Anlegerschutz

Was sagt der Aktionärsschützer? "Auch der Aktionär ist in der Pflicht"

Stand: 12.08.2013, 15:57 Uhr

Die nahezu komplette Enteignung der Aktionäre bei IVG wirft Fragen zur Aktienkultur in Deutschland auf. Können solche Dramen künftig verhindert werden? boerse.ARD.de befragte Jürgen Kurz von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, DSW.

Porträt Jürgen Kurz DSW

Jürgen Kurz DSW 1408. | Quelle: Unternehmen

boerse.ARD.de: Die Rettung der IVG ist zwar gelungen, die Aktionäre zahlen aber die Zeche. Sie werden von den Gläubigern, den neuen Herren, faktisch enteignet. Ist so ein System tragbar?

Jürgen Kurz: Es lief ja schon bei Solarworld und Pfleiderer ähnlich, im Falle der IVG gibt es wenigstens noch ein kleines Bezugsrecht. Die Vorgehensweise, also der Tausch von Schulden gegen neues Eigenkapital, wie es beim Debt-to-Equity-Swap gemacht wird, ist nicht neu und lehnt sich an das amerikanische Insolvenzrecht an, bei dem das alte Eigenkapital, das ja verloren ist, auch rausgedrängt wird.

Das Problem im Falle der IVG liegt auch weniger in diesen Mechanismen, da haben die Aktionäre kaum noch eine Wahl. Die Probleme sind viel früher entstanden, denn das Unternehmen hat zu viele Schulden gemacht und sich damit überhoben. Gerade Immobilien lassen sich nun mal nicht so mir nichts dir nichts wieder verkaufen. Wenn dann die Einnahmen nicht mehr reichen, um die angehäufte Zinslast zu schultern, gerät man in eine Falle, aus der nur schwer rauszukommen ist.

boerse.ARD.de: Wie sieht es mit den Kontrollinstanzen innerhalb des Unternehmens aus, hätte der Aufsichtsrat nicht einschreiten müssen?

Kurz: Der wird sich wahrscheinlich auf seine Rolle als reiner Ratgeber und Kontrolleur zurückziehen. Kontrolle heißt dabei eben nicht, dass aktiv ins Tagesgeschäft eingegriffen wird, dafür ist ja das Management da.

Zudem birgt die Ablehnung von Managementplänen auch die Gefahr, den eigenen Vorstand zu demontieren. Es bleibt also immer eine Güterabwägung.

boerse.ARD.de: Macht sich der Aufsichtsrat das nicht zu einfach?

Kurz: Sicher sind die Vorstände für geschäftspolitische Entscheidungen zuständig. Trotzdem kann und muss der Aufsichtsrat gegensteuern, wenn das Management sich vergallopiert. Leider fehlen dem Aufsichtsrat manchmal die Leute, die kritische Fragen stellen.

Im Falle der IVG scheint es dabei systemimmanent so gewesen zu sein, dass Erträge durchgängig zu hoch und Risiken zu niedrig eingeschätzt wurden. Dabei wurden Fehler auf allen Ebenen gemacht. Vor allem wenn es um Klumpenrisiken geht, die man sich ins Buch kauft und die nicht erkannt wurden.

boerse.ARD.de: Wie kann man gerade als Kleinaktionär solche Dramen zukünftig vermeiden? Muss etwas geändert werden?

Kurz: Verhindern kann man so etwas nicht. Abhilfe kann es nur über den Informationsfluss geben. Es gibt Quartalsberichte, es gibt eine Ad-hoc-Berichtspflicht für die Unternehmen, von Seiten des Gesetzgebers ist da schon viel getan.

Aber auch der Aktionär ist in der Pflicht. Er muss sich informieren, er muss die Unternehmensberichterstattung intensiv verfolgen und auch ein Blick in die Medien schadet nie. Am Ende ist es das Risiko des Aktionärs, dass seine Investitionsentscheidung eventuell nicht aufgeht. Hier kann er gegebenenfalls mit Limiten arbeiten, um Verlustrisiken zu minimieren.

Klar ist, dass solche Risiken in der Regel nicht plötzlich passieren. Für Privataktionäre ist es allerdings, das sei hier nochmals betont, oft äußerst schwer zu erkennen, wann eine Gesellschaft beginnt, in eine bedrohliche Schieflage zu geraten. Wenn die Ad-hoc-Mitteilung erst einmal raus ist, ist es oft schon zu spät. Zum Glück ist die Zahl der Fälle wie die der IVG überschaubar. Die Aktie bleibt meines Erachtens weiter das beste Anlageinstrument.   

Das Gespräch führte Robert Minde.

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