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Vorsorge

Staatlicher Rentenfonds statt Riester?

Der Staat als Fondsmanager

Stand: 25.01.2016, 15:02 Uhr

Vierzehn Jahre nach dem Start der Riester-Rente ist die Diskussion um die private kapitalgedeckte Vorsorge neu entbrannt. Soll der Staat einen eigenen Fonds am Kapitalmarkt navigieren, um Rendite für seine Bürger zu erwirtschaften?

Die Neuauflage der Debatte wurde in der besinnlichen Vorweihnachtszeit gestartet. Auch die Urheber geben Anlass zur Nachdenklichkeit: Mit den hessischen Ministern Tarek Al-Wazir (Grüne) und seinen beiden CDU-Kollegen Stefan Grüttner und Thomas Schäfer hat sich eine grün-schwarze Koalition zu Wort gemeldet.

Befürworter und Gegner

Auch wenn der Vorschlag über Parteigrenzen hinweg Anklag fand - Lagerdenken besteht bei der Diskussion um einen staatlichen Vorsorgefonds dennoch. Auf der Befürworter-Seite finden sich neben einigen Vertretern aus der Politik auch Wissenschaftler und Verbraucherschützer ein, Gegner kommen vor allem aus den Reihen der Unternehmen und Verbände aus der Fonds- und Versicherungs-Industrie.

"Bürger mittlerweile stark verunsichert"

Worum geht es grundsätzlich: Die hessischen Politiker haben die Schaffung einer staatlich gelenkten "Deutschland-Rente" angeregt. Diese soll den zentralen Rentenfonds zum "Selbstkostenpreis" verwalten, damit das Geld der Bürger "sicher vor überteuerten Angeboten" sei. "Die berechtigte öffentliche Kritik an den zum Teil völlig überteuerten Riester-Produkten hat viele Bürgerinnen und Bürger mittlerweile stark verunsichert." Der Staat müsse stärker in die Verantwortung gehen, ansonsten drohe Altersarmut, so die Folgerung (sehen Sie dazu auch das Positionspapier der Minister).

Auch über die Anlagepolitik haben sich die Minister Gedanken gemacht. Ein solcher Fonds könne auch mehr auf Aktien setzen als bestehende Altersvorsorge-Produkte. So könne der Fonds auf ein "breit gestreutes Anlageportfolio, zum Beispiel mit einem höheren Aktienanteil" setzen. Der langfristige Anlagehorizont und die Möglichkeiten einer starken Streuung aufgrund der Größe des Fonds verringerten die Anlagerisiken erheblich und sorgen gleichzeitig für höhere Renditen.

Ausstieg nur auf Antrag

Verwiesen wird dabei auf bereits bestehende Staatsfonds zum Beispiel in Norwegen, die in den vergangenen Jahren Wertzuwächse deutlich über denen der meisten Riester- oder Rürup-Produkte erzielt haben.

Der Fonds wird als zusätzlicher Bestandteil des staatlichen Rentensystems gesehen. Im Prinzip bliebe nach dem Konzept die Freiwilligkeit für Bürger erhalten. Allerdings lautet der Vorschlag, statt einem "Opting in"- der Sparer, also einem aktiven Eintritt in die Zusatzversorgung, ein "Opting out"-Modell einzuführen. Dabei wäre eine Teilnahme am Rentenfonds für die Bürger grundsätzlich vorgesehen, und sie müssten sich aktiv "dagegen" entscheiden, einen Teil ihrer Rentenbeiträge von einem Staatsfonds verwalten zu lassen.

DIW fordert Öffnung für Selbständige

Die Vorschläge haben in den vergangenen Wochen positive Resonanz aus unterschiedlichen Richtung erhalten. DIW-Vorstandsmitglied Gert Wagner etwa hält die "Deutschland-Rente" für "pfiffig". Sie sei auch für viele Arbeitgeber interessant, da auch sie die Vorsorgeform für ihre Beschäftigen einsetzen könnten und dabei weniger Aufwand und Risiken bei einer herkömmlichen betrieblichen Altersvorsorge schultern müssten. Wagner empfiehlt, einen solchen Staatsfonds auch für Selbständige und Nicht-Erwerbstätige zu öffnen.

Auch Verbraucherschützer können sich mit dem Modell eines staatlich gemanagten Rentenfonds anfreunden. Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sieht darin die Chance, ein kapitalgedecktes Vorsorge-Produkt "alleine entlang den Interessen der Verbraucher" zu schaffen. Riester- und Rürup-Rente hätten vor allem der Finanzlobby gedient (s. unser Interview).

Finanzindustrie ist skeptisch

Gegenwind bekommt die staatliche Fonds-Lösung aus der Finanzindustrie. Der Branchenverband BVI weist darauf hin, das Konzept eines Zentralfonds leicht "politische Begehrlichkeiten" wecken könne. Die Gefahr des "staatlichen Missbrauchs des von breiten Bevölkerungsgruppen eingezahlten Kapitals" sei vorhanden. Ein Beispiel dafür sei die Nutzung der Sozialkassen für "versicherungsfremde Leistungen". Außerdem werde Arbeitnehmern und Arbeitgebern die Möglichkeit genommen, eine auf sie angepasste Risikostruktur bei ihrer Anlage auszuwählen.

Auch der Verband der Finanzberater AfW hat sich kritisch zur Deutschland-Rente geäußert. Eine den individuellen Zielen angepasste Chancen-Risikostruktur sei dabei der Deutschlandrente "leider nicht erkennbar“, so Verbandsvorstand Frank Rottenbacher gegenüber "Das Investment". Kostengünstig sei zudem nicht automatisch auch gut.

Ausgang: Offen

Eineinhalb Jahrzehnte, nachdem die Riester-Rente mit dem Ziel angetreten ist, die Versorgungslücke im Alter bei den Bundesbürgern zu schließen, ist die Diskussion über diese Lücke wieder voll entbrannt, so viel scheint klar. Ein großer Wurf, der dem Problem der zunehmenden Altersarmut beikommt, scheint allerdings noch lange nicht in Sicht.

AB

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