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Betriebsrenten

Rentnerfiguren vor Eurostapeln

Dax-Konzerne müssen höhere Pensionsverpflichtungen schultern

Die große Renten-Last

von Notker Blechner

Stand: 16.07.2015, 17:08 Uhr

In den Bilanzen vieler börsennotierter deutscher Unternehmen tickt eine Zeitbombe: die Pensionslasten werden immer größer. Dax-Konzerne müssen zunehmend mehr Kapital vorhalten. Gerät die betriebliche Altersvorsorge in Gefahr?

"Die Rente ist sicher" - an diese vollmundigen Versprechungen des einstigen Bundesarbeitsministers Norbert Blüm glauben die meisten Deutschen schon lange nicht mehr. Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Kas-Bank halten nur noch 15 Prozent der Bundesbürger die gesetzliche Rente für geeignet, um ausreichend Geld fürs Alter zurückzulegen.

Deutsche bevorzugen die betriebliche Altersvorsorge

Für die Mehrheit der Deutschen ist die betriebliche Altersvorsorge inzwischen die bessere Alternative. 51 Prozent sehen die Betriebsrenten als passende Anlageform für die Altersvorsorge. Selbst bei der Wahl des Arbeitsplatzes nimmt die betriebliche Altersvorsorge einen hohen Stellenwert ein. Sie ist vielen wichtiger als ein Dienstwagen oder ein Job-Ticket. Nur dem Gehalt wird eine noch höhere Bedeutung zugemessen.

Bislang halten sich Deutschen im europäischen Vergleich noch bei der betrieblichen Altersvorsorge zurück. Nur jeder zweite Berechtigte nutzt seinen Anspruch auf einen Betriebsrenten-Vertrag.

Pensionsverpflichtungen der Dax-Konzerne so hoch wie nie

Sollte die Zahl in Zukunft steigen, könnte es für einige Firmen teuer werden, die Zusagen einzuhalten. Denn wegen des Zinstiefs müssen die Unternehmen immer höhere Pensionslasten schultern. "Die Kosten der betrieblichen Altersvorsorge sind in den letzten Jahren durch die Niedrigzins-Phase dramatisch gestiegen", sagt Thomas Jasper, zuständig für Betriebspensionen bei der Beratungsfirma Towers Watson in Deutschland. Alleine im vergangenen Jahr stiegen die Pensionsverpflichtungen der Dax-Konzerne um 29 Prozent auf fast 392 Milliarden Euro, hat Towers Watson errechnet. Gleichzeitig erhöhte sich das Pensionsvermögen aber nur um acht Prozent auf 213,5 Milliarden Euro. Eine ähnliche Kluft sieht die Unternehmensberatung Mercer. Einem Pensionsvermögen von 214 Milliarden Euro stünden Pensionsverpflichtungen von 373 Milliarden Euro gegenüber.

Belastung des Eigenkapitals

Die Folge ist eine wachsende Versorgungslücke, für die die Konzerne mit ihrer Bilanz haften. 2014 wurde laut Exoerten das Eigenkapital der Dax-Firmen mit rund 80 Milliarden Euro belastet. Schrumpft das Eigenkapital weiter, müssen die Aktionäre bluten. Dann droht die Dividende gekürzt zu werden. "Die Ausschüttungsfähigkeit könnte in Frage gestellt werden", meint Towers-Watson-Experte Jasper.

Ein weiteres Alarmzeichen: Nur noch 54 Prozent aller Pensionsverpflichtungen sind mit Kapitalanlagen abgedeckt. 2013 waren es noch über 65 Prozent.

2014 war allerdings ein Ausnahmejahr. Laut Thomas Hagemann, Chefaktuar von Mercer, sind die Pensionsverpflichtungen durch den starken Zinsrückgang extrem gestiegen. "Da konnte selbst das Pensionsvermögen trotz einer starken Performance von fast zwölf Prozent nicht mithalten." Der für die Pensionslasten maßgebliche Rechnungszins schrumpfte zeitweise unter zwei Prozent. Inzwischen hat er sich wieder etwas erholt und liegt bei knapp über zwei Prozent.

Umstellung auf flexiblere Rentenmodelle

Wie sehr die Pensionslasten die Unternehmen beeinträchtigen, zeigt das Beispiel der Lufthansa. Bei der Kranich-Airline tobt seit Monaten ein Streit mit den Piloten um die großzügigen Pensionsregelungen. Die Neuregelung von Übergangs- und Betriebsrenten ist einer der Kernpunkte des Tarifkonflikts.

Die höchsten Pensionsverpflichtungen haben neben der Lufthansa VW, Siemens, Daimler, Bayer und Eon. Viele Dax-Konzerne haben reagiert und die Löcher gestopft. So butterte Daimler im vergangenen Jahr gut 2,5 Milliarden Euro an überschüssiger Liquidität in das Pensionsvermögen. Gut die Hälfte der Dax-Unternehmen hat bei Neuverträgen inzwischen auf flexible Modelle ohne feste Zinszusagen umgestellt, weiß Towers-Watson-Experte Jasper.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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61,60
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Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Siemens: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Experten geben Entwarnung

"Die Dax-Firmen haben jetzt das Schlimmste überstanden", meint Paulgerd Kolvenbach, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Longial im Interview mit boerse.ARD.de. Die dramatische Zinssenkung im vergangenen Jahr sei inzwischen gut in den Bilanzen verdaut. Ähnlich sieht das Thomas Hagemann, Chefaktuar von der Unternehmensberatung Mercer. Die Lage habe sich inzwischen entspannt, nachdem die Zinsen zuletzt wieder etwas angezogen hätten, sagte er.

Dagegen droht den Mittelständlern, die in HGB bilanzieren, ein böses Erwachen. Anders als die Großkonzerne, die nach IFRS Rechnung legen und die Pensionsrückstellungen dem jährlichen Zinsniveau anpassen, orientieren sich die HGB-Firmen an einem Sieben-Jahres-Durchschnitt bei den Zinsen (dem so genannten BilMoG-Rechnungszins). Folglich schlägt sich dort die Zinsflaute später und schleichender nieder und drückt das Ergebnis. Für dieses Jahr prophezeit Longial-Experte Kolvenbach ein Absinken des BilMoG-Zinses von 4,5 auf 3,8 Prozent. Bis 2018 dürfte das Niveau weiter auf bis zwei Prozent fallen.

Mittelständlern drohen Pleiten

Kleine und mittlere Betriebe könnten so ins Straucheln geraten. Möglicherweise droht gar die Pleite. Wie zuletzt bei Kunert. Wegen seiner enormen Pensionsverpflichtungen musste der Strumpfhersteller Insolvenz anmelden. Als das Geschäft immer schlechter lief, konnten die verbliebenen Mitarbeiter nicht mehr die Betriebsrenten erwirtschaften. Der Pensionssicherungsverein musste einspringen. Er übernimmt künftig die Zahlung der Betriebsrenten.

Käme es zu einer Pleitewelle, wäre aber irgendwann auch der Pensionssicherungsverein überfordert. Hundert Prozent sicher sind also auch die Betriebsrenten nicht. Kürzungen von Renten und Rentenzusagen lassen sich nicht ausschließen. Ein paar kleinere Firmen haben dies schon gemacht.

"Betriebsrente ist sicher!"

Doch solch Panikmache halten Experten für überzogen. "Die deutlich gefallenen Ausfinanzierungsgrade sind eine Belastung für die Unternehmen, aber keine Gefährdung für die Betriebsrenten", erklärt Experte Jasper von Towers Watson. Eine dreifache Absicherung durch den Arbeitgeber, das gebildete Pensionsvermögen und schlimmstenfalls den Pensionssicherungsverein garantieren die Pensionszusagen für die Mitarbeiter. Jasper: "Die Betriebsrente ist sicher."

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