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Machtwechsel in China
Bahn frei für Chinas Aktienmarkt?
von Ursula Mayer
Die chinesische Volksrepublik bekommt ein neues Staatsoberhaupt. Mit dem Machtwechsel könnten für Chinas Wirtschaft und den Aktienmarkt neue Zeiten anbrechen. Aber es gibt auch jede Menge Hürden zu bewältigen.
Bringt der Parteitag in China auch eine wirtschaftliche Neuausrichtung?
Seit vergangenem Donnerstag tagen in Peking die Delegierten der kommunistischen Partei Chinas. Zum 18. Parteitag steht ein Wechsel an der Führungsspitze an. Der bisherige Staatspräsident und Parteichef Hu Jintao tritt nach zehn Jahren an der Macht zurück. Sein Nachfolger wird im kommenden Jahr der Vizepräsident Xi Jinping – was im Grunde schon vorher bekannt war.
Der 59-Jährige gilt als "Prinzling": Er stammt aus einer einflussreichen kommunistischen Familie. Sein Vater war ein Revolutionsheld und hat an der Seite von Mao Zedong gekämpft, fiel dann jedoch zwischenzeitlich in Ungnade. Auch Xi Jinping kam früh mit der Politik in Kontakt und arbeitete sich im Machtapparat allmählich nach oben. Noch berühmter als er ist jedoch seine Ehefrau: Peng Liyuan ist eine beliebte Volkssängerin.
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Mitten aus dem Macht-Apparat
Xi Jinping darf sich also mit einer ordentlichen Portion Charisma und Glamour schmücken, steht aber zugleich vor großen Herausforderungen: Vor allem sorgen immer wieder Parteigranden für negative Schlagzeilen, weil sie ihre Macht ausnutzen und zum Beispiel Schmiergelder kassieren. "Sollten wir mit dem Problem nicht richtig umgehen, dann könnte das zum Zusammenbruch der Partei und sogar des ganzen Landes führen", sagte Hu Jintao in seiner Abschiedsrede.
Außerdem fährt die Lokomotive der Weltkonjunktur China nur noch mit gedrosseltem Tempo. Für dieses Jahr erwartet China ein Wachstum von 7,5 Prozent. Im dritten Quartal war das Wachstum mit 7,4 Prozent noch geringer und auf den niedrigsten Stand seit Anfang 2009 nach Ausbruch der Finanzkrise gefallen. Thomas Gitzel, Volkswirt bei der VP-Bank, sieht aber im Schlussquartal Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung. Er verweist beispielsweise auf den unerwartet hohen Zuwachs bei Anlageinvestitionen und die positive Wirkung von Infrastrukturprojekten.
Thomas Gitzel, Volkswirt bei der VP-Bank
Chinas Wirtschaftsboom flaut ab
Das Dopingmittel für Chinas wundersames Wirtschaftswachstum, das sind in Gitzels Augen staatliche Investitionen. Darauf hätte Xi Jinpings Vorgänger Hu Jintao gesetzt, doch die hätten sich zum Teil als ineffizient herausgestellt, warnt Thomas Gitzel. Er fordert bessere marktwirtschaftliche Strukturen: "Xi Jinping muss deshalb staatliche Privilegien beseitigen und mehr Wettbewerb zulassen." Da gibt es laut Gitzel gleich einen weiteren Stolperstein: Denn mehr wirtschaftliche Liberalität erfordere mehr Demokratie, ergänzt er.
Eine harte Landung, also einen Konjunkturabschwung, sollte China dennoch nicht erleben. Davon gehen die Analysten von Raiffeisen Capital Management aus. Sie rechnen statt dessen mit einem soliden Wachstum: "Auch die in einigen Bereichen zweifellos bestehenden Überkapazitäten und Ungleichgewichte innerhalb der Volkswirtschaft sollten bis auf weiteres kein größeres Problem darstellen." Gerüchte rund um eine Investitionsblase halten sie für übertrieben.
Aktienmarkt dümpelt vor sich hin
An den chinesischen Börsen sieht es derzeit allerdings auch mau aus. Das belegen wichtige Aktienindizes wie der Shanghai Composite und der CSI 300. Sie haben innerhalb der vergangenen zwölf Monate um 16 Prozent verloren. Deshalb sei für risikofreudige Anleger aber jetzt der ideale Zeitpunkt, bei chinesischen Aktien zuzugreifen, betont Vermögensverwalter Jens Ehrhardt im Interview mit boerse.ARD.de. Er erklärt: "Denn das Chancen-Risiko-Verhältnis ist derzeit günstig. Generell würde ich allerdings eher in Hongkong gehandelte Aktien empfehlen, denn dort gibt es höhere Sicherheitsstandards." Sie haben sich seiner Meinung nach gut entwickelt. Die Renditen und Dividenden seien hoch, die Bewertungen niedrig erklärt er.
Konkret empfiehlt Ehrhardt zum Beispiel Dienstleistungsaktien aus den Bereichen Finanzen und Technologie, eine Auswahl von Immobilienaktien und Aktien aus dem Bereich Konsum. Interessant sind seiner Meinung nach insbesondere Textil-Aktien, aus folgendem Grund: "Die Textilunternehmen hatten zwischenzeitlich überschüssige Ware mit einem großen Abschlag verkauft, aber jetzt sind die Lager abgebaut, da fallen die Gewinne wieder höher aus."
Ausländische Investoren haben noch das Nachsehen
Auch Martha Wang, die Fondsmanagerin des Fidelity China Focus Fund, sieht in Aktien aus dem Konsum-Sektor großes Potenzial, da sie im Zuge des Machtwechsels erwartet, dass der Binnenkonsum angekurbelt wird. Generell könnten chinesische Aktien ihrer Ansicht nach bald großen Auftrieb bekommen.
Martha Wang, Fondsmanagerin Fidelity China Focus Fond
Denn in China hätten viele kommunale Behörden bei der Umsetzung wirtschaftspolitischer Maßnahmen aus dem aktuellen Fünfjahresplan erst einmal den Parteitag abgewartet. "Das hat in diesem Jahr auch die Performance des chinesischen Aktienmarkts gebremst", ergänzt sie. Das dürfte sich ihrer Ansicht nach mit dem Führungswechsel aber ändern. Zumal die chinesische Notenbank ihre Geldpolitik zuletzt gelockert und den Leitzins überraschend auf 6,0 Prozent gesenkt hat.
Wer sich nun ein gutes Geschäft verspricht, sollte sich aber nicht allzu früh freuen: Denn an den chinesischen Börsen gibt es für ausländische Investoren nach wie vor Beschränkungen. In Zukunft sollen sie aber leichter Zugang zu den Aktien- und Anleihemärkten bekommen. Zumindest gab das der hochrangige Beamte Guo Shuquing auf dem Parteitag gegenüber der "Financial Times" bekannt.
Und was ist eigentlich mit den Chinesen?
Es sind jede Menge Reformen fällig. Davon ist Frank Sieren, der Autor des Buches "Angst vor China" überzeugt. Zugleich muss die neue Führungsspitze die sozialen Spannungen in den Griff bekommen: "Die Menschen sind verärgert über die weit verbreitete Korruption, die hohen Preise und sie leiden unter der großen Umweltverschmutzung", berichtet der Autor.
Frank Sieren
Ein weiteres Problem ist in seinen Augen das Sozialsystem: "Es steckt in den Kinderschuhen, allerdings erwarten die Chinesen auch nicht viel vom Staat", erzählt Sieren. Zumindest erhoffen sich die meisten aber bezahlbare Wohnungen, doch die Mieten sind oft viel zu hoch. Hier muss Xi Jinping nach Meinung des Autors schnell reagieren: "Grundsätzlich macht er gegenüber dem Westen einen sehr offenen Eindruck", findet er, "vielleicht kann die Zukunft des Landes sogar sozialer gestalten. Die Frage ist nur, wieviel Spielraum er hat."
Stand: 13.11.2012, 09:45 Uhr