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Interview

Thomas Gerhardt

Thomas Gerhardt, Fondsmanager von Edmond de Rothschild

"Vor allem Vietnam hat großes Potenzial"

Stand: 05.02.2016, 14:23 Uhr

Bei den Emerging-Markets-Fonds von Edmond de Rothschild spielt Südostasien eine immer wichtigere Rolle. Fondsmanager Thomas Gerhardt favorisiert Vietnam, Indonesien und Philippinen. Er sieht aber auch Probleme.

boerse.ARD.de: Die Emerging Markets liefen 2015 enttäuschend. Sehen Sie für 2016 einen Lichtstreif am Horizont?

Thomas Gerhardt: Diese Frage habe ich in letzter Zeit öfter gestellt bekommen. Wenn ich zwischen USA, Europa und den Emerging Markets wählen müsste, würde ich die Emerging Markets bevorzugen. Anders als in den USA ist in den Emerging Markets schon viel Negatives eingepreist. Es ist bekannt, dass Brasilien in einer tiefen Rezession steckt und dass sich die Konjunktur in China abschwächt. Die Erwartungshaltung für die Emerging Markets ist momentan sehr niedrig. Viele Investoren sehen kein Licht am Ende des Tunnels. Einen solchen Pessimismus sehe ich als gutes Zeichen für einen Einstieg in Schwellenländer. Der Tiefpunkt dürfte bald erreicht sein.

boerse.ARD.de: Welche Länder favorisieren Sie derzeit unter den Emerging Markets?

Gerhardt: Positiv eingestellt sind wir momentan für Indien, Indonesien, Vietnam, und Mexiko. Bei Ländern wie Russland und Brasilien, die unter dem abnehmenden Appetit Chinas auf Rohstoffe leiden, sind wir vorsichtig.

boerse.ARD.de: Südostasien gewinnt in der Weltwirtschaft an Bedeutung. Mit AEC entsteht der viertgrößte Wirtschaftsraum der Welt. Ist Südostasien der neue Hoffnungsträger unter den Emerging Markets?

Gerhardt: Die südostasiatischen Tigerstaaten waren schon in den 1990er Jahren die Hoffnungsträger – und kamen dann nicht so schnell voran wie geplant. Meiner Ansicht nach haben generell die kleinen Länder in Asien großes Potenzial. Vor allem Vietnam.

boerse.ARD.de: Warum gerade Vietnam?

Gerhardt: Aufgrund seiner jungen Bevölkerungsstruktur, geringen Lohnkosten und geographischen Lage hat Vietnam die besten Zukunftsaussichten. Außerdem wurden in den letzten zwei bis drei Jahren die wesentlichen Probleme im Bankensektor beseitigt, was das Land noch attraktiver macht.

boerse.ARD.de: Dürfte das transpazifische Freihandelsabkommen TPP Vietnam noch attraktiver machen?

Gerhardt: Ja, Vietnam ist einer der größten Profiteure von TPP. Wenn die Handelsbeschränkungen wegfallen, wird es noch attraktiver, in Vietnam zu produzieren. Schon jetzt verlagert sich die Produktion zunehmend von China nach Vietnam. Für Samsung ist inzwischen das Land der wichtigste Produktionsstandort außerhalb Koreas.

boerse.ARD.de: Der vietnamesische Aktienmarkt ist bisher noch recht illiquide. Nun versucht die Regierung, ihn für ausländische Investoren stärker zu öffnen. Wie weit geht diese Öffnung?

Gerhardt: Die Wirtschaft in Vietnam öffnet sich schneller als der Aktienmarkt. Dort gibt es immer noch große Defizite. Bei den Orders bleiben ausländische Investoren benachteiligt. Front Running für lokale Broker ist immer noch legal. Für Aktien, bei denen es eine Besitzgrenze für ausländische Investoren gibt, existiert im Vergleich zu Thailand kein Zweitmarkt für "foreign shares". Da sorgt das Foreign Shareholder Board für Transparenz, da die Aufschläge, die Ausländer auf den lokalen Kurs zahlen müssen, angezeigt werden.

boerse.ARD.de: Wie investiert Edmond de Rothschild Asset Management in Vietnam?

Gerhardt: Ausschließlich über ein ETF auf den Leitindex von Vietnam.

boerse.ARD.de: Wie sehen Sie Indonesien?

Gerhardt: Wir sind für Indonesien sehr positiv gestimmt. Die Regierung hat vielversprechende Ankündigungen gemacht. So wurden die staatlichen Subventionen auf Benzin zurückgefahren, was den Staatshaushalt entlastet. Außerdem wurde ein Landreformgesetz auf den Weg gebracht, das die Voraussetzung für künftige große Infrastrukturprojekte schafft. Andererseits leidet Indonesien als großer Kohleexporteur unter der schwachen Nachfrage nach Kohle.

boerse.ARD.de: Sie monierten jüngst, Indonesien säge am Ast, auf dem es sitzt. Was meinten Sie damit?

Gerhardt: Indonesien ist der größte Exporteur von Palmöl. Die Erhöhung der Palmölproduktion hat zuletzt aber für große Umweltprobleme in der südostasiatischen Region gesorgt. Wegen des Rauchs der illegalen Brandrodungen wäre fast das Formel-1-Rennen in Singapur abgesagt worden. Indonesien hat auf den Druck der Nachbarländer reagiert und versucht jetzt die Brandrodungen in die Legalität zurückzuführen.

boerse.ARD.de: Als Favorit nannten Sie vorher auch Philippinen. Was gefällt Ihnen dort?

Gerhardt: Die Philippinen überzeugen mit einer Kombination von hohem Wachstum, niedriger Inflation und ausgeprägtem Unternehmertum. In dem Inselreich hat sich eine große Outsourcing-Industrie mit Call-Centern und Backoffices für die Bearbeitung von Anträgen herausgebildet. Dies hat zu einer stark wachsenden Mittelschicht, vor allem in Manila, geführt.

boerse.ARD.de: Thailand scheint von der Wirtschaftsdynamik her weniger attraktiv, das Wachstum ist niedriger als in Vietnam oder den Philippinen…

Gerhardt: Ja, Thailand betrachten wir sehr selektiv. Dort gibt es interessante Einzeltitel wie den Flughafen Bangkok. Dieser profitiert von der wachsenden Zahl ausländischer, besonders chinesischer Touristen.

boerse.ARD.de: Als TPP-Profiteur gilt auch Malaysia. Andererseits leidet das Land unter dem Ölpreisverfall. Was halten Sie von Malaysia?

Gerhardt: Malaysia sehen wir derzeit negativ. Zum einen ist das Land stark abhängig von Rohstoffen. Zum anderen ist die politische Garde in Malaysia sehr national orientiert und bevorzugt lokale Malaien. Hinzu kommen große Korruptionsvorwürfe gegenüber der Regierung. Uns ist momentan nicht klar, für was Malaysia steht. Nach dem deutlichen Rückzug der Elektronikindustrie setzt das Land auf Palmöl als größtes Exportgut. Das ist ein Rückfall in die Landwirtschaft.

boerse.ARD.de: Welches sind Ihre Aktien-Favoriten in Südostasien?

Gerhardt: Wir setzen auf Konsumtitel in Südostasien - zum Beispiel Supermärkte, Baumärkte und E-Commerce-Aktien. Darüber hinaus haben wir Gesundheits-, Hightech- und Internet-Titel im Portfolio. Einige asiatische Hightech-Firmen - wie zum Beispiel Taiwan Semiconductor - sind Weltmarktführer in ihrem Bereich. Ein weiterer Anlageschwerpunkt ist die Bildung im nicht-staatlichen Sektor: von privaten Kindergärten, Privatschulen bis zu Privatuniversitäten, die an der Börse notiert sind. Darüber hinaus bauen wir auf Infrastrukturtitel wie den Airport of Thailand.

boerse.ARD.de: Der Fonds Edmond de Rothschild Global Emerging hat sich 2015 gut behauptet und keine negative Performance gemacht. Lag das an Asien?

Gerhardt: Ja, eindeutig. Der Fonds ist zu 80 Prozent in Asien investiert.

boerse.ARD.de: Welche Rolle spielt(e) Südostasien für den Fonds?

Gerhardt: Beim Edmond de Rothschild Global Emerging macht Südostasien nur etwa einen Anteil von 15 Prozent aus. Beim Edmond de Rothschild Asia Leaders ist das Gewicht von Südostasien deutlich größer.

Das Interview führte Notker Blechner.

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