Wiener Opernball

ATX schlägt Dax Wiener Walzer an der Börse

von Notker Blechner

Stand: 22.08.2017, 12:03 Uhr

"I werd' narrisch", dürfte derzeit manch' Österreicher jubeln. Nicht nur bei der Frauen-Fußball-EM, sondern auch an der Börse hat die kleine Alpenrepublik Deutschland abgehängt. Der ATX ist seit Monaten im Höhenrausch. Trotzdem sind österreichische Aktien noch günstig.

TV-Kommentatoren rieben sich verwundert die Augen, Zeitungen schrieben vom "Sommermärchen", "Fußballwunder" und in Anlehnung an den Sieg der männlichen Kollegen 1978 gegen Deutschland vom "Frauen-Cordoba": Mitten in der vierten Hitzewelle, die das Alpenland erfasste, stürmten Österreichs Fußballerinnen erstmals in das Halbfinale einer Fußball-Europameisterschaft. "Zwickt’s mi, i man i tram" (Zwickt mich, ich glaube ich träume"), postete Goalgetterin Nina Burger. Auf Großbild-Leinwänden verfolgten Tausende das Match gegen Dänemark und litten mit, als ihre Nationalheldinnen im Elfmeterschießen nur knapp den Einzug ins Finale verpassten.

Kurz verändert die Politik-Landschaft

Auch sonst befindet sich das Land im Aufbruch. Die jahrelange politische Lethargie ist zu Ende, seitdem der populäre 30-jährige Sebastian Kurz die Macht bei der konservativen ÖVP übernommen und die Große Koalition mit der SPÖ aufgelöst hat. Umfragen deuten auf einen klaren Wahlsieg der ÖVP hin. Der neue Polit-Star Kurz kann sich den Koalitionspartner aussuchen. Gut möglich, dass er ein Bündnis mit der rechtspopulistischen FPÖ sucht. Zuletzt gab es eine schwarz-blaue Koalition 2000 bis 2007. Kurz verspricht massive Steuersenkungen.

Wirtschaftlich hat Österreich wieder Tritt gefasst und Anschluss an Europa gefunden. Das BIP legte im zweiten Quartal um 0,8 Prozent zu. Damit wuchs die Alpenrepublik stärker als Deutschland, wo es nur ein Plus von 0,6 Prozent gab. Vor allem die österreichische Exporte zogen deutlich an. Für das Gesamtjahr wird ein Wachstum der österreichischen Wirtschaft von zwei Prozent erwartet.

ATX 2017 Vize-Europameister

An der Börse ist der Wirtschaftsaufschwung zu spüren. Der ATX hat ein beeindruckendes Comeback hingelegt. Nachdem er jahrelang dem "großen Bruder" Dax hinterher hechelte, eilt er ihm nun voraus. Seit Jahresbeginn hat der Wiener Leitindex knapp 21 Prozent zugelegt, während der Dax nur auf ein Plus von rund sechs Prozent kommt. Erstmals seit mehr als sieben Jahren überwand der ATX wieder die Marke von 3.000 Punkten. Nur die griechische Börse entwickelte sich in diesem Jahr noch besser.

Osteuropa-Malus wird wieder zum -Bonus

Der Wiener Leitindex profitierte vor allem von zwei Trümpfen, die lange ein Handicap waren: die Finanzlastigkeit und die Osteuropa-Ausrichtung. Finanzwerte waren die großen Gewinner der "Trump-Rally" in den letzten Monaten. Fast die Hälfte der Gesamtkapitalisierung des ATX machen Banken-, Versicherer- und Immobilientitel aus. Zudem wirkte sich die starke Präsenz der österreichischen Firmen in Mittel- und Osteuropa positiv aus. Das robuste Wachstum in der Region trieb Umsatz und Gewinn der ATX-Konzerne an.

Aktienstrategen sind zuversichtlich, dass der Höhenflug an der Wiener Börse anhält - wenn auch in gebremstem Tempo. Die Erste Bank sieht den ATX bis Jahresende bei 3.250 Punkten. Die österreichischen Aktien sollten weiter von ihrer Nischenstrategie sowie dem guten Umfeld in Mittel- und Osteuropa profitieren, meint Chefanalyst Fritz Mostböck. Die Bewertung bleibe relativ attraktiv.

Günstige Bewertung

Dax
Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
12.592,35
Differenz relativ
-0,06%

Tatsächlich sind österreichische Aktien im internationalen Vergleich sehr günstig. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) liegt für 2017 gerade mal bei 13,9. Zum Vergleich: in Europa beträgt das KGV 15,6, in den USA gar 19,8. Gemessen am Shiller CAPE ist Österreich der zweitbilligste Aktienmarkt der Welt hinter Südkorea.

Vom Rekordhoch im Jahr 2007 ist der ATX freilich noch meilenweit entfernt. Vor gut zehn Jahren erreichte er mit 4.981 Punkten seinen Zenit. Danach ging es rasant nach unten.

Fonds oder Aktien?

Anleger können direkt in österreichische Aktien investieren. Wem das zu riskant ist, der kann sein Geld breiter in Österreich-Fonds oder -ETFs anlegen. Allerdings gilt es zu berücksichtigen, dass der Finanzplatz Österreich zunehmend an Bedeutung verliert. Die Zahl der an der Wiener Börse gelisteten Unternehmen schrumpft immer mehr - in den vergangenen zehn Jahren von 127 auf 79.

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Österreichische Börsen-Zuckerl Die ATX-Stars

Raiffeisen Bank Intl.: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum 1 Jahr

Raiffeisen Bank Intl.

Superstar im ATX ist auf Ein-Jahres-Sicht eine Bank: die Raiffeisen Bank International, kurz RBI. Die Aktien des Wiener Geldinstituts haben einen Kurssprung von 125 Prozent hingelegt. Die RBI, die seit Jahresbeginn mit ihrer Mutter Raiffeisen Zentralbank verschmolzen ist, hat sich inzwischen gesund geschrumpft. Sinkende Vorsorgen für faule Kredite und die stabile Wirtschaftsentwicklung in Osteuropa bescherten der Großbank einen Gewinnsprung im zweiten Quartal auf rund 365 Millionen Euro. Das ist fast drei Mal so viel wie im Vorjahreszeitraum. Im ersten Halbjahr konnte der Überschuss mehr als verdoppelt werden auf 585 Millionen Euro. Die harte Kernkapitalquote kletterte auf 12,6 Prozent. Mittelfristig soll sie bei 13 Prozent liegen. Von den Rekordniveaus im Jahr 2007 ist der Aktienkurs der RBI aber noch meilenweit entfernt.

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