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Lädierte türkische Flagge

Wirtschaft droht der Kollaps

Türkei wandelt auf des Messers Schneide

Stand: 17.03.2017, 16:16 Uhr

Die Anleihen auf Ramschniveau, das Zinsniveau bei zehn Prozent und eine Währung, die immer weiter abwertet. Trotzdem steigt der Aktienmarkt im Schwellenland Türkei. Wie passt das alles zusammen?

Es ist Wahlkampf in der Türkei und der starke Mann des Landes, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, wirbt für die Einführung eines Präsidialsystems, das nicht zuletzt ihm mehr Macht bescheren würde. Aber der Ton im Kampf um die Wählerstimmen am 16. April wird rauher und geht zunehmend unter die Gürtellinie. So sprach Erdogan schon kurz nach dem Juli-Putsch offen von "Säuberungen" und hat danach rhetorisch weiter aufgerüstet. Derzeit beschimpft er westeuropäische Politiker offen als Faschisten.

Die politischen Wogen zwischen Ankara und der EU schlagen derzeit so hoch wie nie zuvor und drohen, das ohnehin schwierige Verhältnis zwischen dem Schwellenland und der EU irreparabel zu beschädigen. Warum aber diese harschen Töne aus Ankara?

Börse in Istanbul, Türkei

Börse Istanbul. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Regierung in Not

Türkischer Präsident Recep Tayyip Erdogan

Recep Tayyip Erdogan. | Bildquelle: picture alliance / abaca

Unter dem gewählten Präsidenten Erdogan haben viele Türken lange Zeit einen stetig wachsenden Wohlstand erfahren. So verdreifachte sich das Pro-Kopf-Einkommen von 2003 bis 2012 und selbst die Finanzkrise 2009 konnte das Land nicht wirklich aus der Bahn werfen. Bereits 2010 wuchs das BIP wieder um 9,2 Prozent und übertraf damit sogar das Wachstum Chinas. Die Welt war in Ordnung und der türkische Präsident ein wichtiger Gesprächspartner weltweit.

Nun aber droht Ungemach, denn die Wirtschaft schwächt sich schon länger ab. Und damit könnte auch die Machtbasis des Präsidenten und seiner islamistischen AKP-Partei bröckeln (was gibt es da übrigens Besseres, als einen bösen Feind im Ausland, das altbewährte Politikerspiel, um Probleme zu übertünchen).

Wirtschaft macht schlapp

Leerer Strand in der Türkei

Leerer Strand. | Bildquelle: Imago

Dabei hätte die Regierung wohl besser daran getan, auf die eigenen Wirtschaftsdaten zu schauen. Diese sprechen eine deutliche Sprache. Die Arbeitslosigkeit lag im Februar bei etwas über zwölf Prozent und im dritten Quartal schrumpfte das BIP sogar um 1,8 Prozent.

Eine Katastrophe nicht nur für die Türkei, sondern für jedes Schwellenland. Aufstrebende Volkswirtschaften brauchen ein hohes Wachstum, um die wachsenden Bedürfnisse breiter Bevölkerungsschichten zu befriedigen und das dafür dringend benötigte fremde Kapital im Land zu halten.

Türkischer 5-Lira-Schein und verschiedene Münzen

Türkische Lira. | Bildquelle: Imago

Beides funktioniert aber nicht mehr in der Türkei. Die Investitionen fallen, in Zeiten steigender Dollarzinsen holen Anleger ihr Geld in die Heimatmärkte zurück und die politischen Spannungen im Land, inklusive der wüsten Beschimpfungen, halten die zahlungskräftigen Touristen in Scharen fern. Vor allem letzterer Punkt trifft das Land tief, denn der Tourismus ist eine der Haupteinnahmequellen für Ankara.

Ein Teufelskreis, aus dem es kaum ein Entkommen gibt. Ein wichtiger Indikator der kritischen Situation ist die Landeswährung Lira. Die hat zum Euro binnen eines Jahres fast 25 Prozent an Wert verloren. Die Notenbank sah sich im November gezwungen, den Leitzins auf 8,00 Prozent zu erhöhen, um die Währung zu stützen. Sehr zum Ärger des mächtigen Präsidenten, der niedrigere Zinsen wünscht.

Renten auf Ramschniveau

Um das traurige Bild abzurunden, genügt ein Blick auf die Zinsstrukturkurve. Die ist nämlich nahezu horizontal, ein seltenes Bild, das die totale Verunsicherung der Investoren widerspiegelt. So rentieren einjährige Staatsanleihen derzeit bei rund 11,7 Prozent, fünfjährige Papiere bei fast genau 11,0 und zehnjährige Laufzeiten bei 10,8 Prozent. Zum Vergleich: Die Anleihen der Bundesrepublik Deutschland bringen derzeit rund 0,4 Prozent und rentierten vor Kurzem sogar im Minus. Das Ganze bei einem AAA-Rating, dem besten überhaupt.

Türkische Fahnen schwenkende Menschenmenge bei einer Demonstration in Istanbul am 19. Juli 2016

Demonstrationen in der Türkei nach dem Putschversuch 2016. | Bildquelle: picture alliance / abaca

Und die Türkei? Erst zum Jahresanfang hatte die Ratingagentur Fitch die Bonitätsnote auf BB+ um eine Stufe gesenkt und Anleihen der Türkei damit zu Ramschtiteln gemacht. Auch die beiden anderen großen Agenturen S&P und Moody's teilen diese Bonitätseinschätzung. Somit können Investoren auf den ersten Blick sehen, wie es um das Land steht. Zudem droht das Land intellektuell auszubluten, denn nach dem Putsch wurden seither über 140.000 Beamte, Richter, Polizisten, Lehrer und Journalisten entlassen oder sogar inhaftiert.

Euro-Anleger haben von Aktienrally nichts

Einzig der Aktienmarkt hat sich zuletzt gefangen. Sowohl der breiter gefasste ISE-100 als auch der Index der 30 größten Standardwerte, der BIST 30 (ein Kursindex), haben zuletzt zugelegt. Allerdings hat dabei die schwache Währung die Kurse maßgeblich gestützt, hinzu kamen zuletzt etwas bessere Nachrichten aus dem Tourismusbereich. Wenigstens die Russen kommen nämlich wieder, nachdem die Spannungen zwischen Präsident Erdogan und dem russischen Präsidenten Putin abgebaut worden waren. Für Euro-Anleger aber ein fragwürdiger Sieg, berücksichtigt man die horrenden Währungsverluste.

BIST-30-Index, März 2016 bis März 2017

BIST-30. | Bildquelle: boerse.ARD.de

Für Deutschland steht ebenfalls viel auf dem Spiel

Aber nicht nur für die türkische Wirtschaft ist die momentane Lage kritisch. Auch die Exportnation Deutschland leidet unter den Spannungen. So erwartet der deutsche Maschinenbau nach Angaben des Branchenverbandes VDMA, dass das 2016 erreichte Exportplus von knapp drei Prozent nicht gehalten werden kann. Absolut wurden Güter im Wert von 3,9 Milliarden Euro ausgeführt.

Auch die Automobil- und die Chemieindustrie berichtet über Rückgänge im vergangenen Jahr gegenüber dem Vorjahr. Die Türkei steht unter den Exportpartnern Deutschlands auf Platz 15. Zuletzt zeigten sich viele Investoren verunsichert. Im vergangenen Jahr hätten sich die Geschäftsanfragen bei der Auslandshandelskammer in der Türkei halbiert, sagte Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) der "Welt am Sonntag".

rm

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Starke und schwache Schwellenländer

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Die Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten sorgte in Moskau für Jubel. Russland könnte nämlich der große Profiteur der neuen Weltordnung unter Trump sein. Der künftige US-Präsident hat zuletzt mehrfach Sympathien für Russlands Präsident Putin gezeigt. Anleger spekulieren auf eine politische Entspannung zwischen beiden Ländern trotz des Ukraine-Konflikts. Die russische Börse hat seit dem Trump-Erfolg als einer der wenigen Schwellenmärkte zugelegt. Seit Jahresbeginn hat sich der RTS (in Dollar-Basis) kräftig erholt und ist um gut 35 Prozent nach oben geklettert. Trotz der anhaltenden Sanktionen dürfte Russland im kommenden Jahr aus der Rezession kommen. Laut der Weltbank wird das BIP 2017 um 1,2 Prozent wachsen. In diesem Jahr dürfte die Wirtschaft um 0,7 Prozent schrumpfen.

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