmen, sondern wird auch von Unternehmen aus anderen Ländern, insbes. auch aus Deutschland, genutzt. Aus Sicht der Börse ist dagegen nichts einzuwenden, wenn dieser Umstand für alle Investoren transparent ist. Im Fall der chinesischen Unternehmen war die gesellschaftsrechtliche Konstruktion ausführlich im jeweiligen Prospekt beschrieben.

boerse.ARD.de: Was raten Sie Privatanlegern, die zu Schaden gekommen sind?

Gebhardt: Zunächst würde ich meinen Rat nicht auf Privatanleger beschränken. Denn aus Sicht des Anlegerschutzes unterscheidet die Börse nicht zwischen privaten und professionellen Anlegern. Unabhängig von ihrer Notierung im Prime Standard haben die genannten chinesischen Unternehmen ein hohes Anlagerisiko. Die konkreten Informationsgrundlagen dafür waren in den jeweiligen Prospekten enthalten. Investoren, auch private, müssen daher in der Lage sein, fundierte Entscheidungen zu treffen und gegebenenfalls Konsequenzen zu tragen, die aus der Realisierung der bekannten Risiken resultieren.

boerse.ARD.de: Wie viel hat die Deutsche Börse AG mit China-Aktien verdient?

Gebhardt: Der kumulierte Orderbuchumsatz im April 2015 betrug auf Xetra und Börse Frankfurt etwas mehr als 16 Millionen Euro. Im Gesamtjahr 2014 lag die Summe der Handelsumsätze bei rund 129 Millionen Euro.

Das Gespräch führte Mark Ehren.

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