Seitenueberschrift

Russland

Börsensaal der Börse Moskau

Gehören russische Papiere ins Portfolio?

Russland: Nur etwas für Mutige

von Robert Minde

Stand: 25.01.2016, 16:47 Uhr

Kaufen, wenn die Kanonen donnern, das ist eine alte Börsenweisheit. Aber gilt dies auch für das krisengeschüttelte Schwellenland Russland? Fakt ist, Engagements im Riesenreich sind nur etwas für Hartgesottene.

Denn wer sich dafür entscheidet, am russischen Kapital- oder Devisenmarkt einzusteigen, muss angesichts der heftigen Schwankungen hart im Nehmen sein. Beispiel gefällig? Der 51 Werte umfassende und in US-Dollar notierte RTS-Index (WKN A0YLBP), der allgemein für internationale Anleger als Benchmark für den russischen Aktienmarkt gilt, sprang an der Moskauer Börse zum Wochenschluss von 630 auf 690 Punkte nach oben.

RTS-Index, 6 Monate August 2015 bis Januar 2016

RTS-Index. | Bildquelle: boerse.ARD.de, Grafik: boerse.ARD.de

Mittelfristig war am russischen Markt jedoch wenig Staat zu machen, wie der Fünf-Jahres-Chart zeigt. Er zeigt aber auch, dass es im Abwärtstrend immer mal wieder zu mehr oder weniger kräftigen Erholungsphasen kam. Für Trading-orientierte Anleger also eine interessante Sache. Eine 'buy-and-hold-Strategie' wäre aber im russischen Fall definitiv falsch gewesen, denn letzlich herrscht ein klarer Abwärtstend vor. Und ein Bruch dieses Trends ist trotz des jüngsten Kurssprungs auch nicht in Sicht.

RTS-Index 5 Jahre 2011 bis 2015

RTS-Index. | Bildquelle: boerse.ARD.de, Grafik: boerse.ARD.de

Auch die Landeswährung Rubel machte einen kräftigen Satz nach oben gegenüber Euro und Dollar, nachdem vorher langjährige Tiefstände markiert worden waren. Bis zu 86 Rubel für einen Dollar und über 93 Rubel für einen Euro markieren bisher das Ende der scheinbar nicht enden wollenden Abwertungsspirale für die russische Währung.

Eine Wette auf den Ölpreis

Grund für den Höhenflug war die überraschende Befestigung des Ölpreises an den Weltmärkten zum Ende der vergangenen Woche. Die heftige Marktreaktion zeigt, dass für das Exportland Russland, dessen Haushalt sich zu rund 50 Prozent aus den Erdöleinnahmen speist, derzeit der Preis für das schwarze Gold über Wohl und Wehe des ganzen Landes entscheidet. Zwar gehen die strukturellen Probleme des russischen Staatskapitalismus weitaus tiefer als nur bis zum ölpreisbedingten Ende des kommenden Haushaltsjahres, die Märkte kennen aber derzeit nur dieses Thema.

Ein Engagement im russischen Aktienmarkt, beispielsweise über das Endloszertifikat der Royal Bank of Scotland auf den RTS (WKN AA0E8X), ist somit zunächst eine fast schon reinrassige Wette auf die Entwicklung der Ölpreise.

Mittelfristig setzt der Russland-Investor beim Kauf darauf, dass diese sich zumindest stabilisieren und damit die Talfahrt der russischen Wirtschaft zum Halten kommt oder sich zumindest abschwächt. Erste Stimmen sprechen auch bereits von einer möglichen Seitwärtsbewegung beim Ölpreis. Die meisten großen Analysehäuser überbieten sich aber im Moment immer noch darin, den Ölpreis weiter in den Keller Richtung 20 Dollar je Fass oder sogar noch tiefer zu prognostizieren.

Eine Stabilisierung der Wirtschaft wäre bitter nötig. Denn 2015 war ein wahres Horrorjahr für das Riesenreich, das tief in der Rezession steckt. So fiel das BIP offiziell um 3,7 Prozent, wie jüngst bekannt wurde. Und 2016? Offiziell geht die russische Regierung noch von einem BIP-Wachstum von 0,7 Prozent aus. Da dieser Analyse aber ein Ölpreis von 50 Dollar je Fass zugrunde liegt, ist sie schon obsolet. Insider aus dem Wirtschaftsministerium rechnen mit einer erneuten Abschwächung von rund 0,8 Prozent.

In der Inflationsfalle

Bliebe noch der Rentenmarkt. Angesichts rekordniedriger Zinsen in Euroland wirkt die derzeitige Rendite von 10,6 Prozent für zehnjährige Staatsanleihen geradezu atemberaubend. Selbst wer das Risiko einer weiteren Rubelabwertung umgehen will und in Euro oder vielleicht noch in Dollar anlegt, kann noch ein kräftiges Zinsvoraus einstecken. Die in Euro emittierte Staatsanleihe von 2013, die noch bis zum 16.9.2020 läuft (WKN A1HQXU), wirft immerhin eine Rendite von 3,77 Prozent ab.

Aber Vorsicht: Wie bei allen Schwellenländerpapieren sollten Interessenten zweimal hinschauen. So ist das Europapier der russischen Föderation mit einem nominalen Zinssatz von 3,625 Prozent von der Ratingagentur Moody's mit Ba1 bewertet. Im Börsenjargon ist das ein Ramsch-Rating, das bedeutet, dass die Bonität nicht mehr im Investment Grade-Bereich liegt. Kann Russland also seine Schulden bei Laufzeitende zurückzahlen?

Eine andere Rechnung für den Anleger ist ebenfalls verlockend. Denn angesichts der Rezession im Land müsste die russische Notenbank eigentlich den Leitzins senken, der seit dem 31.7.2015 bei genau 11,0 Prozent steht. Dies würde dann den Bondbesitzern zu Kursgewinnen verhelfen. Einer solchen Senkung steht aber die hohe Inflation entgegen, die im Dezember bei 12,9 Prozent und für das Gesamtjahr 2015 wohl bei knapp 16 Prozent liegen wird.

Notenbankpräsidentin Elvira Nabiullina will daher erst einmal nichts unternehmen und auch die Stützung des Rubel steht nicht, wie noch 1998 bei der bisher letzten Russlandkrise, auf der Agenda. "Wir werden nur dann intervenieren, wenn wir Risiken für die Finanzstabilität sehen. Solche Risiken gibt es derzeit nicht", erklärte sie. Wohl dem, ders glaubt angesichts der dramatischen Lage, allein es fehlt der Glaube. Als Kreml-Sprecher Dimitri Peskow dann auch noch die Sichtweise der russischen Regierung zum Besten gab, dass von einem 'Kollaps' des Rubel nicht gesprochen werden könne, rauschte der Wechselkurs an den Märkten weiter abwärts.

Deutsche Unternehmen im Blick

Gerade eine Entspannung beim Rubelkurs würde aber allen Beteiligten zugute kommen. Den in Fremdwährung hoch verschuldeten russischen Unternehmen, wie etwa die Ölgiganten Gazprom, Lukoil oder Rosneft, aber auch der deutschen Wirtschaft. Diese leidet ohnhein schon unter dem politischen Bannstrahl der Sanktionen, die im Zuge der Ukraine-Krise vom Westen verhängt wurden.

Adidas: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
146,30
Differenz absolut
2,20
Differenz relativ
+1,53%

Ob Adidas, die deutsche GM-Tochter Opel, Volkswagen, der Handelskonzern Metro oder der Generika-Hersteller Stada - es gab so einige Adressen auf dem deutschen Kurszettel, die gut in Russland vernetzt waren und wohl auch noch sind. Traditionell hat es immer enge wirtschaftliche Kontakte zwischen der deutschen Wirtschaft und dem Riesenreich gegeben. Eine politische Annäherung, nicht zuletzt auch im Nahen Osten, könnte zu einer win-win-Situation führen und würde an der Börse sicher mit großer Erleichterung aufgenommen werden. Darauf setzen sollten aber angesichts der immensen Probleme wohl nur die Hartgesottenen unter den Anlegern.

Darstellung: