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China-Aktien

Geschäftsmann reibt sich die Augen. Im Hintergrund eine Chinesische Fahne

Skandale bei chinesischen Firmen der Deutschen Börse

Albträume aus dem Reich der Mitte

von Lothar Gries

Stand: 25.09.2014, 15:12 Uhr

Alles nur Betrüger, Abzocker, Wertvernichter? Die Liste der Skandale der in Frankfurt erstnotierten chinesischen Firmen wird immer länger. Wie lange wollen sich die Anleger das noch bieten lassen?

Jüngstes Beispiel ist der Schuhhersteller Ultrasonic, bei dem der Vorstandschef mitsamt dem Kasseninhalt von schätzungsweise über 100 Millionen Euro das Weite suchte und bis heute unauffindbar blieb. Ähnliches hat sich in diesem Jahr bereits bei dem ebenfalls an der Deutschen Börse notierten Verpackungs-Hersteller Youbisheng Green Paper und dem Modehersteller Kinghero ereignet - mit verheerenden Folgen. Beide Unternehmen mussten Insolvenz anmelden, Kinghero wurde vom Kurszettel genommen.

Auch Ultrasonic droht die Pleite. Damit setzt sich die Serie der Skandale bei den von der Deutschen Börse nach Frankfurt gelockten chinesischen Firmen fort. So verweigerten die Wirtschaftsprüfer in mehreren Fällen das Testat für das vorgelegte Zahlenwerk, etwa bei dem Handtaschenhersteller Powerland. Begründung: Für Umsätze mit südafrikanischen Kunden konnten keine "hinreichenden" Beweise gefunden werden.

Auch bei dem Panzerglashersteller CSG und dem Modeunternehmen Fast Casualwear fehlt bis heute die Unterschrift des Wirtschaftsprüfers unter der Bilanz des Jahres 2013. Dass die Aktienkurse dieser Unternehmen längst abgestürzt sind, kann nicht überraschen.

Finger weg von diesen Aktien

"Anlegern kann man nur raten, von Aktien weitgehend unbekannter Unternehmen aus China die Finger zu lassen", sagt Daniel Bauer, Vorstandsmitglied des Aktionärsschützer-Verbands SdK. "Ich tue mich schwer, die Vorgänge bei den jüngsten Skandalen verstehen", erklärt Jens Hecht von der Hamburger Firma Kirchhoff Consult, die chinesische Unternehmen bei Börsengängen berät und vielen von ihnen als PR-Agentur dient. "Aber gegen Betrug kann man nichts machen."

Die SdK sieht dagegen eine Mitschuld bei Wirtschaftsprüfern und Emissionshäusern, die den Wert des operativen Geschäfts von chinesischen Firmen und deren Bilanzen untersuchen und testieren. "Geschädigte müssen prüfen, inwieweit man die beteiligten Berater in Haftung nehmen kann", rät SdK-Vorstand Bauer. "Denn in China die Hintermänner zu verklagen, erscheint aussichtslos."

"Nach bestem Wissen geprüft"

Doch die beteiligten Emissionshäuser beteuern ihre Unschuld. So etwa die BankM, eine Tochter des IT-Dienstleisters XCom und Berater zahlreicher chinesischer Firmen bei ihren Börsengängen in Deutschland, darunter neben Ultrasonic auch die beiden Skandal-Firmen Youbisheng und Kinghero.

China Specialty Glass, Screenshots der Website

China Specialty Glass. | Bildquelle: Unternehmen

BankM-Analyst Roger Becker betonte gegenüber der "Berliner Zeitung", dass Ultrasonic nach bestem Wissen geprüft worden sei und demzufolge die Kauf-Empfehlung für mögliche Interessenten erstellt wurde. Die von Wirtschaftsprüfern bestätigten Daten hätten zu seiner Unternehmens-Bewertung geführt. "Das war keine Fantasie-Bewertung, die war schon noch konservativ gehalten", versichert er. Er selbst habe sich dreimal vor Ort in China die dortige Produktion angesehen.

Besonderheiten des chinesischen Rechts

Die Beratung börsenwilliger chinesischer Unternehmen will die Bank zwar nicht aufgeben, künftig aber ganz genau überlegen, ob und unter welchen Umständen sie ein Neugeschäft mache. Ein Problem bei Börsengängen chinesischer Firmen sind offenbar auch die Besonderheiten des dortigen Rechtssystems. So habe der Vorstandschef von Ultrasonic die alleinige Bankvollmacht für das Unternehmen besessen, was hierzulande für eine Gesellschaft mit einem ausgewiesenen Jahresumsatz von 150 Millionen Euro ein Ding der Unmöglichkeit sei. Auch habe die Bank von Ultrasonic nicht verhindert, dass der Firmenchef auf einen Schlag das gesamte Geldvermögen des Unternehmens abhob.

Kritiker wie SdK-Vorstand Bauer fordern, dass die Deutsche Börse chinesische Firmen besser kontrollieren müsste. Das Unternehmen weist das zurück. Die Börse organisiere lediglich den Handel und kontrolliere die Einhaltung von Standards, zum Beispiel die fristgerechte Vorlage von Jahresabschlüssen. Die Prüfung von Firmen vor dem Börsengang sei die Aufgabe der beteiligten Banken.

Papiertiger BaFin

Ein Jahr Beschwerderegister bei der BaFin

Prüft nur auf Vollständigleit: Aufsichtsbehörde BaFin. | Quelle: Unternehmen, colourbox, Montage: boerse.ARD.de

Alle chinesischen Firmen im Prime Standard hätten vor ihrem IPO Wertpapierprospekte vorgelegt, die von der Finanzaufsicht BaFin genehmigt worden seien. "Letztendlich entscheidet der Markt über die Börsenreife und Qualität von Unternehmen, nämlich Investoren im Rahmen eines Börsengangs mit der Zeichnung der Aktien", erklärt der Börsenbetreiber. "Diese sollten in der Lage sein, die Chancen und Risiken von Geschäftsmodellen und auch der Corporate Governance des Managements zu beurteilen und Risiken zu tragen."

Auch die BaFin erweist sich in diesem Fall als nutzloser Papiertiger. Der Gesetzgeber hat die Aufgabe der Behörde aber stark eingeschränkt. Sie soll lediglich die Wertpapierprospekte der börsenwilligen Unternehmen auf deren Vollständigkeit und Verständlichkeit prüfen. Dabei handelt es sich um einen rein formaljuristischen Vorgang. Eine inhaltliche Prüfung, etwa ob ein Unternehmen ein tragbares Geschäftsmodell vorweist oder die im Prospekt gemachten Angaben der Wahrheit entsprechen, findet nicht statt.

Schon steht der nächste Börsengang vor der Tür

Youbisheng-Produktionsstätte in China

Youbisheng Green Paper. | Bildquelle: Geschäftsbericht 2013, Unternehmen

Auch für die Wirtschaftsprüfer erweisen sich die chinesischen Firmen als eine harte Nuss. Die in Frankfurt gelisteten Unternehmen haben in Deutschland meist nur eine Briefkastenadresse, die operativen Einheiten sowie die Verwaltung befinden sich aber in China. "Für uns Prüfer macht das die Arbeit natürlich nicht einfacher", sagt Edgar Ernst, der Chef der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR). Die Kommunikation sei zum Teil schwierig, bestimmte Dokumente gebe es nur auf chinesisch.

Rasch ändern wird sich an der derzeitigen Situation nichts. Zwar hat die Deutsche Börse offiziell schon im Sommer letzten Jahres entschieden, "aus betriebswirtschaftlichen Gründen" nicht mehr aktiv um Börsenkandidaten aus China zu werben, doch aufgeben will sie die Notierungen chinesischer Firman in Frankfurt auch nicht.

Schon am 29. September geht mit dem Daunenverarbeiter Snowbird das nächste chinesische Unternehmen an den Start. Allerdings musste das Unternehmen deutlich Federn lassen: Anstelle der anvisierten bis zu 11,5 Millionen Papiere, die aus einer Kapitalerhöhung stammen, fanden nur knapp 1,6 Millionen Aktien einen Käufer.

Kapitalgeber finden die Chinesen hierzulande also immer weniger. Doch das ist offenbar auch nicht ihr wichtigstes Anliegen. Der Börsenplatz Frankfurt genieße in China einen exzellenten Ruf und bringt den hier notierten Unternehmen in erster Linie einen Imagegewinn. Für die Deutsche Börse allerdings könnten sich die Firmen aus dem Reich der Mitte als Imageverlust erweisen.

lg

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