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Debatte um Regulierung in Deutschland

Wie gefährlich ist der Blitzhandel für das Finanzsystem?

von Notker Blechner

In letzter Zeit haben sich Computerpannen an den Börsen gehäuft. Als Schuldiger wird oft der superschnelle Hochfrequenzhandel genannt.  Deshalb bastelt Deutschland an einem Tempolimit. Das geht einigen Marktteilnehmern zu weit. Sie befürchten eine Schwächung des Finanzplatzes.

hochfrequenzhandel. | Quelle: picture-alliance/dpa | Montage: boerse.ARD.de

Während das selbst-lenkende Auto noch eine Vision ist, sind die Börsen schon längst im Griff der Computer. Der Hochfrequenzhandel dominiert das Geschehen an den Aktienmärkten. Alleine an den US-Börsen macht er 70 Prozent der Umsätze aus. In Deutschland liegt der Anteil des Turbohandels mit automatisierten Finanzgeschäften bei immerhin gut 40 Prozent.

Hochfrequenzhändler kaufen und verkaufen Aktien im Millisekunden-Takt. Ihre Computer sind mit mathematischen Algorithmen gefüttert. Sie reagieren auf bestimmte Schlüsselbegriffe und Zahlen. Dabei nutzen die Hochleistungsrechner minimale Kursdifferenzen von wenigen Cents an verschiedenen Börsen aus und erwirtschaften mit einer Vielzahl von Orders gute Gewinne.

Kaufen und verkaufen im Millisekunden-Takt
Teilweise treiben sie gar den Markt oder bestimmte Aktien in eine Richtung. Die Hochfrequenzhändler ("Algo-Trader") feuern eine Flut von Aufträgen ab, um eine Nachfrage zu simulieren. Kurz vor Ausführung der Order stornieren sie und machen Profit aus der Preisbewegung.

Vom "Flash-Crash" bis zum Facebook-Flop
Rutschen die Kurse nach unten, kann das "Algo-Trading" zu einer Kettenreaktion beitragen und Verkaufswellen verstärken. Das dramatischste Beispiel ist der "Flash-Crash" im Mai 2010. Damals brach der Dow Jones binnen Minuten um neun Prozent oder fast 1.000 Punkten ein. Blitzhändler hatten den Negativ-Effekt eines Eingabefehlers beschleunigt.

Alleine im vergangenen Jahr gab es mehrere Computer-Pannen mit Kursabstürzen einzelner Aktien. Der prominenteste Fall war der Börsengang von Facebook, der zum Flop geriet.

Händler sollen sich registrieren lassen

Um weitere solche Pannen zu verhindern, will die Politik nun den Turbo-Handel bremsen. Die Bundesregierung hat einen Gesetzesentwurf auf den Weg gebracht, der den Hochfrequenzhandel an die Leine legen soll. So sollen künftig die "Algo-Trader" nach dem Kreditwesen-Gesetz registriert und der Kontrolle der BaFin unterstellt werden. Zudem müssen sie ihre Algorithmen offen legen. Darüber hinaus sollen bestimmte Praktiken ohne Handelsabsicht als Marktmanipulation eingestuft werden. Bei exzessiver Nutzung der Börsensysteme drohen höhere Gebühren.

Die Bundesbank und die Deutsche Börse begrüßen die stärkere Überwachung der "Algo-Trader". Sie warnen aber davor, den Handel zu stark zu regulieren. So gehen ihr die Gebühren für die übermäßige Nutzung der Börsensysteme zu weit. Die bestehenden Vorschriften reichten aus. Stattdessen fordert die Bundesbank eine Kennzeichnung der durch Algorithmen erzeugten Aufträge. Die Zentralbanker empfehlen die Einführung eines "Not-Aus-Schalters", durch den fehlerhafte oder marktschädigende Algorithmen ausgeschaltet werden können.

Deutsche Börse warnt vor Abwanderung der Händler ins Ausland

Die Deutsche Börse befürchtet einen nationalen Alleingang. Die Zulassungspflicht würde dazu führen, dass Investoren auf andere Handelsplätze abwandern. Denn vor allem ausländische Banken, die meist nur Vertriebsniederlassungen haben, müssten dann extra Handelsfilialen in Frankfurt gründen. Sollte der Gesetzesentwurf in seiner jetzigen Form durchkommen, "wäre das ein Eigentor für den Finanzplatz", warnt Xetra-Manager Rainer Riess. Der Frankfurter Börsenbetreiber ist auf die "Algo-Trader" vor allem in trüben Zeiten wie jetzt angewiesen. Sie machen rund ein Viertel der Umsätze aus.

In anderen EU-Ländern gibt es noch keine Regulierung der "Algo-Trader". Das Europäische Parlament drängt aber auf eine Regulierung und will die Einführung einer Mindesthaltedauer von Handelsaufträgen vorschreiben. Händler sollten Orders demnach mindestens 500 Millisekunden ins Handelssystem einstellen. Der Fonds-Verband BVI würde eine solche Regelung begrüßen. Die Deutsche Börse hingegen lehnt eine Mindesthaltedauer ab. Das sei kontraproduktiv und würde die Marktstruktur nachhaltig stören.

Sind die Hochfrequenzhändler wirklich der Brandbeschleuniger?

Der Frankfurter Börsenbetreiber hat den Einfluss der Hochfrequenzhändler untersucht und die Orderbücher von drei hektischen Handelstagen 2011 ausgewertet. So zum Beispiel den 25. August, als der Dax um gut vier Prozent absackte. Die Ergebnisse lassen aufhorchen: Die Hochfrequenzhändler hätten an dem besagten Tag keineswegs den Kurseinbruch beschleunigt, meint Randolf Roth, Leiter der Abteilung Geschäftsentwicklung der Eurex. Sie "waren besonders auf der Käuferseite aktiv und haben den Abschwung gebremst, ja sogar zum Umschwung beigetragen", hat Roth beobachtet. Ausgelöst worden sei der Kursrutsch von einem großen Verkaufsauftrag eines institutionellen Händlers an der Eurex. Roth: "Hochfrequenzhändler machen nie große Verkaufsorders, die den Markt bewegen können."

Nach Ansicht der Deutsche Börse und des Deutschen Aktieninstituts sind die "Algo-Trader" unverzichtbar, da sie Liquidität bereitstellen und Preisdifferenzen ausgleichen. Kritiker wie Rudolf Hickel, Wirtschaftsprofessor in Bremen, sehen jedoch eine "Scheinliquidität". Die Computer würden gar nicht Unmengen von Aktien kaufen oder verkaufen, sondern nur die Orders einstellen und sie dann zurückziehen.

Studie: Uninformierte Anleger profitieren

Inzwischen ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob und wie schädlich der Hochfrequenzhandel für das Finanzsystem ist. Die Wissenschaftler Arne Breuer und Hans-Peter Burghof von der Uni Hohenheim haben bei einer Simulation des Handels an der Nasdaq untersucht, wer die Leidtragenden des "Algo-Tradings" sind.

Burghofs überraschendes Fazit: "Die Gewinne gehen zulasten der informierten Anleger", sagte er gegenüber boerse.ARD.de. Der Hochfrequenzhandel verenge die Marge für die Informationsbeschaffung. Der Anreiz, sich Gedanken über den richtigen Aktienpreis zu machen, nehme ab. Dagegen profitierten uninformierte Privatanleger von der Anwesenheit der "Algo-Trader", weil die Spreads zwischen Kauf- und Verkaufskursen verkleinert wurden.

Stand: 22.01.2013, 17:35 Uhr

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