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Porträt Jürgen Kurz DSW

China-Aktien in Deutschland

"Bei Anlegern sollten die Alarmglocken läuten"

Stand: 04.05.2015, 14:01 Uhr

Der Fall Joyou gesellt sich in eine lange Reihe von Skandalen mit chinesischen Unternehmen, die an der deutschen Börse ihre Erstnotiz haben. boerse.ARD.de sprach mit Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

boerse.ARD.de: Herr Kurz, gibt es Ihrer Meinung nach überhaupt noch seriöse Unternehmen in diesem Bereich?

Jürgen Kurz: Das ist schwer zu sagen. Als Außenstehender hat man kaum echte Einblicke in chinesische Unternehmen mit deutschem AG-Sitz. Diese AGs selbst haben in der Regel praktisch kein operatives Geschäft, sondern fungieren als eine Art Kapitalsammelstellen. Das durch den Börsengang in Deutschland eingenommene Geld wird dabei als Kredit - oft über den Umweg einer in Hong Kong ansässigen Holding-Gesellschaft - an die chinesischen Mutterunternehmen weitergereicht. Die deutschen AGs haben als einziges Asset dann nur die Kreditforderungen.

boerse.ARD.de: Hat die Deutsche Börse nicht versagt?

Kurz: Die meisten der besagten China-Aktien sind im sogenannten Prime Standard der Frankfurter Börse gelistet. Damit erfüllen sie sogar höhere Transparenzanforderungen als viele kleinere deutsche Unternehmen, deren Papiere lediglich im General Standard notiert sind. Doch schon zuzeiten des Neuen Markts haben etliche Betrugsfälle gezeigt, dass Transparenzpflichten eben nur so gut sind, wie die Informationen, die seitens der Unternehmen veröffentlicht werden. Die Börse zieht sich in solchen Fällen meist darauf zurück, dass sie ja nur den Handelsplatz zur Verfügung stelle. Trotzdem wäre es aus unserer Sicht wünschenswert, wenn die Börse mehr Zeit darauf verwenden würde, die Börsenreife der Unternehmen zu überprüfen, bevor sie sie zum Handel zulässt.

boerse.ARD.de: Vor dem aktuellen Fall Joyou gab es ja schon eine ganze Reihe von anderen Vorfällen mit chinesischen Unternehmen mit deutschem AG-Sitz. Spricht diese Häufung nicht schon für mafiöse Strukturen?

Kurz: Von organisierter Kriminalität gehe ich in diesem Zusammenhang eigentlich eher nicht aus. Allerdings sollten bei Anlegern die Alarmglocken läuten, wenn Ableger chinesischer Unternehmen in Deutschland an die Börse gehen, ohne eigenes operatives Geschäft. China-Aktien waren in Deutschland eine Zeit lang ein echtes Modethema an der Börse. Und die mit Modethemen meist verbundene Euphorie ist für Anleger gefährlich. Dabei gerät allzu oft die für Anlageentscheidungen notwendige Skepsis in Vergessenheit. Man denke nur an die Spekulationsblasen der Vergangenheit – etwa bei Dotcom-Unternehmen, bei Solar-Unternehmen oder – noch ein paar Jahrhunderte früher – bei holländischen Tulpenzwiebelproduzenten.

boerse.ARD.de: Was können denn Anleger tun?

Kurz: Anleger sollten, wenn sie auf China setzen wollen, lieber auf Fonds setzen. Das können sowohl gemanagte Fonds sein oder auch kostengünstigere ETFs, die einen Index abbilden. Hier ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass das Kapital in seriöse Unternehmen investiert wird. Zudem wird das Risiko so breiter gestreut. Falls betroffene China-Aktien-Anleger klagen wollen, beträgt die Verjährungsfrist drei Jahre ab Kenntnis des Schadensfalls. Da ist also noch etwas Zeit. Die größten Chancen dürften dabei wohl Anleger haben, denen die Papiere von einem Berater als "sicheres Investment" verkauft wurden. Die könnten wegen fehlerhafter Anlageberatung klagen. Gegen die chinesischen Unternehmen vorzugehen, dürfte in den meisten Fällen aber nur geringe Erfolgsaussichten haben.

Das Gespräch führte Mark Ehren.

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